Ante Covic kennt das Gefühl, ein- oder gar ausgewechselt zu werden. Als temperamentvoller Flügelstürmer bei Hertha BSC kam er unter Trainer Jürgen Röber Ende der Neunzigerjahre zu 44 Erstligaeinsätzen. Zehnmal brachte ihn Röber dabei von der Bank aus ins Spiel und 14 Mal wurde er ausgewechselt. Nicht immer wird dem jungen Covic das gefallen haben.

Gut zwanzig Jahre später ist Covic, 44, nun als Cheftrainer von Hertha BSC selbst in der Rolle und der Verantwortung, die aus seiner Sicht beste Formation auf den Platz zu bringen und später durch Wechselspiele neue Impulse zu setzen. In allen sechs Duellen dieser Saison schöpfte Covic sein Wechselkontingent aus. Zuletzt kamen drei Neue beim wichtigen 4:0-Erfolg in Köln. Viele Beobachter bescheinigten ihm „ein sehr gutes Spiel an der Seitenlinie“.

Wichtig erwies sich zuerst die Entscheidung, den formschwachen Ondrej Duda, der weiter auf ein Erfolgserlebnis wartet, auf die Bank zu setzen und dafür Vladimir Darida in die Startelf zu stellen. Der Tscheche avancierte zu einem der besten Spieler auf dem Platz, war zudem mit knapp 13 Kilometern in den Beinen der laufstärkste Berliner und leistete die Vorarbeit zu zwei Treffern.

Lobende Worte für den Kapitän

Als Covic schließlich nach 58 Minuten Vedad Ibisevic für den kampfstarken, aber glücklosen Davie Selke einwechselte, brachte er damit tatsächlich den Sieg ins Spiel. Herthas Kapitän bedankte sich mit zwei Treffern binnen vier Minuten. Da der Trainer später auch noch Dodi Lukebakio etwas Spielpraxis verschaffte, hatte er alle seine drei Angreifer bei Laune gehalten. „Das sind äußerst sensible Typen“, urteilte Covic.

Der Trainer glaubt, dass man Spiele auch von der Bank aus entscheiden kann: „Es beruhigt einen, wenn man hinter sich schaut und weiß, dass man noch einige Patronen dort hat.“ Über Kapitän Ibisevic, 122 Bundesligatore, davon 40 für Hertha BSC, fand Covic vor dem Heimspiel an diesem Freitag gegen Fortuna Düsseldorf (20.30, Olympiastadion) lobende Worte: „Vedo hat nicht zum ersten Mal ein Spiel entschieden, wenn er von der Bank kam. Das ist natürlich die Wunschvorstellung eines Trainers, wenn er einen Profi ins Spiel bringt, der dann ein Duell erfolgreich beeinflusst.“ Der Trainer weiß, dass dies nicht die Regel ist. „Es ist natürlich gut, wenn man Spiele schon vorher, ehe man Profis von der Bank aus ins Rennen schickt, für sich entscheiden kann.“

Am Freitag kehrt Friedhelm Funkel ist Olympiastadion zurück. Der 65 Jahre alte Düsseldorfer Trainer war jedenfalls als Hertha-Coach in der Saison 2009/2010, kein Freund vieler Wechselspiele. Als er die Nachfolge des nach dem siebten Spieltag entlassenen Lucien Favre antrat, baute er auf eine Stammelf und wechselte selten und meist spät. Von ihm ist der Spruch gegenüber Journalisten überliefert: „Ist es denn in Berlin etwa ein Gesetz, auswechseln zu müssen?“ Am Freitag bestreitet Funkel sein 500. Bundesligaspiel als Trainer – ein unglaubliches Jubiläum. Ante Covic lobt: „Mein höchster Respekt gilt Friedhelm, das ist eine ganz starke Leistung.“

In der Vorsaison unter Trainer Pal Dardai sah Hertha BSC zweimal sehr schlecht aus gegen die Fortuna mit Funkel an der Seitenlinie. In Düsseldorf setzte es eine 1:4-Niederlage. Im Olympiastadion unterlag Hertha 1:2. Benito Raman schoss jeweils zwei Tore. Der aber wechselte inzwischen zum FC Schalke 04, und auch der zweite Top-Angreifer Dodo Lukebakio verließ die Fortuna und ging zu Hertha BSC!

Assistent eines Altmeisters

Covic sagt, er schaue nicht gern zurück, aber das 1:2 vom April 2019 wurde im Vorfeld der Partie am Freitag noch einmal analysiert. „Die haben zwar auch neues Personal, aber die Art und Weise, wie sie unter Funkel spielen, wird sich nicht gravierend ändern.“ Es ist in diesem Fall gut, dass Herthas Trainer nicht zu sehr in die Vergangenheit gehen möchte. Er trifft zum ersten Mal als Chefcoach auf die Fortuna, aber sein letztes Spiel als Mitglied im blau-weißen Trainerstab der Hertha gegen Düsseldorf war das unsägliche Relegationsspiel im Mai 2012, das mit Herthas Abstieg endete. Damals assistierte Covic zusammen mit René Tretschok Altmeister Otto Rehhagel.

Als Cheftrainer hat Covic im Jahr 2019 vor der Auseinandersetzung mit der Fortuna die Qual der Wahl. Bis auf den verletzten Arne Maier sind alle Profis einsatzbereit. Wen Covic stürmen lassen wird – ob Ibisevic, Selke oder den einstigen Fortuna-Torjäger Lukebakio – verrät er nicht. Über den 20-Millionen-Euro-Mann Lukebakio sagt er: „Dodi trainiert gut, bietet sich an und kommt immer besser in Tritt.“

Vielleicht, so ist zu vermuten, spielt Covic mit dem Gedanken, Herthas teuersten Spieler als Joker einzuwechseln. Wenn der dann das Duell gegen seinen ehemaligen Klub entscheiden könnte, wäre das wieder eine neue tolle Geschichte.