Berlin - Gregor Kemper ist begeistert von dem, was sich vor ihm auf dem Eis abspielt. Er lächelt und lacht, während Jugendliche und Erwachsene in voller Eishockeymontur, festgeschnallt im  Schlitten, einem Puck hinterherjagen. Elf sind es, und das, was sich gerade in der Eishalle am Glockenturm abspielt, nennt sich Sledge Eishockey und ist  die paralympische Variante des olympischen Eishockeys. Kemper ist als Spartenleiter beim ECC Preussen für Sledge Eishockey verantwortlich. Seit Oktober vorigen Jahres wird hier wieder dieser Sport betrieben, nach einer Pause und dem drohenden Aus. Für den ECC ist das jetzt also ein Neustart und ein Versuch, die Inklusion von Behinderten im Verein voranzutreiben.

Inklusion, dieses Schlagwort wird häufig benutzt in gesellschaftlichen Diskussionen, doch beim Sledge Hockey füllt es sich mit Leben.  In diesem Sport wird nicht zwischen Menschen mit und ohne Handicap differenziert. Egal ob jemand unterhalb der Hüfte gelähmt ist oder  laufen kann, beim Sledge Eishockey haben beide weder Vor-, noch Nachteil. Kemper sagt: „Egal ob Fußgänger oder irgendwie behindert, jeder, der Lust hat, kann vorbeikommen, wird in den Schlitten geschnallt und  macht mit.“

Gregor Kemper weiß, wovon er redet, er spielt selbst. An diesem Abend muss er zwar zu einer Vorstandssitzung des ECC, doch beim Training schaut er vorher noch vorbei. Auch weil Gäste in der Eishalle sind: Acht jugendliche Schwimmer vom Paralympischen Trainingsstützpunkt Berlin sind gekommen, um zu erfahren, was es mit Sledge Eishockey auf sich hat. Sie erfahren, dass es im Sitzen gespielt wird, sehen, dass die Athleten  mit Gurten festgeschnallt werden in einem Metallgestell mit Kufe untendrunter und einer Sitzschale innendrin. Die Athleten stoßen sich mit zwei kurzen Stöcken vom Eis ab.

 Dass das zu Beginn gar nicht so leicht ist, wird an diesem Montagabend deutlich: Während routinierte Spieler mit hohem Tempo über das Eis gleiten, kommen die unerfahrenen Gäste erst einmal  nur langsam voran und kippen ein ums andere Mal mit ihrem Schlitten um. Wirklich zu stören scheint sie das allerdings nicht. Statt aufzugeben oder zu jammern, lachen die Jugendlichen laut, drehen sich mitsamt Schlitten mühevoll wieder um und fahren aufs Neue los.

Kampf um eine Stunde

Das zahlt sich aus: Schnell sind Fortschritte zu erkennen, sogar das Kurvenfahren und Bremsen klappt besser, so dass auch Kemper erstaunt und zufrieden feststellt: „Die machen das heute alle zum ersten Mal. Dafür sieht das super gut aus.“ Dem Spartenleiter ist anzumerken, dass der Sport ihn begeistert. Er ist froh, dass Sledge Eishockey in Berlin wieder betrieben wird. Denn nachdem der ECC eine Zeit lang sogar in der Bundesliga gespielt hatte, wurden der Abteilung 2015 kurzerhand die Eiszeiten gestrichen, so dass es für ihre Mitglieder keine Möglichkeit mehr gab, ihrer Leidenschaft nachzugehen.  Lange habe man gemeinsam mit dem Berliner Behinderten Sportverband kämpfen müssen, um überhaupt wieder aufs Eis zu kommen, sagt Kemper und ergänzt kopfschüttelnd: „Wir reden hier von einer Stunde in der Woche.“

Neue Schlitten für die Bundesliga

Die kurze Zeit auf dem Eis hält die Mitglieder des ECC allerdings nicht davon ab, sich für die Zukunft einiges vorzunehmen: Als Fernziel gibt Kemper die Rückkehr in die Bundesliga aus. Hierfür fehlt es aber derzeit noch an Spielern und Schlitten. Der ECC versucht, mit Hilfe von Probetrainings neue Mitglieder  zu gewinnen, er hat außerdem mit Hilfe der Aktion Mensch neue Schlitten beantragt.

Einer, der an jenem Montagabend nicht zum ersten Mal in einem  Schlitten sitzt, ist Marco Stolp. Der 26-Jährige kam über Eishockey zum Sledge Eishockey: „Ich hatte mich dann sehr schwer am Sprunggelenk verletzt.“ Ein gutes halbes Jahr saß er im Rollstuhl, auf Sport verzichten wollte er trotzdem nicht. „Also bin ich zum Sledge Eishockey gegangen“, erzählt Stolp. Inzwischen ist er wieder zu Fuß unterwegs, den Sport betreibt er  weiter. Zwar sei Sledge Eishockey mindestens genauso anstrengend wie  Eishockey, es mache aber  auch mindestens genauso viel Spaß. „Besonders das Zusammensein mit den Behinderten macht Spaß, und der Kräftevergleich ist total spannend“, sagt er.

Spaß haben  auch die acht gehandicapten Schwimmer. Während sie nach kurzem Einfahren ein  Trainingsspiel absolvieren, liefern sie ganz nebenbei noch den Beweis, dass man auf dem Eis tatsächlich nicht zwischen Gehandicapten und nicht Behinderten unterscheiden kann. Einzig dem  15 Jahre alten Felix sieht man seine Behinderung an. Anstelle seines rechten Unterarmes, trägt er eine metallene Prothese. „Der Unterarm fehlt mir von  Geburt an“, sagt er, „deswegen ist das ganz normal für mich.“ Und so lässt er sich auch vom Eishockey spielen nicht abhalten: Kurzerhand wird der Stock mit Tape an die Prothese geklebt und schon kann es losgehen. Dass die dann nach dem Training nicht mehr zu gebrauchen ist, stört Felix nicht wirklich. „Das hat echt Spaß gemacht und ich würde auch noch mal wiederkommen.“

Und wer weiß, vielleicht sieht man den ein oder anderen, der diesmal im Schlitten saß, irgendwann mit dem ECC in der Bundesliga. Gregor Kemper würde das  freuen.