Baden-Baden - Es waren erst so ein oder vielleicht auch schon zwei Gläschen nach Mitternacht, die Sitzgala hatte sich gerade in eine Stehparty verwandelt und war sogar schon auf dem besten Weg, eine echte Tanzveranstaltung zu werden, da trat Thomas Bach vor die Torwand und: „Na, dann mal los.“ Zu beobachten war das bislang nur im Aktuellen Sportstudio, und es sagt wohl einiges aus über Bachs Treffsicherheit, dass er sich an seinen letzten Besuch nicht mehr lückenlos erinnert. „Weiß nicht mehr.“

Am vergangenen Sonntagabend feierte Bach seine große Torwandpremiere im Kurhaus zu Baden-Baden, wo zuvor die Sportler des Jahres gewählt worden waren: die Speerwurfweltmeisterin Christina Obergföll, der Diskuswurfweltmeister Robert Harting und der FC Bayern München, als Triplemannschaft des Jahres. „Na, dann mal los“, sprach also Bach, der früher mit rechts focht und heute mit links schießt, und ließ bei drei Schüssen immerhin einen Ball ins Loch hoppeln. Treffer unten. Oben war aus Sicherheitsgründen und, wie sich später immer wieder mal zeigen sollte auch zu Recht, gesperrt worden. Die Wette hatte Bach damit trotzdem verloren. Aber dazu später mehr.

Dieses Kurhaus ist ja bekanntlich so etwas wie das Wohnzimmer des deutschen Sports. Mit den Jahren ist es aber auch das Spielzimmer geworden, in dem sich die deutschen Sportler wenigstens ein Mal im Jahr in Familienstärke austoben können. Ausdrücklich willkommen sind auch ehemalige Sportler und Sportlerinnen, dazu Trainer und Funktionäre, und natürlich die Sportjournalisten, die diese Wahl vor über sechzig Jahren erfunden haben.

Rudi Cerne fragt nach Gänsehaut

Wenn man so will, dann war Bach bis zuletzt das Oberhaupt dieser Familie, doch dann zog es ihn von Tauberbischofsheim nach Lausanne und vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zum Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Bachs Nachfolger auf dem nationalen Thron heißt Alfons Hörmann und saß am Sonntag am wichtigsten Tisch des Bankettsaals, direkt vor der Bühne, wo der Moderator Rudi Cerne die Moderatorin Kathrin Müller-Hohenstein am Arm packte, als all die emotionalen Sportbilder, die dieses Jahr produziert hatte, über die Leinwand liefen, und dann fragte er sie: „Hast du gerade auch Gänsehaut?“

Hörmanns erster Auftritt in Baden-Baden war nicht sonderlich emotional. In Erinnerung geblieben ist aber folgender Satz: „Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, was Michael Vesper vorgibt.“ Vesper ist der Generaldirektor beim DOSB, manche sagen, er sei der eigentliche Chef. Und das erklärt dann auch die vielen Lacher, die Alfons Hörmann für seine seltsame Wortwahl kassierte. Aber egal, es bleibt ja in der Familie. Und die Familie hatte nach dem offiziellen Teil ihr alljährliches Wiedersehen zu feiern.

Die meisten Athleten trugen an diesem Abend gut sitzende Anzüge oder bis zum Steißbein ausgeschnittene Kleider statt Trikots oder Badehosen. Auch auffällig: Sie trugen Frisuren. Und alle tranken. Manchmal musste man dann schon zwei Mal hinschauen, um das Gesicht einer Leichtathletin unter einer dicken Farbschicht zu erkennen. Aber warum auch nicht? Baden-Baden ist ein bisschen wie Hollywood, sagten zumindest die Veranstalter, und verwiesen auf die vorfahrenden Limousinen, den roten Teppich und die vielen Autogrammjäger. Doch die ließen auf Verdacht noch jeden unterschreiben und ergooglten sich erst hinterher die Namen. Ein Kollege hat das mal ausprobiert.

Wenn Sven Ottke Knoblauch isst

Wenn man drinnen so durch die Reihen schlenderte, zwischen den mit Gläsern und Tellern überfüllten Stehtischen, vorbei an Champagnerständen und Zapfanlagen, traf man zum Beispiel auf einen wie Sven Ottke. Der frühere Boxer hat hier mal den fünften Platz belegt, und irgendwie scheint das der einzige Grund dafür, zu sein, dass er jedes Jahr wiederkommen darf. Mit seiner Frau, die er Chefin nennt und ihr dabei gerne in den Oberschenkel kneift, während sie dann wiederum erzählt, wie das Schlafzimmer morgens stinkt, wenn der Sven abends mal wieder zu viel Knoblauch gegessen hat. Auf Ottkes Teller lag zuletzt gebratene Rinderlende auf jungem Wirsing, daneben eine Gemüsetartlette an Schalottenjus. Leicht bedenklich.

Andererseits ist Sven Ottke, 47, ein echter Fachmann, was solche Events angeht. Er spielt Charitygolf, läuft bei Starbiathlonrennen mit. Im Anschluss gibt es immer ein Galadinner, und wenn die Weinflasche leer ist, dann muss man sie halt mit dem Hals nach unten in den Eiskübel stecken, damit der Kellner eine neue bringt. Das hat Sven Ottke so gelernt. Das ist inzwischen seine Welt. Und man sah es ihm an, dass sie ihm so gefällt. Einer wie Ottke wird an so einem Abend nie allein herumstehen. Berlin, seine Heimatstadt, sei ihm nach der Wende zu groß geworden, sagte er irgendwann. Am Revers trug er einen Pin mit dem Stadtlogo von Spandau. Ottke lebt seit über zwanzig Jahren in Karlsruhe. Und irgendwie wollte man ihm am Ende gerne mit einem Finger auf die verbeulte Nase pieksen, um zu gucken, ob da unter der Haut noch ein Stück Knochen steckt.

Man begegnete aber auch einem wie Matthias Steiner, 31, der aussah wie eine dünne Kopie von dem dicken Gewichtheber, den man noch von früher kannte. Steiner ist jetzt auch so einer, der diese Charitysachen macht und als Star bezeichnet wird, aber er ist noch kein Ottke. Sven Hannawald, 39, den frühren Skispringer, konnte man natürlich auch treffen, ihn dabei beobachten, wie er zwei randvoll mit Mojito gefüllte Gläser durch eine Menschentraube manövrierte und so traurig guckte, dass man wieder an Absturz dachte und nicht an irgendeine Landung im Leben.

Trauriger gucken konnte vielleicht nur noch Fabian Hambüchen, 26, der Turner, der so drei oder vielleicht auch schon vier Gläschen nach Mitternacht auf der Tanzfläche stand und zusah, wie alles um ihn hüpfte und sprang, wie die Familie feierte. Hambüchen schien als Einziger nüchtern zu sein. Ein verlässlicher Zeuge sollte am Morgen danach von einigen zerbrochenen Gläsern auf der Tanzfläche sprechen.

Zum Schluss muss nur noch die Sache mit der Wette an der Torwand aufgelöst werden. Zum Schluss deshalb, weil es seltsam klingt, und trotzdem: Thomas Bach ist ein netter Kerl. Gesagt haben das einige Athleten in Baden-Baden, die mit dem Ringepräsidenten gesprochen haben, und auch die drei Frauen, die mit ihm an der Torwart standen: die Stabhochspringerin Silke Spiegelburg, die Fechterin Britta Heidemann und die Bahnradfahrerin Miriam Welte. Wenn sich Thomas Bach noch beliebter machen will, muss er jetzt nur noch seine Wettschulden einlösen und die drei zum Essen einladen. Sven Ottke kann bestimmt ein gutes Restaurant empfehlen.