Hansi Flick hat im Gegensatz zu dem einen oder anderen Trainerkollegen überhaupt keine Scheu, sich im Bezug auf einen einzelnen Spieler in Lobeshymnen zu ergehen. Gemäß der Überzeugung, dass ein richtig Guter mit Kritik genauso gut umzugehen weiß wie mit einer Eloge.

So sprach der Bundestrainer kurz vor dem Pokalfinale zwischen RB Leipzig und SC Freiburg ungeniert von einer „sehr guten Entwicklung“, die Nico Schlotterbeck in den vergangenen Monaten genommen habe. Der 22-Jährige sei ein Spieler, der „sehr selbstbewusst ist, und auch mit dem Ball weiß, was er zu tun hat“. Am Beispiel Schlotterbeck zeige sich überdies, so Flick weiter, „was der SC Freiburg und Christian Streich (Trainer des SC Freiburg, Anm. d. Red.) für eine gute Arbeit machen“.

Zusatzschichten im Kraftraum

Stimmt schon, und doch greift die Analyse des ausgewiesenen Fachmanns in diesem Fall ein wenig zu kurz. Schlotterbeck, der wohl auch am kommenden Sonnabend (20.45 Uhr, RTL) in Bologna beim Nations-League-Duell mit Europameister Italien in Flicks Startelf stehen dürfte, ist nämlich – und das steht außer Frage – sozusagen auch ein Nationalspieler made by Union Berlin. Einer, der im Sommer 2020 als talentierter Lehrling im Rahmen eines Leihgeschäfts von Freiburg nach Köpenick gekommen war, unter der Führung von Coach Urs Fischer flugs zum wertvollen Stammspieler reifte, aber nach nur einem Jahr zum Leidwesen der Unioner vom Sportklub wieder zur Rückkehr verpflichtet wurde.

Fischer hatte das Potenzial, aber auch die Schwächen des Verteidigers erkannt, schenkte ihm Vertrauen, ließ ihn ungeachtet der Fehler, die ihm hin und wieder unterliefen, immer spielen. Ja, der Schweizer Fußballlehrer brachte ihn dazu, in der Spieleröffnung nicht nur den einfachen Pass zur Seite, sondern auch den riskanten durch die Reihen des Gegners zu spielen, verbesserte in Zusammenarbeit mit Co-Trainer Markus Hoffmann und Spielanalyst Adrian Wittmann zudem Schlotterbecks Positionsspiel, was geradezu zwangsläufig auch zu einer Verbesserung seines Kopfballspiels führte.

Hinzu kam, dass Schlotterbeck während seiner Zeit in Berlin auch an seiner Athletik arbeitete. Unter der Anleitung von Athletiktrainer Martin Krüger, aber auch bei freiwilligen Zusatzschichten im eisernen Kraftraum, wobei auch des Öfteren Marvin Friedrich und Loris Karius mit von der Partie waren. Schlotterbeck, wie Krüger erst neulich in einem Gespräch mit dem Eisern Magazin berichtete, habe dabei eine „richtige Transformation“ hingelegt.

Dortmund macht im Duell mit den Bayern das Rennen

So wurde aus dem unsicheren Kantonisten alsbald ein Stammspieler in der U21-Nationalmannschaft, mit der er im Juni 2021 den Europameistertitel gewann. Alsbald auch ein Kandidat für Flick, der ihn Ende August 2021 erstmals für die DFB-Auswahl nominierte. Und da Schlotterbeck in Freiburg unter Streich, dessen Ansatz mit dem Ansatz von Fischer durchaus vergleichbar ist, seine Leistungen konservieren konnte, war er alsbald auch ein Thema für die ganzen großen Klubs.

Für den um einen Kader-Relaunch bemühten Bundesligisten Borussia Dortmund, der sich früh die Zusage des Emporkömmlings gesichert hatte und Anfang Mai dessen Verpflichtung verkünden durfte. Aber auch für den FC Bayern, der dem Vernehmen nach nichts unversucht gelassen hat, um Schlotterbeck doch noch zu einer Absage an die Dortmunder zu bewegen.

Überragend im Pokalfinale

6,5 statt der 4,5 Millionen Euro, die Dortmund in Aussicht gestellt hatten, soll der deutsche Rekordmeister als Jahressalär geboten haben, doch Schlotterbeck fühlte sich schließlich seinem Ja-Wort an die Borussia verpflichtet. Was Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung in Dortmund, sogleich zum Anlass für eine Stichelei Richtung München nahm. Er sagte: „Nico hat sich unter vielen interessierten Klubs keineswegs das wirtschaftlich beste Angebot herausgesucht.“

In Anbetracht der Tatsache, dass die Ablösesumme wohl tatsächlich gerade mal 20 Millionen Euro betragen hat, wie Insider berichteten, und in Anbetracht der Leistung, welche Schlotterbeck beim Pokalfinale auf den Platz brachte, darf der Transfer womöglich schon bald als Schnäppchen bezeichnet werden. Denn im Berliner Olympiastadion deutete Schlotterbeck an, zu was er in der Lage ist.

Getragen von einer wiederholt zum Ausdruck gebrachten Emotionalität war er omnipräsent, von der Grätsche auf der Torlinie in einer herausragenden Defensivaktion, über gelungene Dribblings in der Spieleröffnung bis hin zum blitzgescheiten Pass in der Offensivaktion. Er wurde also aus vielerlei guten Gründen im Nachgang zum Man of the Match gewählt, und das, obwohl er mit den Freiburgern nach dem Showdown im Elfmeterschießen als Verlierer vom Platz gegangen war.