Tokio - Anfang dieses Monats zeigte sich in Tokio ein äußerst ungewöhnliches Bild. Junichiro Koizumi und Naoto Kan saßen bei einer Pressekonferenz gemeinsam an einem Tisch. Eigentlich sind diese beiden ehemaligen Premierminister politische Rivalen. Koizumi ist ein Konservativer der regierenden Liberaldemokratischen Partei – Kan gehört zur linksliberalen Demokratischen Partei.

In einer Sache sind die beiden Ex-Premiers aber vereint: dem Kampf gegen Atomenergie. Seit vor zehn Jahren im nordostjapanischen Fukushima ein Kernkraftwerk havarierte, polarisiert wohl kein Thema in Japan so sehr wie die Frage nach einem Atomausstieg. Koizumi und Kan stellen sich also gemeinsam gegen die aktuelle Regierung, die weiterhin an dieser als gefährlich kritisierten Energiequelle festhalten will.

Doch die beiden politischen Rivalen sind sich noch bei einer anderen Frage einig, die zuletzt ähnlich kontrovers geworden ist: Sollten die für Juli geplanten Olympischen Spiele von Tokio stattfinden oder nicht? „Also ich weiß nicht …“, sagte Junichiro Koizumi zögernd, als er von einem Journalisten gefragt wurde. „In dieser Situation …“ Und Naoto Kan ergänzte: „Ich sage mal so – es ist sehr, sehr schwierig.“

Japan war einmal olympiabegeistert - jetzt überwiegt die Skepsis 

Das ist fast schon historisch: Zwei Ex-Premierminister aus widerstreitenden Parteien äußern durch die Blume offene Zweifel daran, ob es die Olympischen Spiele von Tokio diesen Sommer wirklich geben sollte. Noch kaum ein Jahr ist es her, da hat in Japan fast niemand etwas gegen die größte Sportveranstaltung der Welt gesagt. Dann aber breitete sich die Pandemie aus – und mit ihr die Skepsis im einst so olympiabegeisterten ostasiatischen Land.

Am Donnerstag dieser Woche startet der olympische Fackellauf, der eigentlich für bessere Stimmung sorgen soll. Von Fukushima aus, wo auch zehn Jahre nach der Atomkatastrophe noch Folgen zu spüren und sehen sind, wird die Fackel dann von Hunderten Menschen über 121 Tage durch jede Präfektur Japans getragen. Nachdem in Fukushima der vermeintliche Wiederaufbau zerstörter Gebiete zur Schau gestellt werden soll, geht es über die subtropischen Inseln von Okinawa ganz im Süden und die in Nachbarschaft zu Russland gelegene Nordinsel Hokkaido am Abend des 23. Juli in die Hauptstadt.

Im Olympiastadion wird dann mit der Fackel das olympische Feuer angesteckt – die Spiele von Tokio sind eröffnet. Nur will das kaum noch jemand. Mehrere japanische Gebiete stecken erneut im Lockdown, die Infektionszahlen steigen auch hier weiter an. Schon Ende letzten Jahres gaben in einer Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo 80 Prozent an, in diesem Sommer keine Spiele in Tokio zu wollen. Mittlerweile wollen nur noch neun Prozent, dass die Spiele wie geplant stattfinden. „Tokyo 2020“ steht mittlerweile für die vielleicht unbeliebtesten Spiele der Geschichte. Warum also noch daran festhalten?

Die öffentliche Meinung ist kein Indikator für die Stimmung im Land

Das Ganze hat mit Beliebtheit ohnehin nicht viel zu tun, sagt Koichi Nakano. „Japan ist eine Gesellschaft, in der die öffentliche Meinung kein besonders guter Indikator dafür ist, was passieren wird.“ Nakano ist Politikprofessor an der renommierten Sophie-Universität in Tokio und ein bekannter Kritiker der Olympischen Spiele und der japanischen Regierung.

„Auch Yoshiro Mori, der vorige Vorsitzende des Organisationskomitees, der im Februar wegen sexistischer Äußerungen zurücktreten musste, war nie beliebt“, so Nakano. „Er war auch nicht beliebt, als er vor 20 Jahren Japans Premierminister war.“ Weil er aber in bestimmten Kreisen sehr gut vernetzt und deshalb mächtig sei, wolle sich eben niemand mit ihm anlegen. Und ähnlich stehe es nun um die Olympischen Spiele.

Tatsächlich fragen sich in Japan auch immer mehr Menschen, ob es bei den Olympischen Spielen vielleicht gar nicht mehr so sehr um Sport geht. Nakano formuliert diese Zweifel folgendermaßen: „Wenn die Spiele nämlich eigentlich kaum mehr jemand will, wem sollen sie dann nützen? Und vielleicht geht es hier um viel Geld. Und deshalb wird die öffentliche Meinung ignoriert.“

Dabei hat sich in letzter Zeit zumindest die Rhetorik verändert. Die einstige Olympionikin und ehemalige Olympiaministerin Seiko Hashimoto, die seit kurzem das Tokioter Organisationskomitee leitet, sagte gegenüber japanischen Medien Anfang März: „Die Einschätzung der Bürger ist wichtig. Wenn sie keinen Frieden empfinden, ist es schwierig, die Olympischen Spiele durchzuführen.“

Also versuchen die Organisatoren, die öffentliche Unterstützung wieder hochzutreiben. Unter anderem damit, die Frage nach den Zuschauern vor Ort neu zu stellen. Weiterhin ist unklar, ob die Stadien, von denen viele eigens für diese Spiele gebaut wurden, womöglich ganz leer bleiben müssen. Umfragen zeigen, dass die Meinung hierzu geteilt ist. Nur: Wenn es bei Olympia um nichts als Geld geht, sind leere Stadien eine schlechte Idee.

Leere Stadien würden Japan Milliarden kosten

Eine Studie der Kansai-Universität in Osaka hat ergeben, dass auf diese Weise Einnahmen in Höhe von 19 Milliarden Euro entgehen würden. Der Ökonomieprofessor Katsuhiro Miyamoto, der diese Rechnung erstellt hat, ist selbst skeptisch, was Olympia angeht. „Man müsste die Bevölkerung in dieser Frage miteinbeziehen.“ Aber auch aus rein ökonomischen Erwägungen sei die Veranstaltung mit der Zeit zusehends fragwürdig geworden.

„Wenn es keine Zuschauer in den Stadien gibt, gehen nicht nur die Ticketeinnahmen verloren“, so Miyamoto. Es gebe noch zwei weitere Arten von Verlusten. „Erstens bleiben all die neu gebauten Hotels leer, rund um die Spielstätten würde der Konsum ausfallen, und Werbeaktivitäten gehen zurück.“ Und dann sei da noch der entgangene Effekt, der dadurch entstünde, dass Gäste, die nach Japan kommen, daheim davon erzählen würden, wie schön es in Japan war. „Das wäre ein indirekter Werbeeffekt, durch den sich später noch mehr Menschen für Tourismus nach Japan interessieren würden. Und der ginge auch verloren.“

Zum Vergleich: 19 Milliarden entsprachen in etwa den geschätzten Kosten der Spiele, bevor sie wegen der Pandemie um ein Jahr verschoben werden mussten. Der von den Veranstaltern kalkulierte „legacy effect“, also der auch nach den Spielen bleibende Nutzen durch Investitionen, würde sich nach Miyamotos Analysen auf etwa sieben Milliarden halbieren.

Diesem Problem hätte man dadurch begegnen können, dass man für die Einreise der Zuschauer aus dem Ausland und Athleten eine Impfung zur Bedingung macht. Das Internationale Olympische Komitee hat zumindest für Athleten genügend Impfdosen aus China gesichert. Nur: Im Gastgeberland hat man für die japanischen Athletinnen dankend abgelehnt. Es würden nur Impfstoffe verwendet, die von nationalen Behörden genehmigt wurden, was für den Stoff aus dem eher ungeliebten Nachbarland derzeit nicht der Fall ist. Auch ausländische Ticketbesitzerinnen, die mit einem in Japan nicht zugelassen Impfstoff geschützt wurden, hätte man vermutlich nicht ins Land gelassen.

Am vergangenen Wochenende wurde dann ein neuer Beschluss gefasst: Zuschauer aus dem Ausland sind nun ganz ausgeschlossen. So werde vermieden, dass mit vielen Besuchern aus der Welt auch das Coronavirus samt seiner Mutanten eingeschleppt werde. Auf die Möglichkeit, bei Besuchern aus dem Ausland auf Impfungen zu bestehen, wird verzichtet. Schließlich ist auch die japanische Bevölkerung skeptisch geworden gegenüber auch nur teilweise geöffneten Grenzen. Und das Reizvolle an dieser Entscheidung ist offensichtlich: Sofern zumindest Zuschauer aus dem Inland in die Stadien gelassen werden, würde immerhin ein finanzieller Super-Gau vermeiden.

Aber ein riesiges Verlustgeschäft – und außerdem ein unbeliebtes – bliebe „Tokyo 2020“ trotzdem noch. Nur ist eine Absage kaum eine ernsthafte Erwägung, sagt Michael Naraine. Der Professor für Sportmarketing an der kanadischen Brock University sieht nämlich kaum eine Chance, dass sich durch eine endgültige Absage der Spiele noch Geld sparen ließe. Das meiste Geld sei schon ausgegeben. „Auch die Sponsoringverträge sind in der Regel so strukturiert, dass ein Großteil der zu zahlenden Summen schon bei der Unterzeichnung überwiesen wird.“

Gut 60 japanische Unternehmen haben den Organisatoren von „Tokyo 2002“ kollektiv mehr als drei Milliarden US-Dollar für ihre Werberechte überwiesen. Selbst wenn sie sich aus dem unpopulär gewordenen Event zurückziehen wollten, könnten sie ihr Geld also kaum noch zurückbekommen. Micheal Naraine gibt aber zu bedenken: „Für einen Sponsor dürfte es sich trotz allem lohnen, an Bord zu bleiben. Die Werbeplattform wird durch die weltweit ausgestrahlten TV-Bilder immer noch riesig sein. Und jetzt auszuscheren, könnte für das Ansehen einer Marke auch als kontraproduktiv und unsportlich rüberkommen.“

Bei Olympia geht es auch um politische Karrieren

Eiichi Kido, Politikprofessor an der Universität Osaka, sieht neben Geld auch Politik als treibende Kraft dafür, dass Olympia noch immer nicht abgesagt worden ist. „Die japanische Regierung will die Olympischen Spiele unbedingt durchführen.“ Es gehe nicht nur um Gesichtswahrung, sondern auch um persönliche Karrieren im politischen Geschäft und Versprechen zwischen Politikern, Sponsoren und anderen Interessensgruppen.

Der in Kidos Augen wichtigste Grund ist aber einer, der die zwei kritischen Ex-Premiers Junichiro Koizumi und Naoto Kan besonders skeptisch machen dürfte: „Das Motiv von Tokio, die Olympischen Spiele in Japan zu veranstalten, ist, Fukushima vergessen zu machen“, sagt der Professor mit Wut in der Stimme. Denn nur wenn über das Atomdesaster von Fukushima reichlich Gras gewachsen sei, könne die Regierung darauf hoffen, bald ohne großen gesellschaftlichen Widerstand wieder verstärkt auf die Atomkraft zu setzen.

Am Telefon sagt Eiichi Kido: „Sie wissen sicherlich, dass die Lage in Fukushima überhaupt nicht unter Kontrolle ist.“ Noch heute bleiben mehr als 40.000 Menschen, die wegen hoher Strahlenbelastung aus den Gebieten nahe der Atomruine wegziehen mussten, evakuiert. Berücksichtigt man auch diejenigen dazu, die in den Randgebieten aus eigenen Stücken die Region verließen, fällt die Zählung deutlich höher aus.

Doch der ehemalige Premierminister Shinzo Abe behauptete schon im Spätsommer 2013, als Tokio das olympische Austragungsrecht erhielt, das Gegenteil: Alles sei unter Kontrolle. Um das zu zeigen, sollen dieses Jahr auch in Fukushima olympische Wettkämpfe im Baseball stattfinden. Allerdings 60 Kilometer von der Kraftwerksruine entfernt, in einer Stadt, die ohnehin nie evakuiert wurde.