Neues Trikot, neuer Kapitän: Sergej Grankin führt die BR Volleys in die neue Saison.
Foto: Michael Hundt

BerlinUnterhalb der schwarzen Trikotnummer 6 von Sergej Grankin ist jetzt auf dem orangen Trikot inmitten des Umrisses der Berliner Stadtgrenze ein schwarzer Balken zu sehen. Kein Zensurbalken, eher ein Ermächtigungsbalken: die Lizenz zum Diskutieren. Es erlaubt ihm, zum Schiedsrichterstuhl zu stapfen, und demjenigen, der auf Netzhöhe sitzt, ein paar Takte zur Regelauslegung zu erzählen. Grankin ist der neue Kapitän der BR Volleys.

Obwohl der russische Olympiasieger einen orangen Mund-Nasen-Schutz trägt, ist sein Grinsen hinter der Maske zu sehen, als jemand auf diesen Balken deutet: „Jetzt darfst du offiziell Beschwerde führen. Bislang hat das ja Gelbe Karten eingebracht.“ Grankin hebt seinen Finger. „Vorige Saison nur einmal. Die Saison davor, äh ...“ Naja, ein paarmal mehr. Im Volleyball ist nur dem Kapitän das Reklamieren erlaubt. Wobei Grankin sagt: „Eigentlich mag ich das gar nicht, denn es kann einen aus der Konzentration bringen.“

Seit Grankin im Januar 2019 mitten in der Spielzeit von Dynamo Moskau zu den BR Volleys gewechselt ist, hat er sich voll eingesetzt für seinen neuen Klub, Verantwortung übernommen, Kapitänsamt hin oder her. Er hat das Team durch seine Qualität des Zuspiels sofort auf ein neues Niveau gehoben. National verloren die Berliner Volleyballer seither fast überhaupt nicht mehr. Und während Grankin zu Beginn seines ersten Engagements außerhalb seiner russischen Heimat noch ein wenig eisig oder zumindest distanziert wirkte, taute er von Spiel zu Spiel immer mehr auf, pritschte, blockte, baggerte, zauberte sich in die Herzen der Berliner Fans.

Grankin, 35, ist längst zum Gesicht des Teams geworden und bildet mit dem US-Angreifer Benjamin Patch ein spektakuläres Gespann, das unwiderstehlich für Punkte und den Transport von Spielfreude sorgt. „Sergej ist so unmissverständlich er selbst. Ihn als Kapitän zu haben, ist wirklich cool. Er hat eine sehr starke Persönlichkeit. Ich würde nie jemandem folgen, der nur vorgibt, ein Anführer zu sein, der nur in eine Rolle schlüpft. Aber Sergej ist nicht nur beim Spielen konstant, sondern auch in seinem Charakter“, sagt Patch. Und: „Sergej kann auf dem Feld auch mal nach Hilfe fragen, wenn er müde ist, uns Angreifer bitten, ihn zu entlasten. Das ist mächtig. Es gibt genug Menschen, die einfach zu arrogant sind, um nach Hilfe zu fragen.“

Eine gewisse Unerschütterlichkeit kann dieser Tage nicht schaden, in denen Grankin die Mannschaft in eine Saison der coronabedingten Unwägbarkeiten führen muss. Sie beginnt an diesem Sonntag mit dem Supercup gegen die United Volleys Frankfurt (14.15 Uhr, Sport 1) auswärts, ehe das erste Heimspiel am 17. Oktober gegen Düren ansteht. Es ist eine Saison, von der Manager Kaweh Niroomand sagt: „Die Zielsetzung ist eigentlich etwas ganz anderes als der sportliche Erfolg. Es geht darum zu zeigen, dass der Volleyball noch lebt. Es geht um die Rettung des Sports und der Sportarten.“

Es geht für die BR Volleys auch darum, das, was sich der Verein in den vergangenen zehn Jahren seit dem Umzug in die Max-Schmeling-Halle an Akzeptanz und Relevanz in der Stadt, in Deutschland, in Europa erworben hat, nicht zu verlieren. „Die Bindung zu unseren Fans zu erhalten ist ein Kernthema für diese Saison“, sagt Niroomand. Das ist schwierig, wenn während der Spiele zunächst nur 1000 Menschen in der Halle sein dürfen, nur 550 Karten in den freien Verkauf gehen können, jeder Spieltag ein Verlustgeschäft in ordentlicher fünfstelliger Höhe bedeutet, die Stimmung auf den Rängen vermutlich nicht mit der von früher konkurrieren kann.

„Ich sehe auch ein großes Fragezeichen, ob die Champions-League-Spiele durchführbar sein werden“, sagt Niroomand. Wegen der Champions League sind aber die Topspieler aus dem Ausland in Berlin: der brasilianische Olympiasieger Eder Carbonera, der Franzose Pierre Pujol, US-Nationalspieler Patch und auch Grankin, der in seiner ersten Saison mit den Berlinern Meister und in der von Corona beendeten Saison Pokalsieger wurde.

Als die Volleys vorige Saison aus Ljubljana zurückkamen, schon in der Gruppenphase der Champions League ausgeschieden waren, wirkten alle geknickt, müde, frustriert. Grankin auch. Zwei Tage später stand das deutsche Pokalendspiel an. „24 Stunden vor dem Finale hätte man ihn sehen sollen. Wie er dann im Finale beim dritten oder vierten Ball im Einerblock Björn Andrae so heruntergeblockt hat, dass der andere total verunsichert wurde. Dieser Fokus! Sergej ist einfach vom Typ her ein Führungsspieler“, schwärmt Niroomand. „Seine Mischung aus Herzlichkeit und Bescheidenheit kommt bei den Fans an, seine Qualität sowieso.“

Als Kapitän ist Grankin ein perfektes Bindeglied zwischen Team, Trainer Cedric Enard und auch den Fans. Daran, dass er auf dem Feld in Berlin mehr Emotionen zeigt als früher, wo er Kapitän von Dynamo Moskau war, habe Patch großen Anteil, sagt Grankin. Manchmal küssen sich die beiden links und rechts und links nach geglückten Angriffen auf die Wange. „Ich zeige so meine Zuneigung. Das hat nichts mit Sexualität zu tun. Sergej und ich können kämpfen und Spaß haben. Manchmal kotzt er mich an, so wie ich ihn manchmal ankotze. Wir sind wie zwei Schwestern“, sagt Patch. Nicht eher wie Brüder? Nein. Patch muss über die Nachfrage lachen. „Wie Schwestern. Sergej ist für mich eine Königin.“