Berlin - Turn-Superstar Simone Biles hat ihren Start bei den Olympischen Spielen in Tokio im Nachhinein als Fehler bezeichnet. „Wenn man schaut, was ich in den letzten sieben Jahren alles durchgemacht habe, hätte ich nie wieder zum Olympia-Team gehören dürfen“, sagte die Rekordweltmeisterin dem New York Magazine und ergänzte: „Ich hätte schon lange vor Tokio aufhören sollen.“

Die 25-malige WM-Medaillengewinnerin und vierfache Olympiasiegerin von Rio de Janeiro gehörte zu hunderten Turnerinnen und deren Eltern, die wegen sexuellen Missbrauchs gegen den früheren amerikanischen Teamarzt Larry Nassar geklagt hatten. Dies habe einen „hohen emotionalen Tribut“ gefordert. „Es war zu viel. Aber ich wollte nicht zulassen, dass er mir etwas wegnimmt, wofür ich hart gearbeitet habe, seit ich sechs Jahre alt war“, sagte Biles. Daher habe sie das so lange verdrängt, „wie mein Geist und mein Körper es mir erlaubten.“

Erst vor wenigen Tagen hatte Biles, die in Tokio die Bronzemedaille am Schwebebalken gewonnen hatte, gemeinsam mit anderen Turn-Olympiasiegerinnen vor dem US-Senat schwere Vorwürfe gegen das FBI und andere erhoben. Bei einer Anhörung im Justizausschuss der Kongresskammer schilderte sie auf eindringliche Weise ihre schrecklichen Erlebnisse. Biles beklagte, die US-Bundespolizei und Verantwortliche der zuständigen Sportverbände hätten ihre Hinweise auf den Missbrauch lange Zeit nicht verfolgt und so mitverschuldet, dass Nassar viele weitere Mädchen habe missbrauchen können.

Nassar war in insgesamt drei Urteilen für seine kriminellen Übergriffe auch gegen Minderjährige zu Gefängnisstrafen von bis zu 175 Jahren verurteilt worden. Der 58-Jährige verbüßt eine lebenslange Haftstrafe, nachdem er sich Ende 2017 und Anfang 2018 schuldig bekannt hatte, Frauen und Mädchen sexuell missbraucht zu haben.

„Meine Perspektive hat sich noch nie so schnell geändert, vom Wunsch, auf einem Podium zu stehen, zu dem Wunsch, allein und ohne Krücken nach Hause zu gehen“, berichtete Biles mit einigem Abstand über ihre Zeit in Tokio. Sie hofft nun, dazu beitragen zu können, das Stigma rund um die psychische Erkrankung zu bekämpfen. „Daran werde ich wahrscheinlich lange arbeiten. Es ist ein ständiger Prozess“, sagte sie dem New York Magazine.