Sportfunktionäre: „Wie im ZK der SED“

Erfurt - Man muss kein Schalk sein, wenn man fürchtet, Joseph Blatter könnten sich Sportfunktionäre zum Vorbild nehmen, diesen listigen ewigen Weltfußballboss. Man muss nur Thüringer sein. Im Freistaat bereitet sich Peter Gösel plötzlich auf eine weitere Amtszeit an der Spitze des Landessportbundes vor. Er ist der ewige LSB-Boss, seit er 1994 das Amt vom stasibelasteten Vorgänger Manfred Thieß übernommen hatte.

Dabei hatte Gösel, der in der DDR bei der Reichsbahndirektion in Erfurt für die Organisation von Militärtransporten zuständig war, vor zwei Jahren anlässlich seines 70. Geburtstags seinen Amtsabschied für dieses Jahr versprochen. Wie Blatter will er davon nun lieber nichts mehr wissen. Im November will Gösel sich wiederwählen lassen. Die Volte verdankt der Sportbund einem neuen Ton, der im Präsidium Einzug gehalten hat, und der die Altvorderen wie Gösel und seinen stasibelasteten Geschäftsführer Rolf Beilschmidt offenbar gehörig verängstigt.

Bei einer Podiumsdiskussion zur „Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen 25 Jahre nach dem Ende der SED-Herrschaft“ im Thüringer Landtag erhob sich vorige Woche Gösels Vizepräsident Breitensport, Dirk Eisenberg, 45, zu einem bemerkenswerten Plädoyer. Das habe ihm, so Eisenberg, „von der Basis in den letzten Tagen viel Zuspruch“ eingebracht. So deutlich wie in keinem der anderen östlichen Bundesländer bisher geißelte er die Art und Weise, in der Altfunktionäre sich nach dem Mauerfall das Sportsystem untertan gemacht haben. „Es ist endlich an der Zeit, dass die junge Generation Verantwortung übernimmt und diese unsäglichen Zustände nicht länger toleriert“, zürnte er, „beim LSB herrschen Zustände wie im ZK der SED. Beilschmidt und Gösel sollten ihre Plätze räumen.“ Der Erfurter IT-Unternehmer bot sich an, die Führung zu übernehmen, um den LSB von seinen Altlasten zu emanzipieren.

Tatsächlich muten die Seilschaften gerade in Thüringen erschreckend an. Das liegt gar nicht allein an den Personalien Gösel und Beilschmidt. Der LSB hatte zuvor Furore gemacht mit einem sehr speziellen Fall von Resozialisierung: Über Jahre ließ er Heinz-Jochen Spilker als Vizepräsident wirken, obwohl der sich für eine weitere Verwendung im Sport nicht empfahl. Als Sprint-Bundestrainer West wurde Spilker 1994 vom Amtsgericht Hamm zu 12 000 Mark Geldstrafe verurteilt, weil er Athletinnen mit Dopingpräparaten Beine gemacht hatte.

Im LSB traf er auf den einst in der DDR gedopten Weltklasse-Hochspringer Beilschmidt, Stasi-IM „Paul Grün“, später Spitzenfunktionär im dopingverseuchten Sportclub Motor Jena und 1990 DTSB-Vizepräsident, und LSB-Geschäftsführer. Er ist hochgradig belastet. Die Sporthistoriker Jutta Braun und Michael Barsuhn haben in einer gerade im Werkstatt-Verlag Göttingen erschienenen Pilot-Studie zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit des Thüringer Sports nochmals festgestellt, „dass die rückblickend von Beilschmidt formulierte Einschätzung seiner eigenen Stasikontakte, dem MfS keine Informationen gegeben zu haben, die andere Menschen in Schwierigkeiten gegenüber damaligen Staats- und Machtorganen gebracht hätten, in dieser Form nicht zutreffend ist“.

Jungfunktionär Eisenberg propagiert moderne Strukturen und Offenheit. Er erinnert sich mit Graus an Präsidiumssitzungen, in denen die Kollegen sich mit aller Vehemenz gegen eine Facebook-Präsenz ausgesprochen hätten: Da könne dann ja jeder unkontrolliert seine Meinung äußern. „Es muss im LSB endlich einen Neuanfang geben. Die Deutungs- und Entscheidungshoheit in allen wichtigen Fragen liegt bei Beilschmidt und Gösel“, klagt er, „wenn man es wagt, das System zu kritisieren, spürt man sofort die Konsequenzen.“

Dass sich im mit Steuergeldern finanzierten Sport in Ostdeutschland auch nach 1990 zahlreiches stasi- und dopingbelastetes Personal sowie SED- und NVA-Kader teilweise noch bis heute tummeln, dokumentiert die Aufarbeitungsstudie zu Thüringen. Sie war 2008 von der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur, dem LSB Thüringen, der Staatskanzlei und der Stasi-Landesbeauftragten in Auftrag gegeben worden. Die Uni Potsdam wurde aufgrund von erheblicher öffentlicher Kritik an den unsäglichen Zuständen mit dem Projekt betraut. 75 000 Euro standen zur Verfügung, davon zahlte der LSB ein Drittel. Die Studie wurde verspätet fertig. Sie bestätigt bekannte Sachverhalte wissenschaftlich und bündelt sie. Nur die Schlussfolgerung am Ende, bei der Thüringer LSB-Führung habe in den vergangenen Jahren ein Umdenken stattgefunden, bezeichnete Insider Eisenberg als falsch: „Ein Umdenken des LSB gibt es nicht, das ist Unsinn.“ Wenig nachvollziehbar ist die Aussage der Historikerin Braun, dass sie während ihrer Forschung keinen Zugang zu den Akten der Thüringer Verfahren zum DDR-Zwangsdoping bekommen habe. Denn sogar im Archiv der Doping-Opfer-Hilfe in Berlin sind etliche dieser Akten verfügbar.

Gösel räumte als Reaktion auf die massive Kritik an den Altkader-Seilschaften kleinlaut das jahrelange Versagen ein. „Ganz gewiss hätte man die Prozesse der Aufarbeitung früher und in manchem Punkt auch anders gestalten können oder müssen.“ Trotzdem will er nun Eisenberg um jeden Preis verhindern. Abschied ankündigen und Abschied vollziehen, sind eben zwei Paar Schuhe. Hat Blatter ja vorgemacht.