BerlinAn Sprüchen sind Fußballer nie verlegen. Gerade wieder haben die Hüter des witzigen und möglichst schlagfertigen Wortes, die von der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur, den Spruch des Jahres 2020 gekürt. Dass das Jahr noch gar nicht vorbei ist, geschenkt. Trotzdem: Von witzig kann bei den zwei erstplatzierten Sentenzen nicht unbedingt die Rede sein, weil sie eher im politisch-moralischen Kontext zu verstehen sind und für gute Sitten werben. Insofern ist das in Zeiten wie diesen, in denen es allemal um mehr geht, als den Ball zwischen die Pfosten und unter die Latte zu zimmern, schwer in Ordnung, Platz 3 trifft trotzdem mehr den Geschmack der Kurve. Und der geht so: „Ich habe mal zu meiner Schwester gesagt: Wenn du irgendwann mal heiratest, nimm einen Schalker. Den kannst du so oft enttäuschen, wie du willst – der bleibt immer an deiner Seite.“ Naja, wer den Schaden hat …

Aus Sicht der Eisernen könnte man schmunzeln, gerade auch nach dem souveränen und sensationellen 3:1 bei der TSG Hoffenheim. Was treibt einem Union-Fan bei solch einem Dreier ein zufriedeneres Lächeln ins Gesicht, etwa dass die Männer aus Köpenick nun fünf Spiele in Folge ungeschlagen sind, dass Max Kruse seinen 15. Elfmeter (von 15) verwandelt oder dass er zu den beiden anderen Treffern seines Teams die Vorarbeit geleistet und Joel Pohjanpalo (dieser Finne, der anscheinend wirklich nur dann trifft, wenn er später ins Spiel eingreift) und Cedric Teuchert die Chance auf Joker-Tore eröffnet hat?

Jetzt ist keine Zeit für Sprücheklopfer

Nur ist auch klar, dass es dafür zumindest nach gerade einmal sechs Partien keine kessen Sprüche geben sollte. Lieber den Ball flachhalten, Männer, denn mit neun Punkten, ja, ja, hat noch niemand die Klasse gehalten. Das mag langweilig klingen und nichts davon kommt auch nur annähernd in die erweiterte Auswahl zum nächsten Spruch des Jahres. Macht nichts, erst einmal haben, die Punkte nämlich, und erst wenn reichlich davon da sind, vielleicht mal einen raushauen. Vorher bitte nicht, denn, schon wieder so ein halber Kalauer: Hochmut kommt vor dem Fall. Lieber, und wenn es noch so sehr zum Gähnen ist, auf Trainer-Ikone Sepp Herberger hören, für den das nächste Spiel immer das schwerste war.

Insofern kann man damit und mit „Man begegnet sich im Leben immer zweimal“ wenig bis gar nicht punkten. Nur trifft das auf den Fußball öfter zu als auf den eigentlichen Alltag. So wie das dem 1. FC Union mit Uwe Neuhaus geht, der am Sonnabend in die Alte Försterei zurückkehrt. Es ist für den Coach von Arminia Bielefeld so, als ob er in sein zweites Zuhause kommt, weil er hier so lange gearbeitet hat wie kein anderer Trainer sonst. Sieben zumeist erfolgreiche Jahre liegen hinter ihm. Deshalb, Union, Vorsicht, er weiß, wenn auch unter anderen Vorzeichen, wie man in der Alten Försterei gewinnt.

Das Verflixte ist, dass die Männer aus der Wuhlheide, es ist grotesk und ein wenig auch der Fluch der guten Tat, ziemlich unter Druck stehen. Weil Neuhaus mit einem Aufsteiger kommt, der viermal in Serie verloren hat, wenngleich unter den Gegnern mit Bayern München und Borussia Dortmund die Schwergewichte waren. Selbst wenn es niemand gern liest: Die Eisernen sind Favorit.

Das ist noch nicht oft passiert in der Bundesliga. Gegen Ende der vorigen Saison vielleicht, als mit Paderborn auch Steffen Baumgart kam, noch viel mehr ein Eiserner als Neuhaus jemals werden kann. Das Ende kennen alle: 1:0, vorzeitiger Klassenerhalt. Damals machte das Wort vom „dreckigen Sieg“ die Runde. Genau damit könnte ich mich erneut anfreunden. Zum Spruch des Jahres würde es nicht taugen, wichtiger aber, zu drei Punkten schon.