Berlin - Das Büro von Stéphane Richer ist ein Mikrokosmos dessen, was ihn antreibt. Einige Zierpflanzen sorgen auf dem Schreibtisch des Sportdirektors der Eisbären Berlin für Farbe, ansonsten dominiert das Weiß der Möbel. Blickfang sind allerdings zwei Tafeln, die offenbaren, was ihm wichtig ist: Auf der einen lächeln dem 55-Jährigen die Ehefrau sowie die drei Töchter entgegen. Direkt daneben ist eine Übersicht, mit welcher Aufstellung die anderen 13 Vereine der Deutschen Eishockey Liga (DEL) spielen. Dass der Kanadier viel weniger Zeit mit der Familie verbringen kann, als er sich wünscht, liegt natürlich an dem Job, den er seit vier Jahren in Berlin ausübt. „Eishockey ist meine große Leidenschaft“, sagt er. „Ohne diese Arbeit wird es langweilig für mich. Es war noch nie so, dass ich mal zur Geschäftsstelle gegangen bin mit dem Gefühl, puh, heute muss ich arbeiten.“

Titel dürfte helfen, an Akzeptanz bei den Fans zu gewinnen

Das Ergebnis dieser Arbeit ist die achte Meisterschaft, die die Eisbären vor knapp zwei Wochen gewonnen haben, zum ersten Mal wirkte Richer daran entscheidend mit. Was ihm nicht nur deshalb so viel bedeutet, weil dieser Titel belohnt für alle Mühen in schwierigen Pandemiezeiten. Dieser Silberpokal, der nun in der Geschäftsstelle glänzt, dürfte auch ungemein helfen, an Akzeptanz bei der Anhängerschaft zu gewinnen.

Gerade bei eingefleischten Fans, und davon gibt es auf den Rängen der Arena sehr viele, spielt der Lebenslauf eine nicht unerhebliche Rolle. Als Profi spielte Richer einst bei den Adlern aus Mannheim, dem Eisbären-Erzrivalen schlechthin. Später verantwortete er die Geschicke der Hamburg Freezers, die bis zu ihrem Aus 2016 zur gleichen Organisation wie die die Eisbären gehörten: der Anschutz Entertainment Group. Neu-Geschäftsführer Thomas Bothstede, der auf Peter John Lee folgt, der fortan im Aufsichtsrat wirkt, sowie Trainer Serge Aubin wirkten zusammen in der Hansestadt, weshalb in Fankreisen dieses Thema jüngst wieder Fahrt aufnahm.

„Ich habe ja von Anfang an gesagt, dass alle bisherigen Stationen zu meinem Lebenslauf gehören“, sagt Richer. „Wo ich bin, gebe ich 100 Prozent und bin mit voller Leidenschaft dabei. Ich bin jetzt Berliner, es ist mein Ziel, hier lange zu arbeiten.“ Hamburg spielte in den vergangenen Jahren ohnehin nur insofern eine Rolle, als dass seine jüngste Tochter dort ihre Schullaufbahn beenden wollte. Wenn es die Zeit mal zuließ, pendelte er in die Hansestadt, um ein paar Tage mit der Familie zu genießen. Diese Fahrten braucht es mittlerweile nicht mehr, inzwischen leben sie zu dritt in Stralau, gar nicht weit von der Halle und der Geschäftsstelle entfernt. „Am Tag nach der Meisterschaft bin ich direkt am Wasser zu Fuß zur Halle gelaufen und ich konnte sagen, wir haben das geschafft – das war ein gutes Gefühl.“ Die veränderte Familiensituation hilft Richer, noch mehr Energie für die Eisbären freizusetzen. „Wir waren immer zusammen, und dass wir zunächst örtlich getrennt leben mussten, war nicht einfach.“

Unangenehme Personalgespräche

Auch sportlich war die Zeit nicht immer einfach, die Richer in der Hauptstadt erlebte. Nachdem er 2017 zunächst als Assistent von Cheftrainer Uwe Krupp arbeitete, begann sein Wirken als Sportdirektor mit der darauffolgenden Spielzeit. Nur wenig fehlte schon damals zum Titel, die Eisbären unterlagen München im siebten Spiel. Darauf folgte ein Jahr, in dem er an seinem Wirken zweifelte. Als Folge einer anhaltenden sportlichen Krise musste er Trainer Clément Jodoin entlassen, er kehrte selbst hinter die Bande zurück. Weil der Verein längst mit Aubin als Headcoach plante, sollte es keine Kurzzeitlösung geben. Seitdem Aubin die Mannschaft anleitet, ging es nach oben. 2020 sorgte die aufkommende Coronawelle dafür, dass die Saison nach der Hauptrunde abgebrochen wurde, die die Eisbären als Vierter abgeschlossen hatten. Und nun folgte die Krönung.

Dieser Erfolg trägt wesentlich Richers Handschrift, der unter schwierigen Umständen die richtigen Puzzlesteine für einen Meisterkader zusammenstellte. Womit dennoch nicht ausblieb, was er selbst als die unschöne Seite seines Berufs bezeichnet: Personalgesprächen, die ein Ende der Zusammenarbeit bedeuten. „Ich will immer ein guter Mensch sein, aber hoffe gleichzeitig, im Job die richtigen Entscheidungen zu treffen“, sagt Richer. „Persönliche Gründe spielen nie eine Rolle, es geht immer nur um das Beste für die Eisbären.“

Und deshalb denkt er schon längst über die Vorbereitung der kommenden Saison nach. Zumindest, was die Aufstellungstafel angeht, wird dann auch das Büro in absehbarer Zeit etwas umgestaltet.