Schladming - Auf diese Bilder hat das Land gewartet. Blauer Himmel und rot-weiß-roter Jubel. Seit bald einer Woche laufen in Schladming die alpinen Ski-Weltmeisterschaften. Doch die ersten Tage verliefen trübe. In jeder Hinsicht. Österreichs Athleten waren ausgerechnet in der heimischen Steiermark zu langsam für Medaillen und feuchte Luft hüllte den Berg Planai in Nebel. Die triste Mischung gefährdete den Erfolg der Welttitelkämpfe. Sonne und Schnee sollten die Landschaft für Millionen Fernsehzuschauer weltweit in ein Touristen lockendendes Alpenpanorama verwandeln, und Österreichs Rennläufer sollten mit glänzenden Medaillen veranschaulichen, wie perfekt sich hier das Skifahren erlernen lässt.

Erst gestern bahnte sich die Wende zum Guten an. Statt der Flutlichter bestrahlte die Sonne die Piste, als die Frauen in der Super-Kombination zu Tal rasten, bei der eine Abfahrt und ein Slalom zum Gesamtergebnis addiert werden. Als Anna Fenninger, Österreichs Titelverteidigerin, in der Abfahrt dann auch noch zeitgleich mit der Slowenin Tina Maze die Führung übernahm, bildete das Fahnenmeer im Stadion den Glückszustand der Ausrichternation werbetauglich ab. Am Ende gewann die Deutsche Maria Riesch den Wettbewerb. Tina Maze wurde Zweite, aber Nicole Hosp sicherte dem Gastgeberland mit Bronze zumindest die erste Medaille.

Am Wochenende folgen die Abfahrtsrennen, traditionell der Höhepunkt jeder alpinen Ski-WM. Vielleicht wird doch noch alles gut für die Gastgeber. Bei der Abfahrt der Männer langte es allerdings wieder nicht zu einer Medaille. Den Titel holte der Norweger Aksel Lund Svindal, der vor dem Italiener Dominik Paris und dem Franzosen David Poisson gewann. Für Svindal war es der zweite WM-Titel in der Abfahrt und der fünfte WM-Triumph insgesamt. Bester Österreicher war Klaus Kröll als Vierter. Stephan Keppler, einziger deutscher Fahrer, kam nicht unter die ersten 20.

Die Stimmung drohte bereits zu kippen. Am Tag vor der Super-Kombination hatte Peter Schröcksnadel, genannt Schröcksi, 71 Jahre alt und Chef des Österreichischen Skiverbandes, seine Meinung zur Attraktivität dieser Disziplin geäußert. „Das ist nicht anzuschauen“, sagte er, „wir sehen die Abfahrer einen schlechten Slalom fahren und die Slalomfahrer eine schlechte Abfahrt.“ Werbung für diesen Sport klingt anders.

Mangelhafte Diplomatie

Geografisch gefangen zwischen mächtigen Nationen wie Deutschland im Norden und Italien im Süden, kämpft das kleine Land der Österreicher, das in einigen Regionen Kroatisch, Slowenisch und Ungarisch als Amtssprache zulässt, unterschwellig mit einem Minderwertigkeitskomplex. Für den Wiener Opernball müssen die prominentesten Gäste wie in diesem Jahr Hillary Swank oder Mira Sorvino jährlich teuer in Hollywood eingekauft werden. Und nicht zufällig erringt größtmögliches Ansehen daheim, wer sich als Österreicher im Ausland durchsetzt – wie der Unternehmer Frank Stronach, der in Nordamerika ein Vermögen machte und nun in die Politik drängt, oder wie Arnold Schwarzenegger, der es als Action-Held bis zum Gouverneur von Kalifornien brachte.

In der ihm eigenen Tollpatschigkeit gestand der Skifunktionär Peter Schröcksnadel einst selbst einmal die gar zu engen Grenzen seiner Heimat ein, wie üblich zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Inmitten der größten Betrugsaffäre bei den Olympischen Winterspielen in Turin 2006 argumentierte er abenteuerlich: „Austria is a too small country to do good doping.“ Österreich ist zu klein für großes Doping.

Seine mangelhafte Diplomatie kompensiert Schröcksnadel mit der unternehmerischen Schlitzohrigkeit, mit der er als Eigentümer mehrerer Skigebiete ein Millionenvermögen angehäuft hat. Dass seine alpinen Skihelden so zuverlässig zu nationalen Identifikationsfiguren taugen, begründet seine Macht in der Heimat ganz wesentlich.

Die Kehrseite dieser alpinen Vorherrschaft Österreichs erlebt allerdings gerade Schladming: An den grenzenlosen Perfektionsansprüchen des winzigen Gastgeberlandes droht diese Heim-WM spektakulär zu scheitern. Die Sportler können gar nicht so viele Medaillen gewinnen wie erwartet werden, finanziell droht dem 5.000-Einwohner-Städtchen nach Gesamtinvestitionen von gut 400 Millionen Euro bittere Armut nach der WM, weil Kommune und Land die Kosten tragen, der Skiverband aber die Profite einstreicht. Schon während der WM drohen der Region durch ausbleibende Touristen Einnahmen in Höhe von etwa sechs Millionen Euro zu entgehen. „Die Zeit der Abrechnung ist nach der WM gekommen, Schladming hat einen Verschuldungsgrad von 13 Prozent“, sagt Vizebürgermeister Hannes Pichler, „wir haben gewusst, worauf wir uns einlassen: Wir können uns hier präsentieren, aber wir haben nicht mitzureden.“

Die feindliche Übernahme zeigt sich schon bei der Ortseinfahrt. Die beiden Skistrecken laufen ideal beinahe mitten in das Ortszentrum. Obwohl sie selbst bei Dunkelheit im Flutlicht gut zu erkennen sind, überstrahlt der knallig rot beleuchtete Schriftzug eines Sponsors, der den Ort mit zahlreichen ausgestellten Limousinen in eine große Automobilausstellung verwandelt, das Bild. Schladming war gestern, heute ist es nur noch „Home of Quattro“. Für ein transportables Restaurant im Ortskern musste ein altes Postamt weichen. Das Posthotel wurde mit roten Banderolen so verhängt, dass es für die Dauer der WM das House of Switzerland gibt.

Das riesige Skistadion sorgt für eine erstklassige Stimmung, weil knapp 30.000 Zuschauer Platz finden. Die modernisierte Talstation wurde ebenso integriert wie eine Hütte auf der gegenüberliegenden Seite, die Fans sogar auf dem Dach Platz bietet. Dazwischen hatte sich Schladming vor einiger Zeit einen elegant geschwungenen Betonbogen als neues Wahrzeichen gegönnt. Weil der aber den Riesentribünenplänen des Veranstalters im Weg stand, musste der „Loop“ nur Monate später wieder abgerissen werden. Ähnlich kurios kalkuliert ließ die Kommune knapp hinter dem Ortsausgangsschild für 16,2 Millionen Euro aus Stahl, Beton und Glas ein Kongresszentrum errichten, das zur WM als Medienzentrum dient. Eine weitere Nutzung ist fraglich, da für Kongresse im Urlaubsgebiet die nötige Infrastruktur fehlt.

Schon unken einige im Ort, das abzusehende wirtschaftliche Debakel beruhe auf Vorsatz. Wegen der Verschuldung müssten womöglich nach der WM die Bergbahnbetriebe veräußert werden. Zu den Interessenten wird jener Mann gerechnet, der den Ort erfolgreich in Investitionen stürzen ließ: Peter Schröcksnadel. „Völliger Blödsinn“, sagt der Angesprochene, „in meinem Alter kaufe ich mir nichts mehr, da wäre es gescheiter, etwas zu verkaufen.“

Seit Beginn der WM brachte der Hang zur Übertreibung die Gastgeber regelmäßig in Erklärungsnot. Zur Sicherung der Bergkette hatten sie militärische Düsenjets angekündigt. Weil die im dichten Nebel schlecht über den Ort donnern konnten, jammerte das Boulevard-Blatt Krone: „Noch kein Einsatz von Eurofightern“. Und während sich unter den 313 Polizisten auch Spezialisten des Einsatzkommandos Cobra finden, bewahrt der Zeitplan Schladming bisher vor dem Äußersten: „Die Rennen der WM finden tagsüber statt, das erleichtert unsere Arbeit“, sagt der Sicherheitskoordinator Herbert Brandstätter, „am Abend sind die meisten Besucher meist schon alkoholisiert.“

Platte Klischees

Irgendwie geht alles nach hinten los. Als Peter Schröcksnadel sein Versprechen, die beste WM aller Zeiten auszurichten, schon mit der Eröffnungsfeier einlösen wollte, ließ er neben Bundeskanzler, Bundespräsident und Bundesterminator Arnold Schwarzenegger auch Lipizzaner und Schuhplattler aufbieten. Prompt nörgelten sie in der Heimat, da seien platte Klischees bedient worden. „Jetzt tun wir bitte nicht alles schlecht reden“, echauffierte sich der Verbandspräsident, der im Stadion eine rot-weiß-rote Pudelmütze mit dem Schriftzug seines Unternehmens trägt, als wolle er sich als WM-Maskottchen bewerben. „Wenn ich nach Amerika gehe, dann sehe ich die Indianer. In Holland sehe ich die Blumen und die Holzschuh. Das sind auch Klischees. Wir haben eben unsere.“

Die Brauerei, die im Ortszentrum von Schladming eine Fan-Arena betreibt, scheiterte besonders spektakulär an Klischees. Sie wurde von der aus Deutschland herübergeschwappten Sexismus-Diskussion erwischt. Jeder Abend hatte ein Thema: „Huschi Wuschi mit der Uschi“ oder „Scharfe Kanten, heiße Tanten“. Die anzüglichen Skihüttenmottos, die in den vergangenen Jahren bei keiner Gaudi fehlen durften, sind plötzlich inkorrekt. Jetzt finden die Abende ohne Motto statt – selbstverständlich im selben Stil.

Sportlich herrscht bereits zum Ende der ersten Woche Alarmzustand in Österreich. Eine Bronzemedaille erfüllt den Anspruch nicht. Wie angekratzt das Nervenkostüm der Gastgeber ist, ließ der Cheftrainer der Männermannschaft, Mathias Berthold, durchblicken. Weil das Ziel von Männer- und Frauenstrecke von zwei Seiten im PlanaiStadion zusammenläuft, mussten die Männer gestern ihr obligatorisches Abfahrtstraining verkürzt vornehmen, um nicht in die WM-Kombinationsstrecke der Frauen zu sausen. Abfahrer wie Hannes Reichelt genossen die Begegnung mit den Kolleginnen: „Das war sehr schön, da san an paar fesche Hasen dabei.“

Doch viele Teams protestierten, weil sich zuvor ausgerechnet die letzte Kurve als tückisch erwiesen hatte. Da räumten die Organisatoren einen Extra-Trainingslauf ein – für Sonnabendmorgen kurz vor dem kraftraubenden Rennen. „Wie man das vor dem wichtigsten Wettbewerb dieser Weltmeisterschaft so schlecht organisieren kann, ist mir schleierhaft“, schimpfte der Trainer. Falls es mit der Medaille nichts werden sollte, hat er immerhin schon eine Ausrede.