Sotschi - Am Anfang stand eine kleine Schummelei. Und die wurde prompt bestraft. Schnee fällt derzeit in Sotschi nur bei der Eröffnungsfeier, weil die Temperaturen unten am Schwarzen Meer einfach nicht in den Minusbereich sinken wollen. Vom Hallendach im Fisht-Stadion ließen die Organisatoren am Freitagabend für die romantischen Bilder ein Seifenschaumgemisch herunterrieseln, dessen Geruch und Konsistenz ein wenig an die Reinigungsmittel in einer Autowaschanlage erinnerte.

Dann tanzten zu Beginn des Showspektakels, das die Winterspiele in Sotschi offiziell einleitete, drei überdimensionierte Schneeflocken vom Norden herein, zwei vom Süden. Sie sollten sich öffnen und sich zu den fünf Olympischen Ringen zusammentun. Nur streikte eine Flocke, und Russland eröffnete seine Spiele mit vier Ringen für fünf Kontinente.

Erinnerung an London

Es könnte auch ein cleverer Trick gewesen sein, denn so war schon gleich zu Beginn die größte Befürchtung zerstreut: Putins Spiele könnten mit einem ebenso bombastischen wie kühl-perfekten Spektakel voller Superlative beginnen, dem Herzliches und Menschliches fehlt. Die Chinesen hatten in Peking so eine Riesenshow vor sechs Jahren vorgeführt, in der Präzision Leidenschaft ersetzte und die Welt als teilnahmslosen Zeugen unbewegt zurückließ.

Stattdessen knüpften die Russen auf ihre Weise eher in London an, wo die Briten ihr internationales Publikum vor zwei Jahren in einem begeisternden Eröffnungsspektakel durch ihre Geschichte und Kultur geschleust hatten.

Statt David Bowie und Adele ließen die Russen unter dem geschlossenen Hallendach all diejenigen auftreten, die aus ihren Reihen als populäre Gesangskultur in die Welt exportiert wurden: Der Opernstar Anna Netrebko sang die olympische Hymne.

Das nach Gebietsfläche weltgrößte Land lud die Zuschauer auf eine Reise in seine bewegte Geschichte ein – mit bunten Kostümen, schwebenden Kulissen, Zwiebeltürmchen, die bemalt waren wie buntes Zuckerwerk, einer ausgeklügelten Lichtshow und mehr als 9000 Darstellern, die mal tanzten, mal marschierten, mal auf Rollschuhen und ausstaffiert mit hellen Lichtern durch das Stadion paradierten.

„Es wird unsere Sicht auf Russland sein“, hatte der Generaldirektor des russischen Staatsfernsehens, Konstantin Ernst, versprochen, „nur einfach erzählt, sodass es jeder verstehen kann, der wenig über unsere Kultur weiß.“ Und er hat Wort gehalten.

Dem Erfolg des Abends sicherlich nicht abträglich war, dass sich der deutsche Präsident des Internationalen Olympischen Komitees in seiner Aufregung, endlich auf dem wichtigsten Posten des Weltsports angekommen zu sein, den längsten Redebeitrag gönnte, als er die Ideale seiner Bewegung vom Friedenstiften über die Völkerverständigung bis zum Fair Play herunterbetete. Und dass der heimliche Herr der Spiele, Russlands Präsident Wladimir Putin, sich den kürzesten Wortbeitrag vorbehielt, hat dem Unterhaltungswert ebenso wenig geschadet: „Hiermit erkläre ich die 22. Olympischen Winterspiele in Sotschi für eröffnet.“

Ihren Anspruch, insbesondere die Interessen der Sportler in den Vordergrund zu stellen, erfüllten die Organisatoren schon bei ihrer Feier: Mussten die Athleten sonst den Großteil von Eröffnungszeremonien außerhalb der Stadien mit Warten verbringen und anschließend im Innenraum lange stehen, so durften sie am Freitagabend schon direkt zu Beginn zu wummernder Technomusik einlaufen und sich in einen reservierten Block zum Zuschauen setzen. Und erstmals in der olympischen Geschichte standen die Sportler auch geografisch im Mittelpunkt: Statt durch einen Seiteneingang betraten sie das Stadion durch eine Bodenöffnung direkt im Zentrum.

Und wer wollte, konnte in der Auswahl der deutschen Mannschaftskleidung auch einen stummen Protest gegen Putins Homophobie-Gesetze sehen: Die von der Skirennläuferin Maria Höfl-Riesch als Fahnenträgerin angeführte Schar stapfte in regenbogenfarbener Kleidung in die Arena. Unter anderen Umständen wäre ihr Designer auch verdächtig gewesen, seine Arbeit unter massivem Einfluss bewusstseinserweiternder Drogen verrichtet zu haben.

„Krieg und Frieden“ vertanzt

Die Athleten konnten so den Streifzug durch die abenteuerreiche russische Historie miterleben über Peter den Großen im 17. Jahrhundert, Szenen aus Leo Tolstois literarischem Klassiker „Krieg und Frieden“, die auf der gesamten Stadionfläche zwischen aus dem Boden hochgezogenen prunkvoll beleuchteten Säulen von Stars des russischen Balletts vertanzt dargeboten wurden, bis zur Oktoberrevolution, die das Zarentum beendete. Oben durch die Halle schwebten dann die Symbole der Industrialisierung wie von Geisterhand gezogen und die berühmten Arbeitersymbole Hammer und Sichel.

Den formellen olympischen Feierteil führten Legenden und aufstrebende Stars des russischen Sports vor. Die Fackel, die auf ihrem Weg über All und Arktis schon arg strapaziert worden war und das Feuer nicht durchgängig am Leuchten halten konnte, wurde vom Tennisass Maria Scharapowa ins Rund getragen. Dann übernahmen die Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa, der ehemaligen Ringer Alexander Karelin und die Gymnastin Alina Kabajewa.

Schließlich landete das Symbol der Spiele bei der berühmten angejahrten Eiskunstläuferin Irina Rodnina und dem nicht minder populären früheren Eishockeytorhüter Wladislaw Tretjak, die sich aus dem Stadion im leichten Laufschritt auf den Vorplatz mühten, um auch mit der Flamme zu symbolisieren, worum es an dem Abend ging: Das Entzünden des Feuers markierte die feierliche Eröffnung der Winterspiele.

Anschließend krachte und blitzte es noch gewaltig. Der Himmel am Schwarzen Meer leuchtete grellbunt über einem faszinierenden Feuerwerk.