Für eine 15-Jährige hat sich Anna Seidel schon ein recht ambitioniertes Projekt als Nahziel auferlegt. Die junge Shorttrackerin, die sich ab heute bei der Heim-EM in Dresden für die Olympischen Spiele in Sotschi aufwärmt, sagt: „Ich will dazu beitragen, dass Shorttrack in Deutschland bekannter wird. Die Aufmerksamkeit jetzt ist eine schöne Sache.“

Der Sportart tut eine solche Erfolgsgeschichte gut. Auf die gesamte Mannschaft bezogen, ist im Olympiawinter doch ziemlich viel schiefgelaufen. Bis auf Seidel und Robert Seifert, der im vergangenen Winter zum ersten Mal einen Weltcup gewinnen konnte, erfüllte niemand die Qualifikationsnorm. Vor allem schmerzte die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), dass auch beide Staffeln scheiterten. Das führte dann auch zum Austausch des Bundestrainers. Statt Mike Kooreman (USA) trägt jetzt der Bulgare Miroslaw Bojadschijew die Verantwortung. Der hofft, dass seine beiden Vorzeigeathleten durch die EM Zuhause einen „Kick“ für Sotschi bekommen.

Eigentlich hat Seidel einen solchen gar nicht mehr nötig. Denn schon die Qualifikation für die Spiele im November rückte ihre Gefühlswelt reichlich durcheinander − im positiven Sinn. „Es ist immer noch nicht ganz angekommen, was dort eigentlich passiert ist.“ Denn beim Weltcup im russischen Kolomna war sie eigentlich nur angetreten, um sich als potenzielle Verstärkung der Staffel zu empfehlen. „Letztes Jahr konnte sie sich aus eigener Kraft noch nicht für die Junioren-WM qualifizieren“, sagt Bojadschijew.

Im Halbfinale über 1 500 Meter hatte sie dann aber das „nötige Glück“. Gleich drei ihrer Konkurrentinnen schieden dort aus, sie zog somit ins Finale ein und erfüllte die Norm. „Ich wollte nicht mehr stürzen und nur noch so schnell wie möglich ins Ziel kommen“, sagt die Dresdnerin. Das ist bekanntlich gelungen. Als Lohn wurde sie vom DOSB gleich in der ersten Runde nominiert − neben Rodlern, Curlern und Eiskunstläufern.

Kaum Entspannung

Die Planung des Winterprogramms ist damit natürlich nicht gerade einfacher geworden. Eigentlich war das gesamte Training auf die Junioren-WM im März abgestimmt. Offiziell hat sich daran auch nichts geändert. „Das ist ein wichtiger Wettkampf“, sagt der Bundestrainer. Aber doch dürfte Olympia nicht ganz so nebenbei abgehakt werden, wie sie es momentan kommuniziert: „Ich werde das alles einfach nur genießen, von der Eröffnungszeremonie bis zum Wettkampf. Ich werde einfach mein Bestes geben.“

Die Europameisterschaft hat für Seidel sportlich einen begrenzten Wert, zumal sie nach der Trainingspause ohnehin noch nicht in optimaler Wettkampfform ist und nur mit der Mannschaft auflaufen wird. Bojadschijew sagt: „Der ganze Rummel hat sie ein wenig überfordert, jetzt ist sie wieder soweit.“ Ruhiger wird es in der sächsischen Landeshauptstadt dennoch nicht werden. In der eigenen Trainingshalle will sie vor den Augen von Familie und Klassenkameraden beweisen, dass sie nominell zurzeit die beste deutsche Shorttrackerin ist. Im Hinblick auf die Spiele kann es auch nicht schaden, bei den Konkurrentinnen schon mal ein bisschen Eindruck zu schinden. „Du musst dir in dieser Sportart Respekt verschaffen“, sagt sie, „wenn du zurückziehst, hast du schnell verloren.“

Gerade dieser Nahkampf mit den Rivalen macht für Seidel den Reiz ihres Sports aus. „Eisschnelllauf war mir zu langweilig, da läufst du ja immer nur gegen die Zeit.“ Im Shorttrack gehe es dagegen direkt zur Sache. Wobei es auf der langen 1,5-Kilometer-Strecke vor allem auch darum geht, die Kräfte der zierlichen Körper gut einzuteilen. „Du darfst dich nie ausruhen, aber du darfst vor allem auch nicht deine Kräfte verheizen.“

Das Verheizen ist überhaupt das großes Thema. Durch das stark gestiegene Interesse sah sich Teamleiter Matthias Kulik zu der Klarstellung genötigt, dass man Seidel nicht als eine Art „Franziska van Almsick des Shorttracks“ vermarkten will. Er sagte: „Wir müssen mit einer gewissen Vorsicht vorgehen und sie ein bisschen schützen.“ Allerdings sei Sotschi eine gute Gelegenheit, „den medialen Trubel ohne den riesigen Leistungsdruck mitzuerleben“. Ganz gut dürfte es den Verantwortlichen passen, dass sie voraussichtlich nicht die jüngste Teilnehmerin sein wird. Geht der DOSB nach den Leistungen des Winters, fährt auch die Skispringerin Gianina Ernst nach Sotschi. Sie ist neun Monate nach Seidel geboren.