Hertha BSC spielt auch in der nächsten Saison Bundesligafußball! Letztendlich hat eine Einzelaktion von Herthas Linksverteidiger und Standardspezialisten die Entscheidung gebracht. In der 63. Minute schlenzt Marvin Plattenhardt seinen Freistoß von der Seitenauslinie derart frech in den Hamburger Strafraum, dass er für alle 22 Protagonisten überraschend sich ins Tor senkt. 2:0 für den Hauptstadtklub und die Rettung in der Endabrechnung gegen den HSV in der Relegation. Die Hamburger gehen in ihre fünfte Zweite-Liga-Saison in Folge.

Die Glücklichen am Ende einer solch strapaziösen Relegation waren diesmal die Berliner. Trauer und Frust herrschten im schwarz-weiß-blauen Hamburg. Jedoch kennen auch die Hertha-Fans das Gefühl einer schmachvollen Niederlage in der Relegation. Im Mai 2012 verlor Hertha im Gesamtergebnis aus Hin- und Rückspiel gegen Fortuna Düsseldorf und musste zum bisher letzten Mal den Gang in die Zweite Liga antreten. Die Partie hat durch ihre Begleitumstände des Platzsturms sogar einen Wikipedia-Eintrag bekommen.

Die Wiedereinführung der Relegation 2009 ist ein Produkt, um künstliche Emotionen bei den Zuschauern und Fans zu generieren und diese wiederum in der weiten Welt von Asien bis Amerika zu vermarkten. Kommerzialisierung pur! Selbst Freunde und Bekannte aus Italien, Frankreich und Tschechien meldeten sich bei mir und drückten ihre Daumen für Hertha. Schließlich sind die Ligen in Europa abgeschlossen und die Relegation am gestrigen Montag das einzig große Spiel in Europa. Wenn dann auch noch zwei Traditionsmannschaften wie Hertha und der HSV aufeinandertreffen, dann lachen sich Sportfunktionäre in ihr Fäustchen. Die Zahlen werden ja stimmen.

In den Relegationsspielen, sprichwörtlich der Nachspielzeit der Saison, steht die Zukunft eines Vereines, gar einer ganzen Region auf dem Spiel. Es geht in den zwei finalen Spielen um so viel, dass von der spielerischen Qualität wenig übrig bleibt und die Mannschaften nach dem Credo spielen: bloß keine Fehler machen.

Auch aus sportlicher Perspektive ist die Relegation ein problematisches „Produkt“. Der Erstligaverein hat in der Regel eine desolate Saison gespielt und darf sich durch die Hintertür von zwei Spielen doch noch in der Liga halten. Manchmal reicht auch nur ein Spiel (siehe gestern). Dagegen wird dem Zweitligaverein, nach starker und aufopferungsvoller Arbeit, der verdiente Aufstieg genommen. So steigen meistens nur noch zwei Mannschaften auf und wiederum zwei ab, wohingegen es vor der Einführung der Relegation immer drei Auf- und Absteiger gab. Das finanzielle und sportliche Ungleichgewicht, worüber sich ganz Fußball-Deutschland seit Jahren beschwert, nimmt so nur weiter zu.

In den Farben getrennt, in der Sache vereint: Relegation abschaffen!

Unfair, ungerecht und einfach schlecht für den Sport. Im Übrigen gilt dasselbe für die Relegation zwischen der Zweiten Liga und Dritten Liga. Es ist wenig überraschend, dass sich der Großteil der Fans und Zuschauer gegen die Relegationsspiele positioniert. Organisierte Fangruppen protestieren seit Jahrzehnten mit „Relegation abschaffen!“-Bannern. Über Fan-Rivalitäten hinweg kritisieren Fans verschiedener Vereine das Spiel mit den Emotionen. Selbst die Fans, die das Glück in den zwei Spielen auf ihrer Seite haben. So wie ich als Hertha-Fan.

Auch Fredi Bobic, Geschäftsführer bei Hertha BSC, schlägt in dieselbe Kerbe. In einem Interview nach dem gestrigen Spiel sagte er kritisch: „Ganz ehrlich, diesen ganzen Relegationsmist braucht kein Mensch!“ Das Spiel mit den Emotionen hat offensichtlich auch ihn aufgefressen.