Hamburg - Ach, der Mario, der hat endlich Spaß am Fußball. Ja, der Thomas, der schießt auch wieder Tore. Und der Ilkay, der fühlt sich sehr wohl in Manchester. Dann natürlich der Toni. Der andere Mario. Der Sami-Manu-Mats-Jérôme. Und wie sie alle heißen.

Wenn Joachim Löw über die Mitglieder der großen Nationalmannschaftsfamilie spricht, klingt er, als würde er über seine Söhne sprechen. Über die Kinder, die er selbst nicht hat. Er nennt sie, wie beim letzten Gesprächstermin vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien in Hamburg (20.45 Uhr, RTL), immer beim Vornamen. Immer den bestimmten Artikel vorangestellt. Immer mit Sanftmut in der Stimme. Löw, 56, kennt ja die Probleme, Sorgen, Wehwehchen seiner Spieler. Hier ein bisschen Lob, dort ganz viel Verständnis. Wird schon alles. Und mindestens gut.

Über das Verhältnis zwischen dem Bundestrainervater und seinem Nationalsöhneteam ist nie ein schlechtes Wort gesprochen oder geschrieben worden. Im Gegenteil. Harmonie von allen Seiten. Sollte es tatsächlich mal Dissonanzen gegeben haben, sind sie stets in der Kabine geblieben. Ein außenstehender Spieler, ein Nichtfamilienmitglied, das schmollt, sich benachteiligt fühlt oder gar den großen Fehler begeht, dieses Gefühl publik zu machen, wird nicht nominiert. Löw lässt vielleicht mal die Hintertür einen Spalt breit offen. Aber durch einen Spalt ist noch nie jemand hereingekommen. Erst recht kein durchtrainierter Fußballer. Und was ist mit dem Castro?

Wie Dortmund, nur besser

Der Castro, wie ihn Löw in Hamburg und entgegen seiner bewährten Vornamenspraxis beim Nachnamen nannte, ist kein kubanischer Revolutionär oder Staatsmann, der Castro, Gonzalo ist ein deutscher Fußballspieler. Einer, der für Borussia Dortmund spielt und das so gut, dass er durchaus ein aktueller Nationalspieler sein könnte. Sein müsste, finden sogar einige. Löw hingegen findet: „Der Castro hat es sehr gut gemacht zuletzt.“ Er sei dynamischer, flexibler geworden. „Wir haben ihn nie aus den Augen verloren.“

Nur liegt der letzte direkte Augenkontakt bereits ein paar Jahre zurück. Über neun. Castro debütierte damals gegen Tschechien. Hat fünf Länderspiele bestritten. Bei einem großen Turnier war er nie dabei.  Im defensiven Mittelfeld habe er nun mal den Toni (Kroos), den Sami (Khedira), den Ilkay (Gündogan) und auch den – Achtung, Sonderfall, weil vollständige Namenserwähnung! – Julian Weigel. Deutschland hat vielleicht keine echte Neun. Dafür hat es viele echt gute Sechser und Achter. Die müssen halt nur auch mal ein Tor schießen.

Der Toni und der Sami werden übrigens gegen Tschechien spielen, verriet der Bundestrainer schon mal in Voraus. Gegen Nordirland am Dienstagabend  in Hannover wird dann wahrscheinlich der Ilkay in die Startelf rutschen. „Das soll aber nicht ausschließen, dass er zurückkehrt“, sagte Löw am Ende der Mittelfelddebatte. Er, der Castro, ist trotzdem  noch kein Gonzalo.

Dabei hat dieser durchaus Bewunderer im Team. Khedira etwa zeigte sich beeindruckt vom Dortmunder Mittelfeldspiel, das Ballbesitz- und Konterfußball fließend kombiniert. Und dass es zurzeit so gut fließt, dafür ist der schnelle, technisch saubere Castro  maßgeblich verantwortlich. Ein guter Mix sei das, sagte Khedira. Und: „Ich bin für einen guten Mix.“ Die meisten Tore, erklärte er noch, fielen ja nach Ballgewinnen. Ständiger Ballbesitz, wie  ihn die Nationalmannschaft in ihrer spanischsten Phase gezeigt hat, sei nicht immer gut. „Dortmund soll aber kein Vorbild für uns sein“, bremste Khedira seine Begeisterung noch rechtzeitig ab. Dann beschleunigte er wieder in die andere Richtung: „Ich glaube, wir sind da schon etwas weiter.“

Sicher eine Pointe gesetzt

Wie auch immer. Der Bundestrainer wird trotz des üppigen Überangebots seine beste Mittelfeldlösung finden. Wobei er ja selbst sagt: „Im Moment gibt’s nichts zu lösen. Mir ist es am liebsten, wenn ich viel Konkurrenz habe.“

Löw hat in seiner inzwischen schon zehnjährigen Amtszeit gelernt, wie man unter ständiger Beobachtung und Belauschung die Dinge so formuliert, dass sie niemandem wehtun. Dass letztlich alle ein bisschen glücklich sind. Selbst auf die abschließende Frage eines Fanvertreters, ob der Bundestrainer überhaupt noch Bock habe auf Pressetermine wie diesen hier in einem Hamburger Ein-Stern-Autohaus, ob die vielen Journalisten ihn also nicht nervten, fragte Löw erst mal zurück: „Mache ich den Eindruck, als hätte ich keinen Bock?“ Alle lächelten. Dann sagte er noch in einer sicheren Vorahnung, hier und jetzt eine gute Pointe zu setzen: „Manchmal nervt es. Aber heute nicht.“ Alle lachten. Niemand war unglücklich.

Wenn trockener Humor, allgemeine Beliebtheit, öffentliche Gelassenheit und die in Hamburg präsentierte Gabe, einen lauwarmen und  höchstens mittelmäßig leckeren Espresso ohne Mundwinkelverziehen zu trinken, wenn das die einzigen vier Kriterien wären für die Nachfolge von Joachim Gauck im Schloss Bellevue, ja, dann wäre Löw ein aussichtsreicher Kandidat. Es sieht aber eher danach aus, als würde er Trainer bleiben wollen. Gespräche über eine Vertragsverlängerung will er jedenfalls schon noch führen mit seinem auf eine Unterschrift drängenden Arbeitgeber DFB. Irgendwann demnächst. Wenn es passt. Alles sei lose abgesprochen. Aber nichts sicher.

Vielleicht auch deshalb hat Joachim Löw eine seiner Aussagen präzisiert in Hamburg. Nein, er werde nicht noch mal einen Bundesligaklub trainieren. Aber ja, zu gegebener Zeit könnte er sich  durchaus vorstellen einen Klub im Ausland zu übernehmen. Sami Khedira setzte dann gleich ein Empfehlungsschreiben auf und diktierte den ersten Satz in die Reporterblöcke: „Er ist ein moderner Trainer.“ Der Sami ist so lange schon ein Familienmitglied, dass er Jogi sagen durfte.

Voraussichtliche Aufstellungen

Deutschland: Neuer (Bayern München/30/72) - Kimmich (Bayern München/21/7), Boateng (Bayern München/28/65), Hummels (Bayern München/27/51), Hector (1. FC Köln/26/22) - Khedira (Juventus Turin/29/66), Kroos (Real Madrid/26/72) - Müller (FC Bayern München/27/79), Özil (FC Arsenal/27/81), Draxler (VfL Wolfsburg/23/25) - Götze (Borussia Dortmund/24/58)

Tschechien: Vaclik (FC Basel/27/8) - Gebre Selassie (Werder Bremen/29/37), Sivok (Bursaspor/33/58), Suchy (FC Basel/28/29), Kaderabek (1899 Hoffenheim/24/23) - Skalak (Brighton & Hove Albion/24/13), Pavelka (Kasimpasaspor/25/12) - Sykora (Slovan Liberec/22/1), Dockal (Sparta Prag/28/25), Krejci (FC Bologna/24/28)- Schick (Sampdoria Genua/20/1)