Kurz vor dem Wettkampf in Hengelo erzählte der Speerwerfer Julian Weber bei einer Pressekonferenz, was er sich so vorgenommen hat für diesen Sommer: über 90 Meter werfen, bei den deutschen Meisterschaften überzeugen, an den Europa- und Weltmeisterschaften teilnehmen. Und dann? „Hat es erst mal geschüttet wie aus Eimern“, sagt Weber. Die niederländischen Winde drehten im Stadion von Hengelo. Und eigentlich war die ganze Woche vor dem Meeting am Pfingstmontag nicht gerade perfekt. Weber zog um. Von Prenzlauer Berg nach Berlin-Friedenau. Der 27 Jahre alte Leichtathlet schleppte Kisten, baute Möbel auf, schraubte Regale zusammen. „Es war sehr anstrengend die Tage davor“, sagt er.

Aber Weber wusste ja aus dem Training in Potsdam bei Stützpunktcoach Burkhard Looks, was er kann. Dass die Technikeinheiten sehr gut liefen. Und dass es in diesem Jahr endlich Zeit ist, Ansprüche anzumelden. Dann begann sein Auftritt in Hengelo zwischen zwei Regenphasen. Das Ergebnis: persönliche Bestleistung, 89,54 Meter, die eigene Marke um 1,25 Meter gesteigert. „Das ist echt mal ein Hammer“, findet Weber. „Nachdem ich gerade erzählt hatte, was ich so vorhabe, hat das direkt gut gepasst.“

Julian Weber pendelt zwischen Berlin und Potsdam

Tatsächlich übertrafen bislang erst fünf deutsche Speerwerfer überhaupt die 90 Meter: Weltmeister Johannes Vetter, Olympiasieger Thomas Röhler, der Europameisterschaftszweite Andreas Hofmann sowie die nicht mehr als Sportler aktiven Raymond Hecht und Boris Obergföll. Weber hat vor, bald der Sechste im Bunde zu sein. Und er glaubt, dass seine Steigerung auch mit seinem Wechsel nach Berlin zu tun hat.

Vor zwei Jahren, vor Beginn der Corona-Pandemie, zog er aus Rostock an die Spree zu seiner Freundin, einer Berlinerin, die er als Studentin in Rostock kennengelernt hatte. In Looks fand er beim SC Potsdam eine Speerwurf-Koryphäe als Coach, in 89-Meter-Werfer Bernhard Seifert und U23-Europameisterin Annika Fuchs anspruchsvolle Trainingspartner.

2019 überließ ihm Seifert in einer fairen Geste den Startplatz für die WM in Doha, weil seine Form nachließ, die von Weber jedoch anstieg. Platz sechs kam heraus. „Das harmoniert sehr gut, wir arbeiten sehr professionell“, sagt Weber. Er startet nach wie vor für seinen Heimatverein USC Münster, legt aber Wert auf den Berliner Anteil an seiner Entwicklung: „Am Olympiastützpunkt profitiere ich sehr stark von der medizinischen Betreuung. Ich hatte noch nie bessere Physiotherapeuten als hier.“

Tatsächlich hatte Weber, der aus einer Handballer-Familie stammt und erst mit 17 Jahren vom Ballsport zum Speerwerfen kam, oft mit medizinischen Abteilungen zu tun: Ellbogenverletzungen, Bandscheibenvorfall, gebrochener Daumen, Meniskusverletzung, drei Operationen am linken Stemmbein. Immer wieder rappelte er sich auf. Immer wieder warfen sich andere vor ihm ins Rampenlicht. Bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro wurde sein neunter Platz von Röhlers olympischer Goldmedaille überstrahlt.

Webers vierter Platz bei Olympia in Tokio ging völlig unter

Bei den Sommerspielen 2021 in Tokio nahm im Ausrutsch-Drama um Goldfavorit Vetter kaum jemand Webers vierten Platz wahr. Dass dem Sportsoldaten nur 14 Zentimeter zum Bronzerang fehlten, ging völlig unter. „Da war ich schon ein bisschen enttäuscht von den Medien“, sagt Weber. Dafür genießt er es jetzt, auf dem Weg dorthin zu sein, wo er hinmöchte: „Die Rolle des Underdogs, der gute Weiten wirft, aber nie so richtig Titel gewinnt, die will ich doch mal aufgeben – und ganz vorn dabei sein.“

Die deutsche Jahresbestenliste führt Weber vor Hofmann (87,32 m) an. Weltweit liegen nur Weltmeister Anderson Peters (Grenada, 93,07 m) und Jakub Vadlejch (Tschechien, 90,88 m) vor ihm – keine schlechte Ausgangslage für eine Saison mit WM in den USA und Heim-EM in München.

Zunächst freut sich Weber jedoch auf die Deutschen Meisterschaften am 25./26. Juni im Berliner Olympiastadion: „Das wird bestimmt cool, da hab ich Bock drauf. Es wäre natürlich der Hammer, wenn das Stadion voll wird“, sagt Weber, „denn dann, das weiß ich von der DM und vom Istaf, macht Leichtathletik im Olympiastadion mega Spaß.“