Shane Warne konnte den Ball andrehen wie kein anderer.
Foto: Indiapicture/Imago Images

ChristchurchEin Vorbild ist Shane Warne nie gewesen. Zumindest nicht fürs richtige Leben, auch wenn er jetzt während der Covid-19-Pandemie Gutes tut und als Mitinhaber in seiner Gin-Brennerei Handdesinfektionsmittel statt Gin produziert. Australiens großartigster Cricket-Spieler, der seine internationale Laufbahn im Januar 2007 mit einem Triumph in der Ashes Series gegen England beendete, war eines jener Genies im Sport, deren Intelligenz in den Fuß- oder Fingerspitzen sitzt, nicht im Kopf. 

Ein Enfant terrible, über dessen Seitensprünge, Sex- und Drogenskandale in den 15 Jahren seiner schillernden Karriere fast genauso viel berichtet worden ist wie über seine Kunst, der Cricket-Kugel einen so fiesen Dreh mitzugeben, dass die gegnerischen Batsmen – das sind die mit einem Holzschläger bewaffneten Spieler, die versuchen müssen, diesen heranflatternden Ball zu treffen – reihenweise verzweifelt sind. Als TV-Kommentator und Werbefigur ist er auch heute noch allgegenwärtig.

Warne: Experte des Spin Bowling

Als Leg-Spin Bowler – das sind jene Bowler, die den Ball aus dem Handgelenk über den kleinen Finger gegen den Uhrzeigersinn rotieren lassen – war der mittlerweile 50 Jahre alte Warne unerreicht. Aber aufgrund seiner Fehltritte wurde er lediglich zum Kapitän des australischen Ein-Tages-Teams ernannt, jedoch niemals des Test-Teams; Tests sind die traditionellen Fünf-Tage-Länderspiele, das ist die höchste Ehre im Cricket, das im sportbegeisterten Land der Kängurus auf einer Stufe steht mit Rugby League und Australian Rules Football.

Aber Warnie, wie er genannt wird, war immer der Superstar, der selbst unter größtem Druck ein Wicket nach dem anderen erzielte; als solches wird das Ausscheiden eines Batsman bezeichnet, idealerweise, indem es einem Bowler gelingt, die drei hinter dem Batsman postierten Stäbe (stumps) mit der Kugel so zu treffen, dass wenigstens eines der beiden zwischen den Stäben platzierten Holzstöckchen (bails) herunterfällt.

Das ist dem Mann aus Melbourne bis zu seinem Rücktritt vor 90 000 Fans im brodelnden Melbourne Cricket Ground (MCG) so oft gelungen wie bis dahin keinem anderen. Seine 708 Wickets in Testmatches wurden erst 2010 von Muttiah Muralitharan aus Sri Lanka (800) übertroffen, er ist aber bis heute die Nummer zwei in dieser Weltrangliste der besten Bowler, die nicht Werfer heißen, weil der Ellbogen beim Abwurf gestreckt sein muss.

Ungesunde Lebensweise

Das Spin Bowling reflektiert Shane Warnes Lebensweise, denn im Gegensatz zu Fast Bowlern, die schnell anlaufen und den Ball mit einem Raketentempo in Richtung Batsman dreschen, machen Spin Bowler nur ein paar langsame Anlaufhopser. Da gerät keiner außer Puste. Warne hat immer offen zugegeben, dass er am liebsten Pizza isst, regelmäßig raucht und sich gerne ein Bierchen gönnt. Oder zwei, drei. Deshalb hatte er auch schon während seiner Karriere ständig mit den Pfunden zu kämpfen.

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Serie, Teil 26: Shane Warne

Diese ungesunde Ernährungsweise führte Anfang 2003 gar zu einer einjährigen Dopingsperre. Um bei einer Pressekonferenz besser auszusehen, hatte er – angeblich auf Anraten seiner Mutter – zwei Entwässerungstabletten geschluckt, die verbotene Substanzen enthielten. Seine größte Verfehlung als Sportler wurde nur mit einer Geldstrafe geahndet: 1994 hatte er einen indischen Buchmacher gegen Zahlung von 5 000 australischen Dollar (heute 2 900 Euro) mit Informationen über Wetter und Platzbedingungen versorgt.

Mittlerweile ist der 30 Millionen Euro schwere Blondschopf, der zeitweise eine eigene Talkshow in Australien hatte und ein Sportquiz in Großbritannien moderierte, extrem erschlankt, keine Spur mehr von den Pausbacken und dem Wabbelbauch. Während seiner dreijährigen Beziehung mit dem englischen Supermodel Liz Hurley (2010 bis 2013) nahm er mithilfe von „traditioneller chinesischer Medizin, Training und so“ 14 Kilogramm ab und veränderte sich auch danach gelegentlich bis hin zur Unkenntlichkeit.

Ein Skandal nach dem nächsten

Während er stets abgestritten hat, mit Hurley nicht nur Tisch und Bett, sondern auch den plastischen Chirurgen zu teilen, gab er 2016 in der australischen Version der TV-Serie „Ich bin ein Star… holt mich hier raus!“, Botox-Injektionen zu, die ihn vorübergehend wie seine eigene faltenfreie Wachsfigur mit aufgeblasenen Lippen aussehen ließen. Damit war der Übergang vom Sportler, der sich als Coach und Kapitän der Rajasthan Royals in der indischen Premier League (IPL) von 2008 bis 2011 sein Konto um einige Millionen aufstockte, zum Jetsetter Shane Warne vollends vollzogen. Und es war ein Hauch von Ehrlichkeit, die nicht zu seinen Stärken gehört.

Ein Problem, das ihn privat von einem Skandal in den nächsten und in die Schlagzeilen katapultierte. Ein Mann, der nicht denkt, bevor er handelt. So ließ er sich 1999 beim Rauchen erwischen, nachdem er gerade einen lukrativen Werbevertrag mit dem Hersteller eines Nikotinaufklebers abgeschlossen hatte und demonstrieren sollte, wie einfach es ist, mit dem Rauchen aufzuhören.

Aber meistens landete er wegen seiner Dusseligkeit beim Fremdgehen, Fremdtexten oder Fremdknutschen in den Boulevardblättern. Einige seiner Techtelmechtel waren so öffentlich, dass seine Ehefrau Simone Callahan, mit der er drei Kinder hat, 2005 die Scheidung einreichte. Die beiden feierten ein Comeback, doch als eine schlüpfrige SMS auf ihrem Handy ankam, die für eine andere Frau bestimmt war, zog das frühere Model von England nach Australien zurück.

Fotos im String-Tanga

Zwischendurch tauchten Fotos von Warne im String-Tanga in einer Bettszene mit zwei nackten Damen auf. Es heißt, der einstige Cricket-Star, der lustigerweise im Sternzeichen Jungfrau geboren wurde, sei mit mehr als 1 000 Frauen im Bett gewesen, also rund einer pro Länderspiel (951).

Nicht nur Prominenz und Reichtum ermöglichen dem fröhlichen Hallodri dieses ausschweifende Sexleben, er hat auch durchaus Charme und ein wunderhübsches Strahlen in den heterochromen Augen: das rechte blau, das linke grün. Seine letzte feste Partnerin in der Öffentlichkeit war das australische Erotik-Model Emily Sears (35) vor drei Jahren, seither gilt er als Single.

Für geistreiche Diskussionen wäre er wohl sowieso nicht der richtige Mann: Warne rühmt sich, nie ein Buch gelesen zu haben, und er glaubt nicht an die Evolutionstheorie, sondern denkt, der Mensch stamme von Aliens ab. Passend zum außerirdischen Spin Bowling.