Steht bei Hertha enorm unter Druck: Ante Covic. 
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BerlinSalomon Kalou hat schon fast alles erlebt, was man als Fußballspieler so erleben kann. Und dabei auch allerlei Titel gewonnen: mit dem FC Chelsea die englische Meisterschaft, den englischen Pokal und im Jahr 2012 gar die Champions League; mit der ivorischen Nationalmannschaft die Afrikameisterschaft im Jahr 2015. So nimmt sich der 34-Jährige – getragen von diesem reichen Erfahrungsschatz – im Herbst seiner Karriere die Freiheit zum offenen Wort, hat auch keine Scheu die sportliche Situation bei seinem derzeitigen Arbeitgeber, dem Bundesligisten Hertha BSC, auf den Punkt zu bringen. Vor dem Ligaspiel gegen RB Leipzig, das am Sonnabend im Berliner Olympiastadion ausgetragen wird, sagte er: „Bis Weihnachten ist jedes Spiel für uns ein Finale. So müssen wir da rangehen.“

Dass Hertha BSC bis auf weiteres nur noch Endspiele bestreit, hat freilich ganz viel mit der Niederlage im Stadtderby beim 1. FC Union zu tun, bei der die Blau-Weißen ja nicht nur den Eindruck des Gehemmtseins, sondern auch den des Überfordertseins hinterlassen hatten. Allen voran Trainer Ante Covic, der keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge zu nehmen wusste und im Nachgang keine überzeugende Erklärung parat hatte. Für ihn, das ist aufgrund der angespannten Situation im Klub nun wirklich keine wilde Fantasie, dürfte schon das Spiel gegen die Leipziger nicht nur ein, sondern das Endspiel um seine Zukunft als Cheftrainer bei Hertha BSC sein. Bei einer Niederlage, welche die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit beim selbsternannten Hauptstadtklub weiter vergrößern würde, dürfte sich Manager Michael Preetz zum Handeln gezwungen sehen.

Immerhin: Darida ist wieder eine Option

„Die Favoritenrolle ist geklärt und unstrittig“, sagte Preetz am Donnerstag. „Unser Fokus liegt darauf, zu beweisen, dass das vergangene Wochenende ein Ausrutscher war und wir nicht noch einmal so auftreten. Wir sind gefordert, alles zu investieren, um eine Überraschung zu schaffen.“ Covic wiederum gab in der Spieltagskonferenz zu, dass man sich natürlich mit der Formstärke der Leipziger auseinandergesetzt habe, die Elf von Julian Nagelsmann hatte im Pokal ja zunächst den VfL Wolfsburg mit einem 6:1 abgefertigt, um im Anschluss in der Liga den FSV Mainz mit einem 8:0 vom Platz zu fegen. Nun gehe es aber vor allem darum, sagte Covic, „dass wir unser wahres Gesicht auf dem Platz zeigen. Das ist uns schon öfter gelungen. Wichtig ist es jetzt, schnellstmöglich wieder in die Spur zu kommen.“

Wie er das bewerkstelligen will, ist wohl die spannendste Frage im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit dem Champions-League-Teilnehmer. Aus psychologischer Sicht, weil der eine oder andere Spieler aufgrund der spielerischen Probleme womöglich schon Zweifel an den Fähigkeiten des Trainers hegt. Aber auch aus spieltaktischer Sicht, weil Covic ja unverrichteter Dinge beim schweren Pokalgang gegen Dynamo Dresden und beim 0:1 in Köpenick auf eine Formation mit Doppelspitze gesetzt hatte. Trotz der Erfahrungswerte aus der Sommervorbereitung, als die Mannschaft bei diversen Testspielen mit dieser Spielidee doch arg fremdelte.

Von Vorteil für Covic könnte sein, dass der fürs Stadtderby gesperrte Vladimir Darida wieder eine Option ist. Ein Blick auf die bisherigen Bundesliga-Duelle mit RB im Olympiastadion verheißt allerdings nichts Gutes, die Ergebnisse aus Sicht der Hertha lauteten: 0:3, 2:6 und 1:4. Bei der Einschätzung der Ausgangssituation geht das Wort wieder an Kalou: „Wir haben ab jetzt in jedem Spiel die Chance, in der Tabelle endlich nach ganz oben zu kommen. Aber es besteht auch die Möglichkeit, dass wir nach unten rutschen. Das müssen wir verhindern.“