Dass Sheraldo Becker der Schnellste ist? Wusste er natürlich. Das sei schließlich schon immer so gewesen, erzählt er. Ob in seiner Kindheit, als Becker im Amsterdamer Vorort Spaarndammerbuurt mit seinen Freunden über die asphaltierten Bolzplätze flitzte, später dann in der Jugendakademie von Ajax Amsterdam oder jetzt bei den Bundesliga-Profis des 1. FC Union.

Sheraldo Becker läuft Rekord

Neulich erst wurde beim eisernen Sommerzugang eine Geschwindigkeit von 35,42 km/h gemessen. Damit ist der 70 Kilo leichte Kicker schon jetzt schneller als die beiden Schnellsten der gesamten letzten Saison: Herthas Lukas Klünter (35,40) und den von Frankfurt an den AC Mailand verliehenen Ante Rebic (35,11). „Ich habe davon gehört“, sagt Becker, rückt seine schwarze Hornbrille zurecht und schmunzelt. Natürlich hätten ihm Freunde, Familienmitglieder und Teamkollegen auf die Medienberichte der letzten Wochen aufmerksam gemacht.

Seine Schnelligkeit bezeichnet Becker als „Geschenk“. Mit 16 Jahren habe er in der berühmten Ajax-Talentschmiede „De Toekomst“ zusammen mit Athletiktrainern den Schwerpunkt auf genau diese Spritzigkeit gelegt. Explosive Spezialeinheiten legte der junge Sheraldo deshalb ein, trainierte dazu über Jahre hinweg mit Spezialgewichten an den Füßen – mit Erfolg: Die Schnelligkeit ist nämlich Beckers Trumpf.

Lust auf Toreschießen

Seine große Stärke konnte der technisch versierte Flügelspieler, der von Trainer Urs Fischer auf der rechten Seite eingesetzt wird, aber eher den linken Flügel präferiert („Das mag ich als Rechtsfuß etwas lieber, aber ich kann auch beides“) in bislang vier Bundesligapartien für die Eisernen allerdings nur bedingt ausspielen. „Ich weiß, dass ich es noch besser kann“, sagt Becker selbstkritisch. Beim 1:2 am vergangenen Sonnabend gegen Werder Bremen hatte er nur 18 Ballkontakte, verdribbelte sich oft.

Immerhin: Mit einem Hackentrick durch die Beine des Gegenspielers sorgte er für Aufsehen. Becker sagt: „Ich möchte hart an mir arbeiten und wichtig für das Team werden. Das ist mein Ziel.“ Vor allem möchte er „noch gefährlicher werden“, denn „jeder Flügelspieler will Tore vorlegen und auch selbst machen“.

Beim 3:1 gegen Dortmund bereitete Becker immerhin den 3:1-Siegtreffer durch Sebastian Andersson vor. Auch wenn er sein Potenzial noch nicht in Gänze ausschöpfen konnte, ist Becker mit seinem Start bei den Eisernen zufrieden. „Ich bin happy hier in Berlin.“

Erstmals überhaupt spielt der frühere holländische Juniorennationalspieler außerhalb seiner Heimat. „Mein Vertrag war in Den Haag ausgelaufen“, erzählt der frühere Juniorennationalspieler: „Ich hatte mehrere Angebote aus Holland, wollte aber unbedingt ins Ausland.“ So sei er letztlich in Köpenick gelandet. Erste Bezugsperson für Becker in der Hauptstadt ist, neben Freundin Kelly Loef, sein Cousin Javairo Dilrosun. „Er war in den ersten Wochen besonders wichtig für mich“, betont Becker.

Mit dem 21 Jahre alten Herthaner verbringt Becker viel Zeit. Kürzlich erst waren die beiden Holländer mit surinamischen Wurzeln wieder gemeinsam in Charlottenburg unterwegs, erkundeten den Berliner Westen und flanierten am Kurfürstendamm entlang. „Wir verbringen viel Zeit zusammen“, sagt Becker. „Javairo zeigt mir die City, wir gehen dann in Restaurants, oder auch mal zusammen shoppen.“

Trost für Cousin Dilrosun

Natürlich sei Dilrosun, der mit Hertha nach vier Spieltagen mit nur einem Zähler auf dem letzten Platz liegt, frustriert. „Er ist natürlich nicht glücklich über die Lage“, verrät Becker, der mit Union besser gestartet ist und nach vier Spielen auf Rang zwölf liegt. „Er spielt nicht viel, das sieht jeder. Jetzt kam er gegen Mainz in der 80. Minute rein und hat ein Tor vorgelegt. Javairo kann es. Klar ist, dass er nicht aufgibt. Er sagt immer zu mir, dass die Saison ja noch lange ist und viel passieren kann.“

Während Dilrosun am Sonnabend mit Hertha auf den SC Paderborn empfängt, reist Becker mit Union nach Leverkusen. Dort ist mit Peter Bosz ein Landsmann von Becker Trainer. „Er lässt offensiven Fußball spielen und hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er mit seinen Mannschaften wie zum Beispiel Ajax Erfolg haben kann.“ Und weiter: „Leverkusen hat eine große Qualität und ist stark im Konterspiel. Trotzdem wollen wir dort drei Punkte holen. Wenn wir kompakt stehen und alles reinhauen, wie gegen Dortmund, dann haben wir dort eine Chance.“