Berlin - Das Echo auf den einzigartigen und mutigen Schritt von Naomi Osaka fiel gewaltig aus. Nicht allein die Tennis-Szene reagierte mit großer Sorge und voller Respekt auf den Rückzug der Ausnahmefigur von den French Open. Ob Basketball-Superstar Stephen Curry, Olympia-Ikone Usain Bolt oder Rockmusiker Gene Simmons von der legendären Band „Kiss“ – alle zeigten sich bewegt und signalisierten der viermaligen Grand-Slam-Siegerin Unterstützung. Zuspruch bekommt sie aber auch aus der Wissenschaft. „Aus sportpsychologischer Sicht ist es für mich eine sehr mutige Aktion“, sagte Marion Sulprizio, Geschäftsführerin von „MentalGestärkt“, einer Initiative der Deutschen Sporthochschule Köln für psychische Gesundheit im Leistungssport.

Osaka hatte seit 2018 immer wieder unter Depressionen gelitten

Sulprizio findet „es genau richtig“, dass Osaka am Montag ihre Depressionen im Zuge ihres Rückzugs vom Grand-Slam-Turnier in Paris öffentlich gemacht hat: „Wir erleben es immer noch viel zu selten, dass Athleten mit einer psychischen Erkrankung sagen: Ich höre jetzt auf, ich brauche eine Pause und die Zeit zum Regenerieren, um dann wieder zurückzukommen.“

Osaka hatte sich am Montag nach einem Streit um ihren Medien-Boykott von den French Open zurückgezogen. In einem öffentlichen Statement teilte die 23-jährige Japanerin mit, seit den US Open 2018 immer wieder unter Depressionen zu leiden. Sie wolle nun zunächst einmal Abstand von den Tenniscourts gewinnen und dann nach ihrer Rückkehr mit der Tour an Verbesserungen für die Spieler, die Presse und Fans arbeiten.

Für Diplom-Psychologin Sulprizio sind Depressionen im Leistungssport „im Grunde wie eine Kreuzbandverletzung“ zu behandeln. Generell sieht Sulprizio großen Nachholbedarf im gesellschaftlichen Umgang mit psychischen Reaktionen. „Die Vorsilbe ‚Psycho‘ ist immer noch stigmatisiert und mit Geisteskrankheit assoziiert“, sagte sie. Der Spitzensport sei „noch nicht so weit, dass man es als selbstverständlich hinnimmt, dass ein Psychologe, Psychiater oder Psychotherapeut genauso wie ein Mannschaftsarzt, Physiotherapeut oder Athletiktrainer zum Team eines Bundesligisten gehören“.