Spanien gegen Niederlande: Robbens Traum und Trauma

Rio de Janeiro - Im Fußball ist bekanntlich alles möglich. Hier lässt sich auch beliebig die Zeit zurückdrehen. Um etwa zu einem entscheidenden Moment des WM-Finales 2010 zu gelangen, genügt es, im Videoportal YouTube die Suchwörter „Arjen“, „Robben“, „WM“, „Finale“ und „2010“ einzugeben. Ausgespuckt werden Schnipsel, die in unterschiedlicher Länge die tragische Geschichte erzählen. Und ganz gleich, wer die Sequenz kommentiert, der Aufschrei klingt überall ähnlich. „Great miss! And wonderful save!“, brüllt etwa der BBC-Kommentator - und bringt es auf den Punkt. Wie war das in der 62. Minute des Endspiels in Südafrika?

Rückblende: Der niederländische Spielmacher Wesley Sneijder pflückt sich den aufspringenden Ball im Mittelfeld wie eine reife Pflaume, um einen Traumpass abzuliefern, mit dem Mitspieler Arjen Robben freie Bahn hat. Er holt mit links aus und zielt auch dorthin, was eigentlich eine gute Idee ist, weil der spanische Torwart Iker Casillas bereits in die rechte Ecke unterwegs ist. Doch der Stürmer schießt nicht hoch und platziert genug, der Tormann fährt seine rechte Fußspitze aus und lenkt die Kugel entscheidend ab.

Zum Retter Casillas eilen die Mitspieler Carlos Puyol und Xabi Alonso und gratulieren. Zum Versager Robben rennt niemand. Dafür aber zoomt die Kamera auf ihn und zeigt ihn sekundenlang in Zeitlupe: wie er seine Augen aufreißt, der Mund geöffnet bleibt, die Hände am kahlen Kopf kleben. Den einzigen Treffer erzielt Andrés Iniesta erst in der 116. Minute. Spanien wird Weltmeister, der Siegtorschütze zum „Man of the Match“ gewählt. Und Robben? Bleibt als Verlierer zurück, obwohl er ein verzückendes Turnier gespielt hat.

„Es ist ein Film in meinen Kopf geworden. Einer, der sich immer und immer wieder abspielt“, gibt der 30-Jährige zu. „Die Szene sucht mich immer noch heim.“ Der Spieler vom FC Bayern kann die Konfrontation nicht verhindern, seitdem feststeht, dass sich die Protagonisten erneut begegnen. Eine kuriose Konstellation, dass Vorrundengruppe B (Freitag 21 Uhr/live ZDF) mit dem Finale von vor vier Jahren beginnt. Aber ganz gleich was in der Arena Forte Nova in Salvador de Bahia passiert, die Wiedergutmachung fürs Ereignis im Soccer Stadium von Johannesburg kann nicht gelingen. „Das ist erst möglich, wenn wir beide uns am Ende im Finale wieder gegenüberstehen“, beteuert Robben.

Tatendurstiger denn je

Und doch erweckt er nicht den Eindruck, als erdrücke ihn die Vergangenheit. Im Gegenteil: Er wirkt tatendurstiger denn je. Dem Dribbler hat geholfen, dass er eine Schmach ohne Umwege tilgen konnte: Den verschossenen Elfmeter im Champions-League-Finale 2012 bügelte er im Jahr darauf auf derselben Bühne mit seinem Siegtor aus, und wer den aufgewühlten Matchwinner damals im Londoner Wembleystadion erlebte, sah ihn einen imaginären Rucksack abschnallen. Wie im Verein ist der Flügelspieler bei der Elftal längst in die Kategorie der Führungskräfte aufgestiegen, der als einer der wichtigsten Verbündeten von Bondscoach Louis van Gaal gilt, obwohl der seine Rolle radikal verändert hat.

Seit der ehemalige Bayern-Trainer auf ein 5-3-2-System umgestellt hat, ist die Statik vollkommen anders als im 4-3-3. Robben besetzt nun mit Robin van Persie die Spitze, stürmt vorwiegend weiter über die rechte Seite, klebt aber nicht mehr an der Linie. Der Trainer habe ihn in diesen taktischen Plan eingeweiht: „Wir haben jetzt drei Spiele in der neuen Formation gemacht. Ich bin überzeugt, dass diese Spielweise für uns im Augenblick die beste ist.“

Hinter van Persie ist Robben teamintern am teuersten, sein Marktwert wird auf 25 Millionen Euro beziffert. Doch handelt es sich um eine Fantasiesumme, denn der 76-malige Nationalspieler will nicht weg, sondern hat seinen Vertrag beim FC Bayern erst im März dieses Jahres vorzeitig bis 2017 verlängert. Beide Seiten wissen, was sie voneinander haben: Der Klub einen Musterprofi, der mit einem Geistesblitz alles entscheiden kann; der Kicker einen Arbeitgeber, der auch dann Rückendeckung erteilt, wenn Verletzungspausen zu überwinden sind.

Dazu kommt: Für den bodenständigen Niederländer, seit sieben Jahren verheiratet mit Bernadien, ist München ein ideales, weil schönes und sicheres Pflaster, um seine Söhne Luka und Kai sowie Tochter Lynn aufwachsen zu sehen. „Meine drei Kinder sind meine größten Fans“, sagt Robben stets. Den Trip nach Rio de Janeiro, wo sich die Oranjes ein Teamhotel am Ipanema-Strand, einen lauten Treff der Touristenströme und Schickeria ausgesucht haben, erspart sich die Familie. „Es ist in Brasilien leider nicht so entspannt, dass du sagen kannst: Kommen wir fliegen da mal alle zusammen für zehn Tage hin.“

Er hat sich darauf eingerichtet, viel Zeit im Hotelzimmer zu verbringen. „Ein bisschen raus und ganz locker im orangenen Poloshirt spazieren gehen, das können wir vergessen.“ Und das scheint aktuell mindestens so schwer zu ertragen zu sein wie die Erinnerung an 2010.