Sebastian Vettels Vertrag bei Ferrari läuft nach dieser Saison aus.
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EllighausenNoch, sagt Sebastian Vettel, gehen ihm die Ideen nicht aus. Er bezieht das am frühen Donnerstagmorgen vorerst auf die Erziehung und Unterhaltung der drei Kinder. Formel-1-Piloten im Lockdown unterscheiden sich in manchen Dingen so überhaupt nicht von der restlichen Bevölkerung. Vettel, der auf seinem Bauernhof im schweizerischen Kemmental häufig die Frühschicht im Haushalt hat, ist ohnehin einer der Rennfahrer, auf den das so oft missbrauchte Wort „authentisch“ prima passt. Er liebt die Entschleunigung sogar ein wenig, er vermisst es aber, Live-Sport gucken zu können, wenn er   mal so viel Zeit dazu hätte, er gärtnert, er müsste dann aber doch mal zum Friseur – und dann ist da eben immer wieder regelmäßig diese Geduldsprobe: „Es beginnt zu kribbeln, ein bisschen zu jucken …“ Der Gasfuß. Ach, wie schön, sinniert er, wäre es, wenn man das Gefühl hätte, dass etwas passiert in der stillgelegten Königsklasse des Motorsports. Es ist der Dreisatz aus Vernunft, Verzweiflung und Verlangen, der die ganze Branche an das mentale und finanzielle Limit bringt.

Es beginnt zu kribbeln, ein bisschen zu jucken."

Sebastian Vettel

In jedem Fall fühlt sich der einzige deutsche Formel-1-Pilot sofort bereit, wenn es wieder losgehen sollte. Theoretisch Ende Juni in Südfrankreich, wahrscheinlicher aber doch Anfang Juli in Österreich – als Geisterrennen.

Vettel appelliert an die Motorsportfamilie

„Das würde sich zwar merkwürdig anfühlen, und es ist vor allem für die Fans schmerzlich. Aber andererseits sind wir auch schon an Orten gefahren, bei denen unter normalen Umständen keine Zuschauer waren“, sagt er mit leichter Ironie.

Er ist froh, dass die Coronakrise ihn, seine Familie und Freunde und die Kollegen bei Ferrari in Maranello nicht direkt gesundheitlich betroffen hat. Aber er weiß von vielen Scuderia-Mitarbeitern, deren Eltern oder Großeltern um ihr Leben kämpfen: „Das macht einen sehr betroffen. Wenn man um solche Fälle im direkten Umfeld weiß, dann ändert sich sehr schnell die Perspektive.“ Vettel, für den das Umfeld seines Tuns immer schon entscheidend war, beschwört auch die Solidarität innerhalb der Branche, und mit den kleinen Rennställen. Er sagt: „Die Formel 1 ist auch eine Familie, und in der muss einer nach dem anderen gucken.“

Komplizierte Verhandlungen

Guckt er zur Abwechslung nach sich, dann geht es um die Zukunft nach dem Corona-Weltmeisterschaftsjahr – nach sechs Jahren läuft sein Vertrag mit Ferrari aus. Wenn nicht jetzt verhandeln, wann dann? Um das Gehalt hochzupokern, ist es vermutlich die falsche Zeit, aber bei dem 32-Jährigen geht es auch eher um die Laufzeit. Bislang hatte er immer nur Drei-Jahres-Kontrakte. Das wäre der Wunsch, aber er wird kaum erfüllt werden. Angeblich soll es schon eine Offerte über ein Jahr gegeben haben, aber das wäre ihm zu wenig. Schließlich sieht er durchaus Perspektiven, auch anderswo (McLaren?): „Ich bin einer der erfahrensten Piloten, aber nicht der älteste. Und ja, ich habe klargemacht, dass ich gern bei Ferrari bleiben würde.“ Die Verhandlungen würden weitergehen, auch ohne dass man gemeinsam am Tisch sitzen könne: „Aktuell hatte das nicht die oberste Priorität. Wir haben bis Ende Juni noch genug Zeit, das zu Ende zu besprechen. Eine wirkliche Deadline gibt es aber nicht.“