Die Abgrenzung beginnt bereits im Hotel. Franziska Goltz und Anke Helbig wohnen im selben Zimmer, sie lachen, sie machen Witze, Helbig ruft ins Telefon: „Wir sind wie ein altes Ehepaar.“ Die beiden Freundinnen gehören zum Laser-Radial-Auswahlkader des Deutschen Segelverbands (DSV), sie fahren in diesen Tagen bei der WM im australischen Perth um den Platz des DSV für die Olympischen Spiele 2012 in London. Als das Gespräch auf ihre Konkurrentin Lisa Fasselt kommt, wird es ruhiger. Helbig kichert nicht mehr, Goltz sagt trocken: „Die Lisa wohnt nicht hier.“

Fasselt ist ein besonderer Fall. Die 23-Jährige gehört zwar dem DSV an, aber sie ist seit September 2010 nicht mehr Mitglied des Kaders. Sie entschloss sich damals, den Leistungsstützpunkt Kiel in Richtung Rostock zu verlassen, weil sie mit der Trainingsarbeit nicht mehr zufrieden war und sie in ihrem neuen Wohnort eine bessere berufliche Perspektive sah.

Diese WM-Woche wird nun Aufschluss darüber geben, ob dieser Schritt richtig war, welcher Weg der erfolgversprechendere ist – und wer von den drei Athletinnen nach London darf. Goltz und Helbig vertreten das Kieler Leistungssystem, Fasselt ist so etwas wie die freie Radikale. In der internen deutschen Wertung führt Goltz mit 28 Punkten vor Fasselt (14) und Helbig (13). Passiert nichts Außergewöhnliches, sollte Goltz durch sein. „Das zeigt doch, dass wir in Kiel alles richtig machen“, frohlockt DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner.

Lisa Fasselt ist Einzelkämpferin

Dass in Kiel alles richtig läuft, kann Fasselt so nicht unterstreichen. Vielmehr hat sie das zentrierte System zum Ende hin immer mehr frustriert. Klar, in Kiel gäbe es infrastrukturell das beste Angebot, sagt sie. Aber: „In der Trainingsarbeit war für mich kein klarer Weg mehr erkennbar. In der Gruppe wurde dir immer oktroyiert, was du zu tun hast.“ Damals trainierte sie noch zusammen mit Goltz und Helbig. Heute sagt Fasselt: „Man lebt sich eben irgendwann auseinander.“

Mit ihrer alternativen Herangehensweise verkörpert Fasselt auch ein wenig ihren Sport; Laser-Radial ist etwas für Einzelkämpfer. Die Athleten hängen vom Oberschenkel an aufwärts über dem Wasser, mit den Beinen sind sie über eine Schlaufe ans Boot fixiert. Sie benötigen große Körperbeherrschung, um den Wind optimal auszunutzen. Fasselt sagt, seit sie allein trainiere, gelänge ihr das ganz gut, sie habe sich vor allem im Speedbereich verbessert.

Deshalb findet sie auch, dass sich der Schritt nach Rostock gelohnt habe. Einzig finanziell muss sie nun arg kämpfen. Die Förderung des Verbandes – der zu großen Teilen Reisen, Unterkünfte und Trainer bezahlt – fällt weg. So, wie auch die Unterstützung einer Stiftung, die aushilft, wenn der DSV mal kein Geld bereitstellen kann. Die Stiftung engagiert sich aber auch nur für Kaderathleten. Natürlich.

Die rund 15.000 Euro für die WM musste sich Fasselt selbst zusammenklauben: über ihren Verein Yachtklub Ruhrland, die Eltern, Sponsoren und das Sailing Team Germany. In Perth wohnt sie in einem anderen Hotel als die DSV-Athleten, sie trainiert auch nicht mit Helbig und Goltz. Der finanzielle Druck ist eine Belastung. Drei Monate vor Perth wusste Fasselt nicht, ob sie das Geld zusammenbekommt. Es fand sich ein Sponsor, trotzdem fragt sie sich, warum sie, gerade mal 200 Kilometer von Kiel entfernt lebend, keine Förderung mehr bekommt. „Warnemünde ist auch ein super Revier. Ich finde das schade, ich habe ein Konzept, will leistungsmäßig segeln.“

Der DSV bleibt hart. „Wir brauchen Trainingsgruppen, um voranzukommen. In Kiel sind unsere Bundestrainer stationiert. Es bringt nichts, wenn die Segler in Nord, Süd, Ost und West verteilt sind“, sagt Sportdirektorin Stegenwalner. Aussichten darauf, dass diese Regeln gelockert werden könnten, gibt es derzeit nicht.