Einer der besten Mittelstreckler aller Zeiten: Sebastian Coe.
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BerlinSebastian Newbold Coe hat schon immer gern doziert. So referierte er während seiner Leichtathletik-Karriere, als in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre noch die Briten den Mittelstreckenlauf dominierten und Coe gelegentlich beim Berliner Istaf startete, mit Vorliebe über die Kunst, während eines Rennens in jeder Situation das Richtige zu tun und am Ende als Sieger über die Ziellinie zu laufen. „Racecraft“ nannte er diese Fähigkeit, die ihn nur selten im Stich ließ.

Das taktische Element dieser Racecraft und die rhetorische Überzeugungskraft transferierte Coe ziemlich umstandslos in seine Unternehmungen nach dem Ende der sportlichen Laufbahn. Die politischen Ausflüge, die lukrativen geschäftlichen Aktivitäten als Sportvermarkter und Berater des Sportartikelkonzerns Nike und schließlich die sportpolitischen Verstrickungen, die ihn 2015 ins Präsidentenamt beim Weltverband der Leichtathleten führten, damals noch IAAF, heute World Athletics.

Coe ist ein idealer und begehrte Lobbyist

Ähnlich wie bei Franz Beckenbauer in Deutschland ließen ihn Charme, Eloquenz und Weltläufigkeit zum idealen und begehrten Lobbyisten avancieren. Vor allem Coe war es zu verdanken, dass eine anfangs als chancenlos eingestufte Bewerbung Londons für die Olympischen Spiele 2012 schließlich erfolgreich verlief, weniger Fortune war später trotz Coes Hilfe der Kandidatur Englands für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 beschieden. Bis heute sind die Engländer überzeugt, dass Korruption im Spiel war, als Russland den Zuschlag bekam.

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Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen.

Seine ganze Racecraft benötigte Coe, um im Vorfeld der Leichtathletik-WM 2015 in Peking das Rennen gegen das ehemalige Stabhochsprungwunder Sergej Bubka um die Nachfolge von IAAF-Präsident Lamine Diack für sich zu entscheiden. Vier Weltreisen unternahm er, um für sich zu werben, und beim Versuch, die Landesverbände auf seine Seite zu ziehen, scheute er auch nicht davor zurück, sich beim eher kritischen Teil der Öffentlichkeit ziemlich unbeliebt zu machen.

Den Senegalesen Diack, der 16 Jahre lang den Verband nach Gutsherrenart geführt hatte, inzwischen in Frankreich wegen Korruption angeklagt ist und dem er vor Olympia 2012 noch Misswirtschaft vorgeworfen hatte, lobte er in den höchsten Tönen. Kurz zuvor bekanntgewordene Enthüllungen von Sunday Times und ARD über russisches Doping und dessen Vertuschung durch den Weltverband bezeichnete er als „Kriegserklärung an meinen Sport“ und diffamierte die Kritiker. Das kam an bei den Funktionären,  mit 115:92 Stimmen setzte sich Coe gegen Bubka durch.

Liebe für Cricket, Jazz und den FC Chelsea

Mit seiner ruhigen, distinguierten und distanzierten Art wirkt Sebastian Coe, der Jazz, Cricket und den FC Chelsea liebt, wie aus einem exklusiven britischen Herren-Club entsprungen. Ihn selbst amüsiert das. „Ich muss grinsen, wenn mich die Leute als klassischen Engländer sehen, dabei bin ich doch so ein kultureller Mix“, sagte er mal, „teilweise indisch, von mütterlicher Seite her auch irisch und walisisch.“

Wie aus einem englischen Herren-Club: Sebastian Coe.
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Sein Großvater war ein indischer Lebemann, der eines der luxuriösesten Hotels in Delhi betrieb und beim Studienaufenthalt in England die aus einer Künstlerfamilie stammende Vera Swan kennenlernte und heiratete. Damals eine ungewöhnliche Liaison, die für viel Feindseligkeit in England und Indien sorgte. Ihre ersten Jahre hatte Coes Mutter Angela in Delhi verbracht, nach der Scheidung der Eltern wurde sie in England Schauspielerin und ehelichte schließlich den wenig glamourösen Ingenieur Peter Coe, der die Sportkarriere des Sohnes als Trainer und Mentor begleitete, in Leichtathletik-Kreisen wegen seiner kühlen, autoritären Art aber wenig beliebt war.

„Wenn du einen Namen wie Sebastian trägst, musst du lernen zu kämpfen oder wegzulaufen“, schrieb Coe in seiner Autobiographie. Er lernte beides. Früh wurde das immense Lauftalent des schlanken, zerbrechlich wirkenden Jünglings deutlich, von den drei damals weltweit führenden und heftig miteinander rivalisierenden englischen Mittelstrecklern Steve Cram, Steve Ovett und Coe war Letzterer bei weitem der eleganteste und faszinierendste.

Ein atemberaubender Schlussspurt

Vor allem über die 800 Meter war Coe dank seines atemberaubenden Schlussspurts kaum zu schlagen – außer bei Olympischen Spielen. 1980 in Moskau, wo Großbritannien trotz Boykottaufruf von US-Präsident Jimmy Carter an den Start ging, verlor er gegen Ovett, als ihn seine Racecraft plötzlich komplett im Stich ließ. Das taktisch miserabelste Rennen seiner Karriere sei das gewesen, pflegte er später zu sagen. Dafür gewann er dann auf Ovetts Spezialstrecke über 1500 Meter.

Einen ähnlichen Ablauf gab es vier Jahre später in Los Angeles. Da blieb ihm wie in Moskau nur Silber über 800 Meter, diesmal unterlag er dem Brasilianer Joaquim Cruz, er siegte aber erneut und diesmal unerwartet über 1500 Meter. Da hatte ihm im Vorfeld bereits eine Verletzungs- und Krankheitsanfälligkeit zu schaffen gemacht, die ihm nur wenige große Jahre gestattete. So zum Beispiel 1979, als der damals 22-Jährige binnen 41 Tagen Weltrekorde über 800 Meter, 1500 Meter und die Meile aufstellte. Sein 1981 in Florenz gelaufener Weltrekord von 1:41,73 Minuten über 800 Meter wurde erst 1997 von Wilson Kipketer gebrochen, schneller waren bis heute nur Kipketer und der aktuelle Weltrekordhalter David Rudisha.

Erst Pfeiffersches Drüsenfieber, dann eine langwierige Toxoplasmose beeinträchtigten seine Vorbereitung auf die Spiele in Los Angeles, dennoch schaffte er die Qualifikation und bewies nach seinem Sieg über 1500 Meter, dass er auch garstig werden konnte. Wütend drohte er den englischen Journalisten auf der Pressetribüne mit der Faust und brüllte: „Wer sagt jetzt, dass ich am Ende bin.“ 1986 in Stuttgart wurde Coe noch einmal Europameister, für die Spiele 1988 in Seoul reichte es nach weiteren körperlichen Malaisen nicht mehr. 1990 war dann endgültig Schluss.

„Ich bin nur ein altmodischer Tory“, sagte der politisch stets konservative Coe einmal dem Guardian, und nach der sportlichen Laufbahn deutete alles auf eine politische Karriere hin. 1992 wurde er ins Unterhaus gewählt, wo er fünf Jahre blieb, bis er seinen Sitz an Labour verlor. Später war er bis zur verlorenen Parlamentswahl 2001 Stabschef vom konservativen Parteivorsitzenden William Hague, seit seiner Erhebung in den Adelsstand im Jahr 2000 gehört er dem House of Lords an. Als sich Coes Popularität nach den Olympischen Spielen 2012, deren Organisationschef er war, auf dem Höhepunkt befand, hätten ihn die Konservativen gern als Nachfolger von Boris Johnson ins Londoner Bürgermeisteramt gehievt, doch er lehnte ab. Lieber wollte er die Leichtathletik retten.

Der Versuch einer Reform

„Meine Leidenschaft ist mein Sport, ihm verdanke ich alles“, sagte er, „wenn ich die Möglichkeit habe, seine Zukunft zu gestalten, warum sollte ich es nicht tun?“ Dass es so turbulent werden würde, hatte Coe jedoch nicht geahnt. In einem sogenannten „Manifesto“ hatte er vor der Wahl seine Pläne dargelegt, zentraler Punkt war die später auch realisierte Einrichtung einer unabhängigen Ethik-Einheit, auch zum Zwecke der Dopingverfolgung. Außerdem wollte er die Diamond League reformieren und hatte viele Ideen, um die Leichtathletik wieder populärer zu machen und vor allem der Jugend nahezubringen.

Kaum gewählt, wurde jedoch alles überlagert vom Problemfall Russland. Wohlwissend, dass halbherzige Maßnahmen den ramponierten Ruf der Leichtathletik nicht retten würden, ging Coes Verband strikter gegen Russland vor als das IOC und andere olympische Sportverbände. Der russische Leichtathletikverband (Rusaf) wurde suspendiert, seine Athleten durften bei  Olympia 2016 in Rio nicht starten, später nur dosiert unter neutraler Flagge.  Noch im März verhängte World Athletics nach neuerlichen Verstößen eine 10-Millionen-Dollarstrafe gegen die Rusaf und begrenzte die Zahl der neutralen Athleten auf zehn.

Das hätte auch für Olympia in Tokio gegolten, wären die Spiele wegen Corona nicht ebenso verschoben worden wie die Leichtathletik-Weltmeisterschaften, die 2021 in Eugene, Oregon stattfinden sollten. Die Dinge, das lässt sich zweifelsfrei konstatieren, werden nicht einfacher für Sebastian Newbold Coe.