Hamburg - Die Vergangenheit ist nichts wert. Dreizehneinhalb Spiele stellte der 1. FC Union die beste Defensive der Zweiten Liga. Nicht nur was die Zahl der Gegentore betraf. Sondern es war das Auftreten: eng gestaffelt, aggressiv und vor allem souverän in Druck- und Ruhephasen. Doch dann brach plötzlich das Chaos in der Berliner Hintermannschaft aus, obwohl bis dahin alles auf einen Sieg beim Tabellenführer Hamburger SV hindeutete. Es war einem Kraftakt von Suleiman Abdullahi in der Schlussminute zu verdanken, dass Union trotz der zwischenzeitlichen Orientierungslosigkeit beim 2:2 (1:0) den Nimbus der Unbesiegbarkeit in dieser Saison nicht verlor.

Mit einer Mischung aus defensiver Ordnung und offensivem Mut hatte Union-Coach Urs Fischer den Bundesligaabsteiger vor Probleme stellen wollen, und dabei setzte er im Besonderen auf Grischa Prömel, der diese Defensiv-Offensiv-Verknüpfung so gut wie kaum ein anderer im Union-Kader verkörpert und nach seiner abgelaufenen Gelb-Rot-Sperre wieder mitmischen durfte.

Mees' Warterei zahlt sich aus

Es zeigte sich dann, dass Fischer sowohl mit der taktischen Marschroute als auch mit einer anderen klugen Entscheidung richtig lag: Im Spätsommer hatte der Trainer seinen Flügelstürmer Joshua Mees bremsen müssen. Der 22-Jährige wollte unbedingt für seinen neuen Klub aufdribbeln, der Oberschenkel aber zwickte, und irgendwann ließ sich der junge Mann überzeugen. „Ich habe für drei Jahre unterschrieben, da kommt es auf die drei, vier Wochen nicht an“, bekannte Mees dann einsichtig. Das Warten zahlte sich aus.

Keine 12 Minuten waren im Hamburger Volkspark vergangen, als Mees beim Versuch, den Ball auf Sebastian Polter abzulegen, geblockt wurde, schneller reagierte als sein Gegenspieler Rick van Drongelen, nachsetzte und den Ball ins kurze Eck jagte.

Auf der anderen Seite fand sich derweil zunächst kein Hamburger, der sich in Abwesenheit des kurzfristig mit Wadenproblemen unpässlichen Pierre-Michel Lasogga der nicht ganz unwichtigen Sache mit den Toren annehmen wollte. So sah die Unioner Defensive denn auch so sicher wie eh und je in dieser Spielzeit aus und Mees wie der Siegbringer − wie schon vor zwei Wochen gegen Fürth, als er das 4:0 mit einem Doppelpack eingeleitet hatte.

Reichel und Trimmel helfen HSV

Doch in diesem Spitzenspiel der Widersprüche kam es anders. Mees konnte nach den ersten 45 Minuten nicht mehr weitermachen, wieder zwickten die Muskeln, und als die Eisernen mit Simon Hedlund statt Mees aus der Kabine kamen, war auf einmal die defensive Selbstverständlichkeit flöten. Das hatte zwei Höhepunkte für die bis dahin ratlosen HSV-Stürmer zur Folge.

Drei Monate hatte kein Hamburger mehr in einem Heimspiel getroffen mit Ausnahme des nun verletzten Lasogga. Das einzige Nicht-Lasogga-Heimspieltor (von sieben) in dieser Saison hatte der ehemalige Herthaner zudem vorbereitet. Nun kamen die Berliner zu Hilfe. Zunächst Ken Reichel. Der Linksverteidiger nahm den Ball in der 58. Minute fünf Meter vor dem eigenen Tor an, anstatt ihn zu klären. Das brachte ihm einen Rüffel von Torwart Rafal Gikiewicz ein und Hamburg den Ausgleich.

Sieben Minuten später war es Kapitän Christopher Trimmel, der die nächste Pingpongstafette einleitete, an deren Ende Gikiewicz einen scharfen Kurzdistanzschuss prallen lassen musste, und Lewis Holtby staubte zur Führung ab. „Ich weiß nicht, wie das passiert. Wir müssen den Ball einfach klären. Darüber haben wir in den vergangenen Wochen viel gesprochen“, ärgerte sich Sebastian Polter. „Bis zur 55. Minute haben wir ein taktisch sehr gutes Spiel gemacht.“ Ken Reichel war bei der Erklärungsfindung nach Schlusspfiff schon weiter: „Hamburg ist mehr Risiko gegangen und hat sehr viel Druck gemacht. Wir haben zwei dumme Gegentore bekommen, aber die Moral hat gesiegt.“

Der Trainer hatte von seinem Beobachtungsposten an der Seitenlinie zudem auch zu viel Passivität ausgemacht in den Anfangsminuten der zweiten Hälfte. Wegen der besagten Moral und dem späten Ausgleich durch Abdullahi war ihm die Laune aber nicht zu verderben. Sekunden vor dem 2:2 hatte Lasogga-Ersatz Hee-Chang Hwang im Duell mit Gikiewicz die Entscheidung verpasst. „Schlussendlich ist das Resultat gerecht. Ich fand, es war ein tolles Fußballspiel, viele Emotionen“, sagte er. Und rein zahlenbasiert ist sein Team mit nun zehn Gegentreffern ja defensiv immer doch das Maß der Liga. Entsprechend zufrieden war auch Reichel. „Es läuft ganz gut für uns. Auswärts einen Punkt in Hamburg zu holen ist in Ordnung“, sagte er.