Berlin - Damantang Camara ist spät dran. Der Feierabendverkehr hat Tempelhofs Straßen mit Autos geflutet und seinen Zeitplan durcheinander gebracht. Sonst trainiert SD Croatia ja auch auf dem Fußballplatz an der Bosestraße, doch an diesem Abend sind Camara und seine Mannschaft auf den Dominicus-Sportplatz ausgewichen, weil sie dort am Sonntag ihr Halbfinale im Berliner Pokal gegen den BFC Dynamo austragen (14.30 Uhr). Auf dem Rasen werden schon Eckbälle in den frostigen Abendhimmel geschlagen. Camara stürmt in die Umkleide. „Sorry“, sagt er. Ein Lächeln ist seine Entschuldigung.

Verdickung der Herzwand

Hauptsache, der 23-Jährige ist jetzt da, das ist schließlich die Geschichte, die Geschichte eines beeindruckenden Comebacks. Camara gilt als bester Angreifer von Croatia. Acht Tore erzielte er in der Berlin-Liga und eines im Pokal. Seit dieser Saison macht er wieder Jagd auf Tore, nach zwei Jahren Pause. Lange sah es so aus, als würde er nie wieder Fußball spielen können. Camara leidet an einer Verdickung der Herzwand. Über Jahre trieb er Sport ohne zu ahnen, welcher Gefahr er sich damit aussetzen könnte.

Camara stammt aus Guinea, schon in der Heimat war Fußball sein Hobby. Doch erst als er mit seiner Schwester zum Vater nach Berlin zog, wurde daraus eine Passion. Über den Lichterfelder FC kam er zur U19 von Tennis Borussia. 2012 schloss sich Camara schließlich Viktoria 1889 an. „Eigentlich sollte ich nach Altlüdersdorf wechseln“, erinnert er sich, „ aber einen Tag vor der Unterschrift machte mich mein Berater mit Leuten von Viktoria bekannt.“ Das Angebot klang verlockend.

Er fiel um, einfach so

Camara ging in die Oberliga. In 27 Partien erzielte er zehn Tore, die Viktoria stieg auf, es lief traumhaft. Dann kam der 4. Juli 2014, das Finale im Berliner Pokal stand bevor, Viktoria gegen Tasmania, die nächste Chance, sich zu bewähren – Camara fiel um, einfach so.

„Ich fühlte mich ein bisschen unwohl, die Atmung war unruhig.“ Er kannte das bereits. „Das passiert manchmal, nachdem ich eine gute Belastung hatte und zur Ruhe komme.“ Er wurde bewusstlos, „aber nach ein paar Sekunden kam ich wieder zu mir“. Er konnte sich an den Moment vor der Ohnmacht erinnern. „Alles war wieder in Ordnung.“ So fühlte es sich an. Ins Krankenhaus musste er trotzdem, wenn auch erst einige Tage nach dem Vorfall. „In dem Moment war ich weg vom Fenster“, sagt Camara.

Attest für Spielerpass verweigert

Die behandelnden Ärzte fürchteten, beim nächsten Anfall könne Camara nicht mehr zu retten sein. Sie verweigerten ihm das obligatorische Attest für den Spielerpass. Aus, Ende, Schluss mit Fußball.

„Ich befand mich damals mitten in der Ausbildung zum Physiotherapeuten“, erzählt Camara weiter. Einerseits war das sein Glück, weil er nicht ins Bodenlose fiel, ein Ziel hatte, eine Beschäftigung. Andererseits litt die Lehre unter den finsteren Gedanken, die ihn plagten. Ausgerechnet dem Fußballspiel, seiner großen Leidenschaft, sollte er nie mehr nachgehen können. „Ich habe die Kurve gekriegt. Meine Familie und meine Freunde haben mir geholfen, damit fertig zu werden.“

Camara schloss die Ausbildung ab, betreute die A-Jugend von Viktoria als Physio, kam dadurch in Kontakt mit Berlin-Ligist Croatia; der auf demselben Platz wie der Regionalligist trainiert. Und schon hatte Camara ein neues Team, hatte auch weniger Bedenken als zuvor, denn: „Die Ärzte haben inzwischen jede Menge Untersuchungen mit mir gemacht, alle Ergebnisse fielen gut für mich aus.“ Bekam er das Okay fürs Comeback? Camara sagt: „Mir wurde Sport nicht verboten. Mir wurde nur davon abgeraten.“

Moderates Trainingspensum

Ivan Pelivan schmunzelt über die salomonische Antwort. Croatias Geschäftsführer lehnt in der Kabine am Durchgang zu den Duschen. Er hat Camaras Schilderung verfolgt, jetzt erzählt Pelivan, dass sie anfangs ein mulmiges Gefühl hatten, wenn Camara hinfiel und liegen blieb. Der Manager schildert seine Gedanken damals: „Was ist jetzt los? Hat er nur einen Tritt abbekommen? Ist etwas Schlimmeres passiert?“

Bis jetzt ist es das nicht. Camara sagt, das Trainingspensum sei in der Berlin-Liga moderat mit drei Einheiten pro Woche und einem Spiel am Wochenende. „Trotzdem werde ich nie richtig fertig werden mit der ganzen Geschichte.“ Es sprudelt förmlich aus Camara heraus: „Die Ärzte können mir keine hundertprozentige Sicherheit geben. Es kann sein, dass sie sagen: Das war’s mit Fußball. Aber Fußball ist mein Leben. Wenn ich nach Hause komme, schalte ich den Fernseher an und schaue Fußball. Das ist dann der erste Streitpunkt mit meiner Freundin. Wenn ich Freunde treffe, reden wir über Fußball.“ Allerdings ist Camara seit 18 Monaten Vater eines Jungen, Bengali junior, der Senior ist sich seiner Verantwortung bewusst. Und er weiß, dass ein Aus als Fußballspieler nicht sein Abschied vom Fußball sein muss.

Camara arbeitet inzwischen für eine kleine Physio-Praxis in Gesundbrunnen. „Ich kümmere mich gerade viel um alte Menschen“, sagt er: „Um Leute so ab 40.“ Aber irgendwann wird er ein Fußballteam betreuen. Das jedenfalls ist hundertprozentig sicher im Leben des Fußballers Damantang Camara.