Seit einem Jahr sieglos in der Formel 1: Sebastian Vettel.
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BerlinEndlich hat Sebastian Vettel wieder etwas zu feiern in der Formel 1. Nicht nur, dass er schon mehr als die Hälfte seiner letzten Saison mit Ferrari über die Runden gebracht hat. Für den Heppenheimer ist der Große Preis von Russland der 250. Grand Prix seiner immer noch eindrucksvollen Karriere. Erstmals wird im Olympia-Autodrom auch wieder vor einer größeren Zuschauerkulisse gefahren. Sie werden Vettel kämpfen sehen, wie immer, auch wenn es aussichtslos scheint. Für den Jubilar aber geht es darum, sich auf die alten Stärken zu besinnen.

Ferrari bringt nur ein kleines Aerodynamik-Paket ans Schwarze Meer, weshalb Vettel weiterhin sein Päckchen zu tragen hat mit dem ungeliebten SF 1000. Es gibt vom letzten Jubiläum, dem 200. Rennen, einen Satz aus der hessischen Renn-Weisheitskiste, der immer noch uneingeschränkt Gültigkeit besitzt: „Ich denke, dass das Wichtigste ist, dass du liebst, was du tust, und nie zu weit nach vorne siehst.“ Gut, das Saisonende ist absehbar und der Neustart mit Aston Martin auch.

Für ewige Kritiker weist der Wechsel zum Mercedes-Kundenteam eine Parallele zu Michael Schumachers Rückkehr nach seinem ersten Rücktritt auf. Die legte zwar die Basis für das heutige Champion-Team von Mercedes, verlief für den Rekordweltmeister selbst aber unglücklich. Solche Vergleiche, bescheidet Schumacher-Freund Vettel, würden einen nicht weiterbringen. Mal ganz abgesehen von der Altersklasse: Schumi wollte es mit 41 noch mal wissen, Vettel ist gerade 33 Jahre alt.

14 davon hat er in der Formel 1 verbracht, in der er im Schnitt bei 249 Rennen und 53 Siegen jedes fünfte gewinnen konnte. Dahin will er wieder zurück, zumindest zur Siegfähigkeit. Zehnte Plätze, wie beim letzten Rennen in der Toskana, gelten bei seinem neuen Rennstall, der momentan noch unter Racing Point firmiert, eher als Enttäuschung. Das Team aus Silverstone hat 92 WM-Punkte eingefahren, Ferrari nur 66 – und Vettel davon ganze 17. Sein letzter Sieg ist ziemlich genau ein Jahr her.

Die Leichtigkeit eines Lausbuben hat ihn getragen

Auch wenn der vierfache Weltmeister bekennender Traditionalist ist, die Statistik ist nur ein schwacher Trost gerade. Aber immerhin: In der ewigen Punkte-Wertung ist er Zweiter hinter Lewis Hamilton, und mit seiner Ausdauer hat er es in die Top Ten der Piloten mit den meisten Rennen geschafft. Wenn nur das Vettel-Vau endlich wieder für Victory und nicht für Verzweiflung stünde. Immerhin: In diesem miserablen Jahr ist allen klar, dass es nicht an ihm und seinen Fähigkeiten liegt.

Deshalb: zurück zu den Stärken, die in seiner Vita dokumentiert sind. Nehmen, wie es kommt, damit hat es 2007 als Ersatzpilot bei BMW begonnen – und mit einem Punkt gleich im ersten Rennen. Die Lausbuben-Leichtigkeit hat ihn weitergetragen, noch über Jahre hinweg. Erst im vergangenen Jahr hat er sie fast komplett eingebüßt. Wie gut, dass er bald in ein britisches Team zurückkommt, Vettel ist ein Freund der sehr eigenen Comedy auf der Insel. Mit solchen Zwischentönen können sie bei der Scuderia wenig anfangen.

Hin zu den Überraschungsmomenten. Zu denen zählte der erste Sieg 2008 im Regen von Monza und der erste Titel 2010 in Abu Dhabi, als er nur ein Außenseiter war. Der absolute Wille und die absolute Konzentration haben ihn seine Grund-Nervosität ausschalten lassen. Er hat nur aufs Rennen, aufs Auto und auf sich geschaut.

Ein politischer Mensch im Sinne von Intrigen ist er nicht. Das liegt Sebastian Vettel nicht nur fern, es ist ihm fremd. Er hat seine eigene Meinung und er kann ziemlich stur sein. Daraus muss er sich einen neuen Cocktail mixen für Aston Martin, wo er auf den Sohn des Teambesitzers treffen wird. Er will wieder mehr sein als Fahrlehrer, mit dieser Rolle hat er bei seinem ehemaligen Ferrari-Adjudanten Charles Leclerc schon schlechte Erfahrungen gemacht. Endlich zum echten Mannschaftskapitän wachsen. Bei Red Bull Racing ist solche Mitbestimmung grundsätzlich nicht gewünscht, bei Ferrari hat er es trotz aller Bemühungen (samt Italienisch-Kursen) nicht geschafft.

In diesen ungemütlichen Zeiten aber hat er seine Charaktereigenschaften weiter schärfen können. Den Respekt behalten vor den anderen und Respekt gewonnen, indem er unermüdlich gegen das technische Schicksal arbeitet und sich nicht groß öffentlich beklagt. Lieber schweigt er, was auch ein Zeichen ist. Und ein souveräner, professioneller Umgang.

Die Erfahrungen aus der Krise werden seinen Ehrgeiz noch einmal antreiben. Alles, was sich da anstaut, soll umgewandelt werden in positive Kraft. Er will alles noch einmal drehen, wie im WM-Finale 2012 in Brasilien, seinem dramatischsten Rennen. Aus aussichtsloser Position sicherte er sich doch noch den Titelhattrick. Er braucht auch jetzt ein Auto, mit dem er zeigen kann, was er noch kann. Die neue Aufgabe ist nicht kleiner, sie ist noch als Frage zu formulieren: Rettet Sebastian Vettel sich und seine Karriere?