Siegtor in letzter Sekunde: So lief der entscheidende Freistoß von Toni Kroos

Dieses Ergebnis war wie Weihnachten, Ostern und große Ferien zusammen. Während auf der deutschen Ersatzbank schon fieberhaft überlegt wird, wie die Jahrhundert-Blamage mit dem ersten WM-K.o. eines DFB-Teams in der Vorrunde zu erklären sei, folgt plötzlich die Eruption: Toni Kroos trifft in letzter Minute zum 2:1-Sieg gegen Schweden.

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Der Weltmeister hängt in den Seilen. Ist fertig, versucht sich mit dem Bleifuß und der berühmten Brechstange irgendwie durch das Spiel zu retten. Weil nach dem Rückstand durch Ola Toivonen (32.) und dem Ausgleich durch Marco Reus (47.) selbst die dicksten Gelegenheiten versanden, nur nicht im Kasten von Robin Olsen landen. Weil Mario Gomez einen Kopfball aus wenigen Metern genau in die Arme des schwedischen Keepers köpft (88.) und Julian Brandt den Ball an den Pfosten schlägt (90.+2), sind ist die Messe trotz fünf Minuten Nachspielzeit eigentlich gelesen.

Nichts geht mehr für Löws Mannschaft. Und dann geht doch was. Sogar in Unterzahl, weil Jerome Boateng mit einer gelb-roten Karte vom Platz fliegt (82.).

Ein Geniestreich bringt dann aber die Entscheidung. Einen Geniestreich, den nur einer auf der Pfanne hat: Toni Kroos. Der Weltmeister und viermalige Sieger in der Champions League ist lange so etwas wie der Depp. Wann schon unterläuft dem nominell besten deutschen Spieler solch ein fatales Fehlabspiel wie vor dem 0:1? Wann sonst ist der Stratege so von der Rolle wie in diesem Nervenkitzel-Spiel. Das ist nicht der Kroos, den sie alle kennen, den sie von Real Madrid bis Greifswald lieben.

Kroos ist die Ruhe in Person

Der Regisseur zeigt keine Nerven beim Freistoß in der allerletzten Minute. Er ist die Ruhe in Person, noch ruhiger als der Ball, in dem die letzte, die nicht mehr für möglich gehaltene schwarz-rot-goldene Hoffnung liegt.

In dem Moment, in dem jeder andere Kicker den Ball wohl mit Gewalt auf das Tor schlagen würde, zeigt Kroos überraschend viel Gefühl. Kurz legt er die Kugel zu Reus, der tippt sie nur wenige Zentimeter zurück, Dann fliegt der Ball, wie an der Schnur gezogen, in elegantem Bogen ins lange Eck.

Die Erlösung. Es ist der Glaube, es doch noch zu können. Obwohl so gut wie nichts läuft, obwohl das Glück alles andere als auf der Seite des Titelverteidigers ist, es gelingt doch.

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Schöner als Kroos kann niemand jubeln, erleichterter als Löw kann kein Trainer von der Bank aufspringen, wilder als der Titelverteidiger kann sich niemand umarmen. Selbst mit Kroos gehen die Emotionen durch, wenn auch nur ganz kurz. Dann ist er wieder derjenige, den wir alle kennen und der dazu nur sagt: „Das Gegentor geht auf meine Kappe, klar. Aber wie wir gekämpft haben, haben wir es uns verdient.“

Na bitte. Das klingt dann wirklich wie Toni Kroos. (AF.)