Zu allem entschlossen wirkt Karl Geiger vor dem zweiten Springen der Vierschanzentournee in Garmisch-Partenkirchen.
Foto: Getty Images/Kopatsch

Garmisch-PartenkirchenKarl Geiger fuhr nach seinem zweiten Platz in der Heimat „mit einem breiten Grinsen“ Richtung Garmisch-Partenkirchen. Das hat er so formuliert. Nach seinem Traumstart in die 68. Vierschanzentournee kann der Oberstdorfer vom ersten deutschen Gesamtsieg beim Skisprung-Grand-Slam seit Sven Hannawalds Triumph vor 18 Jahren träumen. Am montäglichen Ruhetag wurden Kräfte für das große Duell gegen den japanischen Überflieger Ryoyu Kobayashi (Japan) gesammelt. Bundestrainer Stefan Horngacher hatte im deutschen Team Faulenzen angeordnet.

„Wir werden mal gar nix machen und dann erst wieder die Maschinen Richtung Neujahrsspringen hochfahren. Der Start der Tournee ist immer extrem emotional“, begründete der Chefcoach die Maßnahme. Ganz besonders viele Gefühle hatte natürlich Karl Geiger nach dem ersten Tournee-Podestplatz seiner Karriere zu verarbeiten. Nur ein paar Minuten Fußmarsch von der Schattenbergschanze aufgewachsen, war der heute 26-Jährige schon als kleiner Junge Stammgast beim traditionellen Tournee-Auftakt gewesen. Jetzt genau dort als Zweiter erstmals auf einem Tournee-Podest zu stehen, war einer der größten Momente seiner sportlichen Karriere.

Karl Geiger und das gute Gefühl

Neben den vielen Umarmungen seiner begeisterten Eltern und zahlreicher Freunde blieb bei Karl Geiger vor allem das Gefühl, wieder eine besondere Herausforderung auf dem Weg nach ganz oben bewältigt zu haben. „Wir haben viel mit Karl gearbeitet, damit er diese einmalige Situation bei seinem Heimspringen bewältigt“, sagte Horngacher. „Im Gegensatz zum Teamsport Fußball gibt es beim Skispringen oft keinen Heimvorteil – du sitzt da mit all diesen Erwartungen oben auf der Schanze und wenn du den Absprung verpasst, ist in Zehntelsekunden alles vorbei.“

Im vergangenen Jahr war Geiger noch in Oberstdorf an diesem Druck gescheitert, doch in diesem Winter scheint der Deutsche bereit für den ganz großen Triumph zu sein. Auch dank mentaler Techniken. Teamkollege Markus Eisenbichler verrät: „Der Karl versinkt gern mal komplett in sich selbst.“ Karl Geiger praktiziert auch Yoga.

Mit Oberstdorf hat er die für ihn schwierigste Station bei dieser Tournee bereits hinter sich. Sein großer Konkurrent Ryoyu Kobayashi hat sie dagegen noch vor sich: Der Sieger aller Tourneespringen im vergangenen Winter hat beim Neujahrsspringen von Garmisch-Partenkirchen die Chance, mit seinem sechsten Tournee-Tageserfolg in Serie einen geschichtsträchtigen Rekord aufzustellen. Dieses Kunststück ist in den 67 Tournee-Jahren noch keinem Skispringer gelungen: Die Deutschen Hellmut Recknagel (1957 bis 1959), Sven Hannawald (2001 bis 2002) sowie der Pole Kamil Stoch (2016 bis 2018) kassierten nach fünf Triumphen in Folge jeweils eine Niederlage.

„Wenn Kobayashi einen Fehler macht, wird Karl da sein“, versprach Chefcoach Horngacher. Das Problem daran: Irgendwie scheint ein Fehler des Japaners derzeit schwer vorstellbar zu sein. Beim Tournee-Auftakt agierte Kobayashi, der nach einem kräftigen Katapult-Absprung so schnell wie kein Zweiter in der perfekten Fluglage ist und deshalb mit maximaler Geschwindigkeit wie ein Pfeil zu Topweiten fliegt, wieder in seiner eigenen Liga. 9,2 Punkte oder reichlich fünf Meter Vorsprung auf Geiger sind bei der Ausgeglichenheit in der Weltspitze schon ziemlich viel. Kobayashi gab nach dem perfekten Auftakt zu, schon wieder den Grand Slam im Hinterkopf zu haben – also die Wiederholung seines Sieges in allen vier Einzelspringen bei dieser Tournee.

Kobayashi denkt nicht nur ans Skispringen

Auf die Frage nach seinem Erfolgsgeheimnis antwortete Kobayashi unmittelbar im Anschluss an seinen Triumph von Oberstdorf mit einem Grinsen und den Worten: „Ich habe keine Idee.“ Sein neuer österreichischer Heimtrainer Richard Schallert schon – neben seiner wirklich einmaligen Flugtechnik habe sein Athlet den Vorteil, dass er perfekt abschalten könne: „Er denkt nicht 24 Stunden ans Skispringen.“ Häufig versinke Kobayashi dann in seiner eigenen Welt, in der schnelle Autos und stylishe Produkte die Hauptrolle spielen.

Ähnlich wie Karl Geiger, nur dass der bodenständiger ist. Sein Coach Horngacher hat schon seine Siegchancen auf den kommenden Tournee-Stationen in Garmisch-Partenkirchen (1. Januar), Innsbruck (4. Januar) und Bischofshofen (6. Januar) analysiert. „Die Schanze in Partenkirchen hat Karl ja bislang nicht so gemocht, aber beim Training im Herbst hat er Freundschaft mit ihr geschlossen. Da ist er dort richtig gut gesprungen. Auf der Schanze von Innsbruck hat er vergangenen Winter Silber im Einzel und Gold bei der WM gewonnen. Wenn Karl gut springt, ist die Schanze ohnehin egal.“ Dann kann er an einem perfekten Tag selbst den großen Überflieger Kobayashi schlagen.