Innsbruck - Sogar am freien Tag fanden Norwegens Skispringer einen Weg, ihr enormes Selbstbewusstsein öffentlich vorzustellen. Bevor es gestern in Innsbruck zur Qualifikation für das heutige Springen ging, wagte die Mannschaft um den Tourneeführenden Anders Jacobsen einen Tabubruch. Sie marschierte in einem Hotel in Seefeld zur Kryotherapie und ließ sich dabei auch noch fotografieren.
Der Verstoß gegen die Gepflogenheiten bestand weniger darin, dass der österreichische Trainer Alexander Stöckl damit seine Arbeitsmethoden offenlegte. Auch dass seine Springer zum Mundschutz und den weißen Handschuhen bei minus 110 Grad Celsius nicht alle wie Tom Hilde modische Surfshorts trugen, sondern wie Jacobsen graue Baumwollunterhosen, erregte nicht die größte Aufmerksamkeit. Es waren die blanken Oberkörper: in Zeiten eines vorgeschriebenen Mindestgewichts nicht unmuskulös, aber ebenso wenig wohlgenährt. Nur wer sehr von seinen Qualitäten überzeugt ist, wagt, durch Fotos mit vorwiegend Haut und Knochen erneut eine Diskussion über Ernährungsgewohnheiten und Gesundheit des Skispringens zu provozieren.
Auch diese Aktion zeigte das neue Selbstverständnis der norwegischen Springer unter ihrem Trainer Stöckl. Der hatte vor knapp zwei Jahren Mika Kojonkoski abgelöst und ein schweres Erbe angetreten. Der Finne galt lange Jahre als eine Art Trainerguru, knapp eine Viertelmillion Euro soll er in Norwegen verdient haben, pro Jahr, so wurde es zumindest kolportiert. Kojonkoski pflegte einen autoritären Führungsstil. Hatte er mit geschultem Auge einen talentierten Flieger ausfindig gemacht, kannte er keine Gnade: Kojonkoski predigte vor allem strenge Ernährungsdisziplin, besonders leichte Körper sollten besonders weit von der Luft getragen werden. Es war die Zeit, als Skispringen zum Treffpunkt der Magersüchtigen zu geraten drohte.
Dank der Regeländerungen des Weltskiverbandes bekamen die reinen Leichtgewichte zunehmend Probleme: Zu geringes Gewicht wird mit kürzeren Ski bestraft, die Anzüge mussten immer knapper genäht werden. In den vergangenen Jahren hat so der Absprung deutlich größere Anteile an weiten Skiflügen gewonnen.

Stöckls Verpflichtung: ein Glücksgriff

Die Verpflichtung Stöckls für die Neuorientierung erwies sich dabei für die Norweger als Glücksgriff. Als Springer bis 1995 mit der Ausbeute von einem einzigen Weltcuppunkt nur mäßig erfolgreich, hatte Stöckl Ende der Neunzigerjahre zwei Jahre lang in Österreich selbst als Assistenztrainer unter Kojonkoski gearbeitet, bis er 2007 die Juniorennationalmannschaft seines Landes übernahm. „Wir brauchten da einen österreichischen Typ mit neuen Ideen“, sagt Tom Hilde, „wir waren ein bisschen auf der falschen Fährte mit unserer technischen Linie, weil wir nicht so viel Fokus auf Kraft und Stärke beim Absprung gelegt haben und nun versuchen wir dasselbe wie die Österreicher vor ein paar Jahren.“


Dabei hatte Stöckl zunächst Mühe mit der Akzeptanz. Einige Springer hätten einen Landsmann bevorzugt: Anders Bardals Coachs Geir Ole Berdahl. „Ich war nicht glücklich mit der Entscheidung, ich wollte meinen Heimtrainer und habe sogar überlegt, ob ich aufhören soll“, sagt Bardal, „aber ich entschied dann doch, es zu versuchen und zu testen, und Alex hat mich schnell überzeugt: Ich wusste, dass er mit den besten Skispringern der Welt gearbeitet hatte. Ich war an seinen Ideen interessiert.“

Im Sommer etwa trommelte Stöckl seine Mannschaft auf freiwilliger Basis zu einem Fallschirmspringerkurs. Den hohen Kostenanteil für den Basiskurs, die Accelerated Freefall Class, ließ er vom Verband sponsern – gerade die jüngeren wie Anders Fannemel, 21, und Hilde, 25, machten begeistert mit. Und als in der Zeit des letzten Sommercamps das Wetter in Norwegen trist und feucht geriet, jettete Stöckl mit dem Team kurzerhand zum Training nach Fuerteventura. „Alex ist ein wirklich ruhiger Typ, er arbeitet sehr individuell und kümmert sich um jeden Einzelnen“, sagt Hilde, „und er ist niemals gestresst: Das macht uns ruhiger und schafft Vertrauen.“

Schnelle Erfolge

Der Stil zeigte fix Erfolge. Schon in seiner Debütsaison verhalf er Bardal zu einer vorher nie dagewesenen Konstanz: Mit knapp dreißig Jahren gelang dem Springer nach elf eher unspektakulären Saisons der Triumph im Gesamtweltcup, als erstem Norweger seit Espen Bredesen 1994 gesiegt hatte. Sein Meisterstück legt Stöckl gerade bei der Vierschanzentournee ab: Nach eher durchwachsenem Start seiner Springer brillieren die Norweger gerade beim ersten Saisonhöhepunkt.

Amüsiert beobachtet Stöckl, der inzwischen seinen Wohnsitz in das Land des Arbeitgebers verlegt hat und fließend Norwegisch spricht, die Wirkung seiner Arbeit daheim: In den vergangenen Tagen rätselte ganz Österreich über das Geheimnis der norwegischen Schuhe. Stöckl hatte seinen Vater eine Carbonverlängerung für die Zunge der ledernen Springerstiefel austüfteln lassen. Auch dank der Hilfe soll es Jacobsen und Hilde gelingen, die Ski in der Luft flacher zu stellen, um so eine bessere Fläche zum Flug zu bilden.

Binnen dreißig Trainingssprüngen in Oberstdorf vor Weihnachten hat Stöckl die Anwendung des Materials optimieren lassen.
Vor allem das Comeback des einstigen Kojonkoski-Schülers Jacobsen darf Stöckl sich hoch anrechnen: Das Leichtgewicht mit dem besonderen Fluginstinkt hatte in der Zeit der ausgemergelten Körper vor sechs Jahren schon einmal die Tournee gewonnen. Nach einem Jahr Pause hat Jacobsen unter Stöckl mit dem zuvor sehr vernachlässigten Athletiktraining stilistisch die Ankunft in der neuen Ära des Skispringens geschafft. Alexander Stöckl fasst das knapp zusammen: „Jetzt isst er inzwischen ein paar Schnitzel.“ Und das darf man dann auch öffentlich sehen.