Sebastian Vettel (r.) und Lewis Hamilton sind Typen, die eine erfolgreiche Rennserie braucht.
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SpielbergDie Formel 1 ist immer ein Geschäft, das auf die Zukunft gerichtet ist. Fragt sich nur, wo diese anfängt. Für Sebastian Vettel kurzfristig mit der Wiedergutmachung beim Großen Preis der Steiermark, langfristig mit der Entscheidung über seine Karriere – oder deren Ende. Vetttel braucht nicht bloß einen Job, er sucht eine Perspektive. Ferrari hat den Abgang des Heppenheimers forciert, aber die Königsklasse an sich braucht ihn. Nicht bloß als Fahrer, sondern als Typen. Es ist ja kein Zufall, dass Fernando Alonso zurückkehren wird. Alphatiere sind gefragt, Kontroversen auch. Lewis Hamilton als Vorkämpfer gegen den Rassismus macht es gerade wieder einmal vor. Der Brite hofft, dass Vettel noch irgendwo unterkommt: „Es wäre schade, wenn Seb aufhören würde. Er hat dem Sport noch viel mehr zu geben. Man sollte die Weltmeister halten.“

Es wird eng für Sebastian Vettel. Vom Anspruch her bleibt vermutlich nur ein Platz neben Lance Stroll beim Racing-Point-Rennstall, der 2021 als Werksteam von Aston Martin an den Start gehen wird. Ein Flirt Vettels mit Ex-Arbeitgeber Red Bull wurde gerade zwar öffentlich: „Das ist ein Auto, mit dem man Rennen gewinnen kann. Wenn es ein Angebot gäbe, würde ich nicht Nein sagen.“ Aber dort würde er auf die gleiche Situation treffen wie mit Charles Leclerc bei Ferrari – Max Verstappen ist der Mann der Zukunft. Der Niederländer stellt klar: „Ich habe in der TV-Show aus Höflichkeit gesagt, dass ich mir Sebastian als Teamkollegen vorstellen kann. Aber das Team ist happy mit Alex Albon und mir.“ Rumms, wieder ein Garagentor zu. Die Optionen werden weniger.

Vettel bestätigt, dass er mit Renault gesprochen habe, bevor dort Alonso andockte. Aber richtig ernst war es wohl beiden Seiten nicht damit. Das Sabbatical des Spaniers, das sogar zwei Formel-1-Jahre umfasste, könnte ein Vorbild für den letzten Deutschen im Grand-Prix-Sport sein, auch wenn er bislang sagt: „Wenn man die Entscheidung trifft, die Tür zu schließen, sollte man das nicht in der Hoffnung tun, sie irgendwann wieder zu öffnen.“ Doch trotz des verpatzten Auftaktes seiner Abschiedstournee mit Platz zehn am letzten Wochenende lodern in ihm Trotz und Leidenschaft: „Es ist kein Geheimnis, dass ich noch wettbewerbsfähig bin.“ Unter Druck setzen lassen will er sich nicht, dass hat er in der Steiermark noch einmal bekräftigt: „Ich muss es zunächst einmal mit mir selbst ausmachen. Dafür nehme ich mir die Zeit, die ich brauche.“

Die richtige Richtung finden, das gilt auch für seinen roten Dienstwagen. Der SF 1000 ist bislang ein Rückschritt, eilig sollen jetzt neue Teile ans Auto kommen. Das zweite Rennen hintereinander in Spielberg kann der Scuderia helfen, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Vettel weiß, dass alles, was er tut oder lässt, gerade kritisch beäugt wird: „Ich werde nur noch eine begrenzte Zeit für das Team fahren. Das ist keine leichte Situation. Das Team und ich versuchen, das Beste daraus zu machen.“ Formel-1-Geschäftsführer Ross Brawn weiß aus Erfahrung: „Wenn ein Fahrer ein Team verlässt, dann wird er anders behandelt als ein Fahrer, der bleibt. Das findet im Unterbewusstsein statt. Da kannst du nichts dagegen tun.“ Mit seiner Meinung, so viel ist schon klar, muss der Hesse nicht mehr hinter dem Berg halten. Davor muss sich nur der umstrittene Teamchef Mattia Binotto fürchten.

Dass Vettel, seit einer Woche 33, öffentlich der Ferrari-Darstellung über seinen beschlossenen Abgang widersprochen hat, ist ein gutes Beispiel für die Metamorphose einer Rennfahrer-Persönlichkeit. Am Anfang war er nur ein talentierter Pilot, erst Ende zwanzig mutierte er zum Alphatier. Ein Wandel, den viele durchgemacht haben, die die Formel 1 sportlich und auch sonst dominierten: Michael Schumacher ebenso wie Fernando Alonso oder Lewis Hamilton, der sowohl von seiner Leistung als auch der Wirkung her eine Ausnahme ist: der Champion der Formel Charisma.

Hamiltons Status als Weltmeister, der mit Rekordchampion Schumacher nach Titeln gleichziehen kann in dieser Saison, ist an seinen 84 Rennsiegen abzulesen. Aber was lässt einen Motorsportler auch zum Leitwolf werden? Mit großer Wahrscheinlichkeit hat das nicht nur mit Selbstbewusstsein oder Selbstdarstellung zu tun, sondern mit Erkenntnis. Wer auf Dauer Erfolg haben will in der Formel 1, der muss den schwierigen Spagat schaffen, auf der Strecke der größtmögliche Egomane zu sein, in der Boxengasse aber auch ein überzeugter Teamplayer.

Daran ist Fernando Alonso während seiner Karriere immer wieder gescheitert, hat die Schuld selten bei sich gesucht. Zumindest hat ihn das zum Meister der Kontroverse gemacht. Ist Sebastian Vettel auf dem Weg dahin? Auch er ist zuletzt an den hohen Erwartungen und am Umfeld in Maranello verzweifelt. Doch noch verneint er es öffentlich: „Ich will bei Ferrari bis zum Schluss alles geben. Das bin ich denen im Team schuldig, die alles für mich gegeben haben.“ Aber alle waren das eben nicht.