Die spanischen Fußball-Nationalspielerinnen bei der WM 2019 in Frankreich.
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FrankfurtÁngela Sosa mag es, den Bizeps zu spannen und ihre Tätowierung zu zeigen. „Bis ins Unendliche und darüber hinaus“, prangt auf ihrem muskulösen Oberarm. Das ganze Leben der Nationalspielerin von Atlético Madrid war bislang ein Kampf. Sie wuchs in einem der ärmsten Stadtviertel Sevillas auf, und wenn sie Fußball spielte, rieten fremde Menschen ihrem Vater, dass seine Tochter lieber putzen gehen sollte, damit würde sie eher Geld verdienen. Anfangs stimmte das auch, wie die 26-Jährige erzählte. „Wir haben früher immer alles in einen Topf geworfen und geteilt: Heraus kamen 75 Euro pro Kopf.“

Inzwischen geht es um andere Summen; um 16 000 Euro Mindestlohn jährlich, den alle Spielerinnen der Primera Iberdrola erhalten sollen, wie die nach einem Energieunternehmen benannte erste spanische Frauen-Liga heißt. Mehr als ein Jahr verhandelten die Fußballer-Gewerkschaften AFE, UGT und Futbolistas ON und die Klubvereinigung ACFF ergebnislos. Nun scheiterte in Madrid der letzte Schlichtungsversuch im Ministerium für Arbeit, Migration und soziale Sicherheit. Folge: Am Sonnabend wird nicht trainiert, am Sonntag nicht gespielt. Der Streik gilt unbefristet.

Die spanische Frauen-Liga boomt

„Es gibt eine rote Linie, die die Frauen markiert haben“, teilte Diego Rivas als AFE-Vertreter mit. 93 Prozent von 189 Spielerinnen hatten am 22. Oktober für die Spielpause gestimmt. Die Gegenseite bietet nur Halbjahresverträge und maximal 8 000 Euro. Mehr sei den meisten Vereinen nicht möglich. Der spanische Fußball-Verband RFEF, der gerade seinen Supercup für einen dreistelligen Millionenvertrag für die nächsten Jahre nach Saudi-Arabien verhökert hat, wollte 1,1 Millionen Euro zuschießen. Diese Summe löse das Problem nicht, ließ die Gewerkschaft verlauten. Die internationale Spielergewerkschaft FIFpro unterstützt den Arbeitskampf „als gutes Beispiel, den Frauenfußball als berufliche Tätigkeit anzuerkennen“.

Der spanische Frauenfußball erlebt nie dagewesenen Zuspruch: Binnen zehn Jahren hat sich die Zahl der Spielerinnen auf 64 000 verdreifacht. Das Liga-Spiel zwischen Atlético und dem FC Barcelona lockte im Frühjahr 60 739 Zuschauer ins Metropolitano – Weltrekord auf Vereinsebene. Im Viertelfinale der Women’s Champions League treffen die beiden spanischen Spitzenklubs nächstes Frühjahr aufeinander. Der Sieger könnte im Halbfinale auf den VfL Wolfsburg treffen.

In Barcelona soll die nigerianische Stürmerin Asisat Oshoala bereits 350 000 Euro Jahresgehalt beziehen. Real Madrid steigt ab 2020 über die Fusion mit CD Tacon in die Frauen-Liga ein, die neben einem Namenssponsor auch einen TV-Partner gewonnen hat. „Vieles läuft in die richtige Richtung“, sagt die zweimal zur besten spanischen Liga-Spielerin gewählte Sosa, die auch für die Nationalelf antritt, die in der EM-Qualifikation in Polen 0:0 spielte.

„equal play“ statt „equal pay“

Die deutsche Nationaltorhüterin Almuth Schult findet, es sei eine Frechheit, den spanischen Spielerinnen abzuverlangen, professionell ihren Job auszuüben, und ihnen dann eine Gehaltsobergrenze zu setzen, die genau das Gegenteil widerspiegele. Gleichwohl besteht auch in Deutschland eine große Kluft: Die Spanne reicht von dem Mindestgehalt für Vertragsspielerinnen von 250 Euro monatlich bis zu den fünfstelligen Monatsgagen der Topspielerinnen beim VfL Wolfsburg und FC Bayern. Rund 500 000 Euro wendet ein Frauen-Bundesligist im Schnitt für Gehälter auf. „Einige Spielerinnen verdienen in der Frauen-Bundesliga weniger Geld als beispielsweise Männer in der Landesliga oder noch tieferen Ligen“, kritisiert Schult.

Aber kann das überhaupt verglichen werden? Nach dem Finale der Frauen-WM in Lyon brüllten vorrangig amerikanische Zuschauer „equal pay, equal pay“. Als Unterstützung für den Weltmeister USA mit Frontkämpferin Megan Rapinoe, die mit den Mitspielerinnen ihren Verband verklagt hatte. Das US-Modell ist jedoch kaum auf Europa übertragbar, weil die Spielerinnen vom Verband bezahlt werden, weshalb sich Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg zurückhält: „Bevor wir uns über equal pay unterhalten, sollten wir über equal play reden!“ Erstmal gleiche Voraussetzungen schaffen.

DFB-Präsident Fritz Keller fordert zwar von allen Lizenzvereinen ein überfälliges Bekenntnis für den Frauen- und Mädchenfußballs, doch sein Vizepräsident Rainer Koch stellte am Wochenende am Rande des Frauen-Länderspiels in Wembley klar: „Bevor wir Geld für die Frauen ausgeben, müssen wir es erst einmal einnehmen.“ Die Aufwendungen für Frauen- und Mädchenfußball würden im DFB die Erlöse bei weitem übersteigen. Da schien einer fast zu fürchten, dass auch deutsche Nationalspielerinnen im Kampf um bessere Entlohnung die Muskeln spielen lassen.