Es lassen sich viele Gründe finden, weshalb es hirnrissig war, den palmengeschmückten, russischen Schwarzmeer-Kurort Sotschi, an dem im Januar schon mal 21,2 Grad Celsius gemessen wurden, zum Schauplatz der olympischen Winterspiele im Februar 2014 zu machen. Allerdings könnte es sein, dass derzeit vor allem im Vogtland rund um Klingenthal viele Menschen einen Grund finden, dankbar für diese hirnrissige Entscheidung zu sein. Denn fände im Februar nicht das Olympia-Springen auf Sotschis neuer Schanze statt, wäre ein Weltcup-Auftakt im November in Klingenthal tabu.

Im Weltskiverband hatte man schon längere Zeit vor, die Saison nicht wie bisher in Norwegen oder Finnland zu starten, sondern in Mitteleuropa. Aber wo bitte gibt’s da im November eine Schneegarantie? Kanonen, die Kunstschnee ausspucken, werden ja erst bei Minusgraden eingesetzt. Mut hat dann der vorolympische Test von Sotschi gemacht, als man vorigen Winter eine Schneeschanze bei Plusgraden präparierte. Von da an war klar: Was die Russen in Sotschi hinkriegen, das schaffen die Sachsen im Vogtland doch längst. Skispringen im Schnee – egal, was das Thermometer sagt.

Seit Sonnabend trainieren die Springer in Klingenthal tatsächlich auf Schnee. Vorigen Winter wurde neben der Schanze am schattigen Schwarzberg ein Depot angelegt. Tausende von Kubikmetern Schnee konservierte man unter einer 40 Zentimeter dicken Schicht aus Sägespänen und Folien den Sommer über im Tal der Brunndöbra. Sie wurden vorige Woche auf Kipplastern in den Schanzenauslauf transportiert. Zwei Pistenbullies verteilten die weiße Pracht auf 6 000 Quadratmetern am Hang. Dann traten die Alpinskifahrer aus Klingenthal, Schöneck und Erlbach den Schnee im Landehang fest.

Die Auflage ist 30 Zentimeter dick und soll für den Teamwettbewerb am Sonnabend und das Einzelspringen am Sonntag halten. Bei aller Begeisterung, die derzeit offenbar bei Skisprungfans, Hoteliers und Touristikern im Vogtland herrscht, wirkt der lange weiße Klecks auf dem braunen Waldhang ein wenig, naja, hirnrissig. Aber vermutlich muss man das Ganze so pragmatisch sehen wie der Skispringer Michael Neumayer, der über den Schnee von gestern sagt: „Er ist alt, er ist ein bisschen schmutzig, aber es ist Schnee, und man kann darauf springen.“