Manager Marco Baldi hat vorübergehend sein Büro in einem Münchner Hotel eingerichtet.
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BerlinZwei Wochen München und das verlockend deftige Essen haben noch keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Mit der Aussicht, sehr wahrscheinlich noch ein paar weitere Tage in der bayrischen Landeshauptstadt zu verbringen, hat sich Marco Baldi am Freitagmittag aber dennoch mal lieber einen Salat zur Abwechslung gegönnt. Alba Berlins Geschäftsführer ist in seinem Leben schon sehr häufig in München gewesen. Oft im Rahmen von Spielen oder anderen Terminen.

Und doch kennt er sich eigentlich dort gar nicht so gut aus, wie man es denken könnte. Im Rahmen des dreiwöchigen Turniers um die Deutsche Meisterschaft aber verzichtet er, anders als Sportdirektor Himar Ojeda, auf die Pendelei zwischen Berlin und München. „Ich habe mir mein Büro mehr oder weniger eingerichtet“, erzählt Baldi. Von dort geht es mal zu den Eltern nach Stuttgart, mal auf Entdeckungstour durch die Stadt oder eben jeden zweiten Tag in die Spielstätte im Olympiapark.

Das Spiel dort hat sich auch nach der Corona-Pause nicht verändert. Es wird weiter Fünf-gegen-Fünf auf zwei Körbe gespielt, die Gegner in der Bundesliga sind noch immer dieselben. Und doch schaut Bundesliga-Basketball für Marco Baldi im Moment ganz anders aus. Weil er ihn bei diesem dreiwöchigen Turnier um die Deutsche Meisterschaft aus einer ganz anderen Perspektive schauen muss. Tribüne statt Platz an der Stirnseite des Spielfelds, Passiv- statt Aktivbereich in der Halle, lockerer Alba-Pullover und Jeans statt Hemd, Jackett und Anzughose.

Ganz so neu ist dieser Blick auf das Spielfeld aber doch nicht. „Ich habe eigentlich im Lauf der Jahrzehnte schon alle Perspektiven verinnerlicht“, erzählt Baldi. Viele Jahre saß er auf der Spielerbank und auch schon auf der Tribüne. „Aber da habe ich es am wenigsten ausgehalten.“ Dann aber hat er den für ihn perfekten Platz in einer sehr speziellen Perspektive gefunden: hinter der Grundlinie im 90-Grad-Winkel zur eigenen Spielerbank. „Da bekomme ich alles mit“, sagt er, „ich sehe den Boden, bin sehr nah an unserer Bank und sehe viel mehr, was nicht das direkte Spiel betrifft. Was Spieler machen, wenn sie ausgewechselt werden, wenn sie nicht eingewechselt werden, wenn sich einer wehgetan hat und in die Kabine humpelt.“

In München aber hat er zu dieser Zone keinen Zutritt. Absperrbänder weisen auf die Trennung des Bereichs für die aktiv und passiv beteiligten Personen hin. Dabei könnte man eigentlich unter normalen Bedingungen nicht aktiv zugehöriger als Marco Baldi sein. Der Geschäftsführer ist ein fester Bestandteil der Abläufe eines jeden Spiels seiner Mannschaft, kann vor und nach den Spielern den Austausch mit Spielern und Trainern suchen. Und doch fehlt ihm das im Moment nicht so sehr. „Ich kann ja mit allen telefonieren, komme an alle ran. Da fehlt mir nicht so viel, weil ich weiß, dass es endlich ist, auch wenn man nicht weiß wann“, sagt er, „was wirklich fehlt, sind die Fans.“

Glücksmomente, die man sonst teilt, oder Anspannung. Einfach diese ganzen emotionalen Amplituden. „Dieses Mitgehen fehlt total, die Atmosphäre“, so Baldi. Ein Basketballspiel zu schauen, wirkt auf ihn im Moment etwas akademisch, er seziere fast trainerhaft das Spiel, weil man in einer leeren Halle ohne Sichtbehinderung viel sieht.

Sportlich hat die eigene Mannschaft bislang sehr überzeugende Auftritte abgeliefert, steht vor dem zweiten Viertelfinalspiel gegen Göttingen (Sonnabend, 20.30 Uhr) mit mehr als nur einem Basketballschuh im Halbfinale. Und darauf sollen sich die Spieler, egal ob der Vertrag am Ende des Monats ausläuft oder für die kommende Saison gilt, auch konzentrieren. Denn obwohl Baldi sich in seinem Münchner Hotelzimmer sein kleines Büro eingerichtet hat, werden Vertragsgespräche erst nach dem Turnier geführt. „Die meisten Spieler bei uns haben laufende Verträge“, so Baldi, „aber es gilt, egal ob laufend oder nicht: Man wird einige Dinge auf die Situation, die sehr besonders ist, anpassen müssen.“ So, wie die Essgewohnheiten bei einem mehrwöchigen Aufenthalt in München.