Es ist ja so leicht, Weltmeister zu werden. „Man braucht den richtigen Partner, ein kurzes Gespräch, zwei, drei Wechseltrainings auf der Bahn – und entweder es passt, oder es passt nicht“, berichtet Theo Reinhardt. Bei dem 28 Jahre alten Radrennfahrer und seinem Partner im Zweiermannschaftsfahren, Roger Kluge, hat es geklappt. Und wie. Im August 2017 fuhren die beiden Bahnrad-Spezialisten erstmals in Cottbus zusammen, ein halbes Jahr später gewannen sie bei der Weltmeisterschaft in Apeldoorn im Madison den Titel. Silber bei den Europameisterschaften und weitere internationale Top-Platzierungen in dieser Disziplin folgten. Längst sind Kluge/Reinhardt ein unzertrennliches Paar geworden, das, wo immer es an den Start geht, stolz den Partnerlook pflegt – in den regenbogenfarbenen WM-Trikots.

Seit Donnerstag dreht das weltbeste Zweiermannschafts-Team beim Berliner Sechstagerennen seine Runden, und zählt, was das Outfit so mit sich bringt, zu den Favoriten. „Wir sind uns dieser Rolle seit dem WM-Sieg bewusst und nehmen sie auch in Berlin gern an“, sagt Reinhardt. Zweimal stand er bei den Sixdays in Berlin schon auf dem Podest, „aber eben leider noch nie ganz oben“. Das soll sich in den nächsten Tagen ändern, nicht nur, weil die beiden einen Ruf zu verteidigen haben. Reinhardt ist gebürtiger Berliner, Kluge kommt aus Eisenhüttenstadt, ist aber quasi in Berlin aufgewachsen. „Das ist also ein Heimrennen für uns“, sagt Reinhardt. Die ganze Familie sei in der Halle, viele Freunde sind ebenfalls dabei. „Das Berliner Publikum wird uns sicher ordentlich anfeuern – da ist es beinahe wie eine Verpflichtung, in diesem Jahr das Rennen zu gewinnen. Jetzt, in den Weltmeister-Trikots, erst recht.“ Nach dem ersten Nacht liegen die beiden in Führung.

Schwere Konkurrenz

Dennoch dürfte der Sieg nicht leicht werden. Die Konkurrenz ist stark. Zwar wird das niederländische Weltklasse-Duo Yoeri Havik und Wim Stroetinga, das in den vergangenen zwei Jahren im Velodrom gewonnen hatte, anders als ursprünglich geplant nicht gemeinsam starten, weil Havik beim Weltcup in Hongkong die niederländischen Farben vertreten wird. „Aber mit Melvin van Zijl gibt es einen Top-Ersatz“, sagt der Sportliche Leiter der Sixdays Berlin, Dieter Stein. Auch der belgische Europameister Robbe Ghys kann nicht wie vorgesehen mit Landsmann Kenny de Ketele seine Runden im Velodrom drehen. Ketele, der im Vorjahr mit Reinhardt die Sixdays in Bremen gewann, hat sich das Schlüsselbein gebrochen. Er wird von Moreno de Pauw vertreten, „was nicht wirklich eine Schwächung darstellt“, wie Dieter Stein findet. Stein ist eine Berliner Bahnradsport-Legende und war zu DDR-Zeiten bei vielen Winterbahnrennen im schwarzen Trikot mit der Rückennummer Sieben erfolgreich. Das hatte ihm das ehrfürchtige Pseudonym „die schwarze Sieben“ eingebracht. Nach der Wende trainierte er unter anderem Jens Voigt und Erik Zabel.

Vielleicht gehen Kluge und Reinhard im Gegensatz zu Stein als die „farbige Eins“ in die Annalen der Berliner Bahnradsport-Szene ein, passend zum bunten WM-Trikot mit der Startnummer eins. Kluge hat das Sechstagerennen in Berlin immerhin schon zweimal gewinnen können, 2011 an der Seite von Robert Bartko und 2013 gemeinsam mit dem Niederländer Peter Schep. Entscheidend für Sieg Nummer drei dürfte sein, wie gut es ihm gelingt, sich von der Straße wieder auf die Bahn umzustellen. Der 32-Jährige ist nämlich direkt von der Tour Down Under, einem Straßenrennen in Australien, nach Berlin angereist und hat nur wenige Trainingstage auf sibirischem Fichtenholz in den Beinen. Doch Kluge ist solche Wechsel gewöhnt. „Ich liebe Bahn und Straße gleichermaßen“, sagt er. „Das sind für mich einfach zwei Schubladen. Mal ziehe ich die eine auf, mal die andere.“ Die meiste Zeit verbringt er zwar auf der Straße – die größten Erfolge aber feierte Kluge auf der Bahn. Sein bisher größter Erfolg: die Silbermedaille im Punktefahren bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking.

Dicke Freunde

„Roger ist ein Mann mit einem riesen Motor“, lobt Reinhardt seinen erfahrenen Partner. „Der kann sozusagen von Berlin bis Moskau fahren. Er ist ehrgeizig, technisch perfekt und ein guter Taktiker.“ Und in aller Bescheidenheit fügt Reinhardt noch an: „Ich bin derjenige, der ein wenig die Spritzigkeit mit ins Team bringt.“ Und da sie gleichermaßen humorvoll seien, verstünden sie sich auch außerhalb der Rennbahnen sehr gut. „Wir sind dicke Freunde geworden“, sagt Reinhardt.

Nach den Sixdays von Berlin trennen sich ihre Wege dennoch vorerst wieder. Reinhardt konzentriert sich auf den Bahnrad-Vierer, mit dem er endlich wieder den Anschluss an die Weltspitze schaffen will. Kluge begibt sich wieder auf die Straße. „Wahrscheinlich sogar für die nächsten acht Monate“, sagt er. „Ich freue mich schon drauf.“

Ziel: Tour de France

Und das hat einen Grund: Zum Saisonende hatte er seinen bisherigen Rennstall Mitchelton-Scott verlassen und sich seinem Teamkapitän Caleb Ewan angeschlossen, der zum belgischen Team Lotto Soudal wechselte. „Als ich erfahren hatte, dass Ewan zu Lotto Soudal wechseln möchte, habe ich ihn gefragt, ob ich mich nicht anschließen kann“, erzählt Kluge. Er konnte. Künftig wird Kluge also auch im neuen Team für seinen alten Gefährte die Sprints anfahren. Und er hofft, dass er dies in diesem Jahr bei einigen großen Rundfahrten, vor allem bei der Tour de France tun kann.
Kluge war in Frankreich bisher zweimal am Start. Beim Giro d’Italia hatte er 2016 sogar eine Etappe gewonnen. Doch in den vergangenen zwei Jahren fanden die großen Rundfahrten ohne Kluge statt. „Ich hoffe sehr, dass es in diesem Jahr mal wieder klappt.“ Als Anfahrer, sagt er, habe er nun seine Nische gefunden. „Ich bin halt nicht ganz so schnell, dass ich selbst die Zielsprints fahren darf.“ Aber als Anfahrer sei er gefragt. „Das kann ich richtig gut.“
Sein größtes sportliches Ziel sind die Bahnradwettbewerbe bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio. Da will er gemeinsam mit seinem Partner Theo Reinhardt eine Medaille holen. Doch was heißt eine. Kluge: „Wer einmal das Weltmeistertrikot überstreifen durfte, der will auch bei Olympia Gold.“