Kurz vor dem Start: der Berlin Marathon im September 2019.
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BerlinIn einem normalen September wären in Berlins Straßen schon die Parkverbotsschilder aufgestellt. Am Theodor-Heuss-Platz und rund um die Siegessäule würden blau-weiße Fahnen an den Masten schlackern, mit dunkelblauen Läufern bedruckt und der Zahl 42,195. So viele Kilometer rannten vorigen September knapp 47.000 Menschen durch die Hauptstadt. Sanitäter und freiwillige Helfer würden jetzt ihre Briefings erhalten. Und Jürgen Lock, der Geschäftsführer der SCC Events GmbH, die den Berlin Marathon veranstaltet, würde neben seinen 70 Festangestellten seit einigen Wochen noch mal so viele Mitarbeiter beschäftigen.

Dieser September ist aber ein Corona-September. 2020 fällt der Berlin Marathon zum ersten Mal seit 46 Jahren aus. Undurchführbar, abgesagt. Lock kommt gerade aus einer Besprechung. Das Gros seiner Leute ist noch in Kurzarbeit. „Es ist gerade gruselig. Wir schauen, dass wir dieses Jahr mit Dellen und Blessuren überleben“, sagt er. „Es ist für uns ein schreckliches Jahr, wie für viele Veranstalter. Es hängen ja eine Menge Branchen an so einer Laufveranstaltung.“

Messebauer. Caterer. Gastronomen. „Die Hotellerie in Berlin hatte in den letzten zehn Jahren am Marathon-Wochenende immer eine Auslastung von 100 Prozent“, meint Lock. Als er zuletzt nach den Zahlen geschaut habe, seien es um die 30 Prozent gewesen, „jeder hat vom Berlin Marathon profitiert“. Und jetzt? Fühlen sich nicht nur Lock und SSC Events übergangen und alleingelassen, sondern die gesamte Lauf- und Laufveranstaltungsbranche.

Es ist ein Paradox der Corona-Zeit, dass der Laufsport boomt wie nie, gleichzeitig aber kaum Laufwettkämpfe stattfinden. Darunter leiden nicht nur die Veranstalter, sondern auch Athleten wie Mustapha El Ouartassy vom VfL Fortuna Marzahn, der sonst als Profiläufer einen Großteil seiner Lebenshaltungskosten von den Preisgeldern bestritten hat. Jetzt ist er auf die Hilfe seines Vereins angewiesen. „Viele nationale und internationale Topathleten haben zurzeit finanzielle Schwierigkeiten, denn sie sind abhängig von den Geldern, die sie normalerweise bei den Straßenläufen verdienen. Hier stehen Karrieren auf dem Spiel“, sagt Marathon-Bundestrainerin Katrin Dörre-Heinig.

Weil die Auswirkungen der Pandemie auf den Laufsport facettenreich sind, unterstützen namhafte Athleten, Trainer und Manager „Save the Events – Rettet unsere Läufe“. Die Online-Petition, die an das Bundesinnenministerium gerichtet ist, wurde von der Interessengemeinschaft der deutschen Straßenlaufveranstalter German Road Races ins Leben gerufen. Ihr geht es nicht nur um die Erhaltung der großen Marathonläufe, sondern auch der kleinen Fünf-Kilometer-Rennen.

Nach den Marathon-Rekordhaltern Irina Mikitenko und Arne Gabius, den Topläufern Philipp Pflieger und Alina Reh unterschrieben auch Dörre-Heinig und Lock die Petition. Sie haben festgestellt: In der Krise gibt es für den Laufsport keine Lobby. „Die Politik muss sich endlich genauer mit dieser Krise beschäftigen und aktiv nach Lösungen suchen – zum Beispiel Hygiene- und Sicherheitskonzepte der Veranstalter optimieren und diese aktiv unterstützen, statt pauschal abzulehnen. Warum zum Beispiel können Open-Air-Veranstaltungen nicht mit Abstands- und Mundschutzvorschriften stattfinden, wenn dies im täglichen Leben in vielen anderen Bereichen längst wieder möglich ist?“, fragen die Initiatoren der Petition. Die Resonanz auf ihr Anliegen ist mit knapp 5600 Unterzeichnern allerdings bisher verhalten.

Lock sagt, natürlich sei die Pandemie da, natürlich müssten Hygienevorschriften eingehalten werden, natürlich könne man für 2021 nicht in eine Glaskugel schauen. Was die Veranstalter, von denen viele Sportvereine sind, aber dringend bräuchten, seien Szenarien für die Zukunft und bei Eintreten eines Worst-Case-Szenarios finanzielle Hilfen auf Bundesebene.

„Wenn ich 2021 Anfang April 35.000 Läufer beim Halbmarathon in Berlin habe, muss ich irgendwann anfangen, meine 70 Mitarbeiter unter Volllast zu fahren“, sagt Lock. „Es ist sehr wichtig, dass wir mit den politisch Verantwortlichen vernünftig ins Gespräch kommen, damit die Situation erkannt wird.  Es kann nicht sein, dass die Spitzensportförderung auf Bundesebene nur an die Ligen im Handball, Basketball, Eishockey und Volleyball geht. Der Sport ist facettenreicher. Aufgabe des Bundes muss es doch sein, den gesamten Sport zu durchleuchten, zu überlegen: Wo können wir den Rettungsschirm Sport sinnvoll einsetzen?“

Diese Diskussion sei auf Bundesebene nicht geführt worden, auch wenn laut einer Statistik des Deutschen Olympischen Sportbundes 7 bis 8 Millionen Menschen in Deutschland laufen gingen. Als renommierte Weltveranstaltung mit Teilnehmern aus 140 Ländern warte der Berlin Marathon auf ein Zeichen der Bundesregierung und des Sportausschusses des Deutschen Bundestags. „Ein Zeichen, das sagt, wir werden die Veranstaltung so stützen, dass es sie 2022 und 2023 noch gibt. Das wäre schon was“, meint Lock.

Der Schaden in diesem Jahr hielt sich für den SCC beim Berlin Marathon insofern noch in Grenzen, als 85 Prozent der Läufer darauf verzichteten, ihre Startgebühr zurückzuverlangen. Sie ließen ihr personalisiertes Startrecht auf 2021 übertragen. Aber was wird 2021? SCC Events veranstaltet 17 Rennen in Jahr, darunter Frauenlauf, Teamstaffel oder City Nacht am Kudamm. Was er und die anderen Laufveranstalter jetzt brauchen, sei ein Setup, das finanzierbar ist mit all den Absperrgittern, Schleusen, Räumen, sagt Lock: „Um den 1,5-Meter-Abstand zu wahren, braucht man mehr Fläche. Man braucht mehr Sperrzeiten, weil die Menschen nur blockweise in den Startraum rücken können. Man sollte uns zuhören.“

Der 52-Jährige wünscht sich einen runden Tisch. „Mithilfe von Experten müssen jetzt Szenarien und damit Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit klar ist, wie Sportveranstalter 2021 arbeiten können. Es muss dabei sicher um Hygienekonzepte für die Teilnehmer gehen, aber auch um Regeln für Zuschauer. Eine Kostenexplosion, wie wir sie seit Jahren im Bereich der Sicherheit von Großveranstaltungen haben, können wir uns mit der teuren Umsetzung von Hygienevorschriften nicht mehr leisten.“

Der Neujahrslauf war der letzte, den SCC Events 2020 veranstaltet hat. Lock hofft, dass der Silvesterlauf stattfinden kann. Am 26./27. September, dem geplanten Termin des Berlin Marathons, will der SCC ein virtuelles Rennen starten, die #20139 Challenge. Die Frage lautet: Wie viele Kilometer schafft man in 2 Stunden 1 Minute und 39 Sekunden, der Weltrekordzeit von Eliud Kipchoge von 2018 aus Berlin. Mit dieser Challenge, sagt Lock, wolle man zeigen: „Wir sind hier. Uns gibt es noch.“