Irgendwann wussten nicht mal mehr die Akteure auf dem Platz, ob sie gerade jubeln oder schimpfen sollten. „Es war einfach verrückt“, sagte Steven Skrzybski, als alles vorbei war. „Ich konnte es nicht glauben.“ Abschlagfehler da, klasse Freistoß hier, Abwehrlücke dort, feiner Pass, super Lupfer, Stellungsfehler. Tor, Tor, Tor, Tor, Tor, Tor, Tor. Der 1. FC Union und Holstein Kiel boten den 21 242 Zuschauern, die zum ersten Heimspiel der Saison an die Alte Försterei gekommen waren, ein einmaliges Spektakel: sechs Tore in 32 Minuten, das hat es in der Zweiten Liga noch nie gegeben. Bis Union-Coach Jens Keller das Treiben auf dem Platz zu wild wurde, er befahl Defensive. Was auch alle befolgten. Nur Skrzybski ließ noch einen kaum zu glaubenden Moment folgen. Annahme, Dropkick, 4:3. Sieg. Jubel.

Am Eingang zur Kabine standen danach alle Union-Spieler, die nicht hatten mitwirken dürfen an diesem begeisternden Durcheinander. Die es nicht in den Kader geschafft hatten. Ein ungläubiges Grinsen lag auf ihren Gesichtern. Krass! Hast du gesehen? Wahnsinn! Echt? Und die, die dabei gewesen waren, mussten den Tribünengästen erklären, was da auf dem Feld passiert war. Leicht fiel ihnen das nicht. Stürmer Sebastian Polter etwa hatte den finalen Skrzybski-Tusch gar nicht mitbekommen, weil er sich gerade – schmerzhaft getroffen – an der Mittellinie wälzte. Immerhin hatte er eine Vermutung in Sachen Anfangswirbel. „Wir haben mit einem anderen System gespielt, weil wir dachten, dass das gut ist“, sagte er.

Psychische Nackenschläge

Und wie gut es war. Zumindest offensiv. Skrzybski stürmte neben Polter, dahinter gab Marcel Hartel den Spielmacher und in dessen Windschatten machten Damir Kreilach und Simon Hedlund Dampf. Mehr Angriff geht nicht, im Zentrum überrannte diese Übermacht den Kontrahenten. Und weil die Flügel so nicht besetzt waren, übernahmen eben die Außenverteidiger die Seitenangriffe. Den Nachteil brachte Keller hinterher prägnant auf den Punkt: „Die Defensive hat nicht stattgefunden.“

Der ehemalige Unioner Dominic Peitz fing einen Abschlag von Jakob Busk ab, der postwendend hinter sich greifen musste, weil Marc Torrejón und Kristian Pedersen, der seinen 23. Geburtstag feierte, den Weg für Kingsley Schindler freihielten. Auch die Treffer zwei und drei der Gäste resultierten aus Ballverlusten. „Wir haben enorme Räume gelassen, sind nicht auf die zweiten Bälle nachgerückt, die Räume waren groß“, sagte Keller.

Grandios hingegen waren die Reaktionen seiner Spieler. Freistoß Christopher Trimmel, Kopfball Kreilach: 1:1. Doppelpass Kreilach mit Polter und Lupfer zu Skrzybski: 2:2. Steilpass Skrzybski auf Hedlund: 3:2. „Die psychische Belastung durch die Gegentore kann man sich von außen nicht vorstellen, das waren Nackenschläge“, sagte Skrzybski.

Nach dem 3:3 beorderte Jens Keller, der das Spektakel durch seine auf totale Offensive getrimmte Aufstellung begünstigt hatte und nach dem zweiten Rückstand versucht hatte, die Formation nachzujustieren, dann Kreilach als Unterstützung für Felix Kroos zurück vor die Abwehr. „Wenn wir den Ball verloren haben, hatten wir keine Absicherung. Die Räume neben Felix waren zu groß“, erklärte er.

Probleme in der Rückwärtsbewegung

Tatsächlich war der Trainer hinterher der Einzige, der nicht wie ein Honigkuchenpferd grinste. Natürlich freute auch er sich über den verdienten Erfolg, aber die Fragen, warum in der Rückwärtsbewegung anfangs so gar nichts zusammengepasst hatte, beschäftigten ihn einfach zu sehr. „Was wir in der ersten Hälfte gemacht haben, weiß ich noch nicht so richtig“, sagte er. Es ist das Los des Trainers, der das große Ganze im Blick behalten muss, wenn sich um ihn herum alle an der Euphorie des Moments berauschen.

In der Kabine gab es aber kein Halten, die Bässe wummerten, die Musik dröhnte. Weil die Unioner nicht nur 30 Minuten wie besessen drauflosstürmten, sondern nach der Halbzeitpause die Ruhe und Konzentration wiederfanden, die sie zum Auftakt in Ingolstadt ausgezeichnet hatte. Und sie hatten Steven Skrzybski in ihren Reihen, der an diesem Abend der Wildeste von allen war. Erneut bediente ihn Kreilach. „Ich wollte unbedingt aufs kurze Eck ziehen. Die Torhüter rechnen nicht damit, dass man so bekloppt ist“, erklärte er seinen fulminanten Siegtreffer. Seine Intuition ist zurück. Und über die Defensive wird dann in den nächsten Tagen geredet.