Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (l.) hat seit Unions Aufstieg die Bedürfnisse zweier Berliner Erstligaklubs zu berücksichtigen.
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BerlinSetzt die Fußball-Bundesliga die Saison fort? Die Sportministerkonferenz (SMK) jedenfalls empfiehlt Geisterspiele von Mitte oder Ende Mai an. Laut Rheinischer Post gibt es einen solchen Beschluss der SMK, über den am Donnerstag Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Bundesländer abstimmen sollen. In der Beschlussvorlage heißt es demzufolge: „Die SMK hält die Fortsetzung des Spielbetriebes und mithin die Begrenzung des ansonsten entstehenden wirtschaftlichen Schadens in der 1. und 2. Fußball-Bundesliga für die dort startberechtigten 36 Vereine auf deren Kosten ab Mitte/Ende Mai für vertretbar.“ Sofern sich die Konzepte bewährten und eine entsprechende Wirtschaftlichkeit für die Vereine gegeben sei, könne dies „mit einer zeitlichen Verzögerung auf die Frauen-Bundesliga und den DFB-Pokal ausgeweitet werden“.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL), die ein umfangreiches Wiederaufnahmekonzept vorgelegt hat, müsse im Sinne der Sportler und der anderen Beteiligten strengste hygienische und medizinische Voraussetzungen schaffen. Das engmaschige Testen rund um die Durchführung von Geisterspielen gehe nicht auf Kosten der Allgemeinheit. Auch der Sport- und Trainingsbetrieb im Breitensport solle schrittweise wieder erlaubt werden.

Das Bundesarbeitsministerium hat laut eines Berichtes des RedaktionsNetzwerkes Deutschland (RND) aus Sicht des Arbeitsschutzes keine Einwände gegen das DFL-Konzept. Der Spielbetrieb in der Bundesliga ruht seit Mitte März.

Michel d'Hooghe, beim Weltverband Fifa-Vorsitzender der medizinischen Kommission, sieht einen baldigen Restart in den Fußball-Ligen während der Coronavirus-Pandemie kritisch. „Ich spreche als Arzt, ich muss nicht als Organisator von Spielen sprechen, aber im Moment wäre ich von meinem medizinischen Standpunkt her sehr skeptisch“, sagte der Belgier in einem Gespräch mit der BBC.Sein Vorschlag laute daher: „Wenn es möglich ist, vermeiden Sie es, in den kommenden Wochen Wettbewerbsfußball zu spielen. Versuchen Sie, für den Start eines guten Wettbewerbs in der nächsten Saison vorbereitet zu sein.“

Ohne vorhandenen Impfstoff gebe es „ein Risiko, und es ist kein Risiko mit geringen Konsequenzen“, sagte d'Hooghe weiter: „Es kann Konsequenzen von Leben und Tod haben.“ Deswegen bitte er alle, „sehr vorsichtig“ zu sein vor der Entscheidung über die Wiederaufnahme des Spielbetriebs.

Wichtig sei es aus hygienischen Gründen zukünftig auch, endlich das Spucken auf dem Spielfeld zu unterbinden - denn das sei „eine echte Gefahr“, und in anderen Sportarten weit weniger verbreitet.

Corona-Infektionen bei möglichen Geisterspielen würden nach Meinung der Virologie-Professorin Ulrike Protzer zwingend eine komplette Team-Quarantäne erfordern. „Wenn es nach einem Bundesligaspiel einen Fall gibt, dann müssen die beiden Mannschaften in die Quarantäne“, sagte die zum Expertenrat von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gehörende Wissenschaftlerin in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. Laut DFL-Konzept sollen bei möglichen Infektionen nur die jeweiligen Spieler in die häusliche Isolation geschickt werden.

Doch auch ohne Team-Quarantäne könne man spielen, meinte die Münchnerin. „Aber man muss bereit sein, entsprechend konsequent zu handeln, wenn etwas passiert. Bei Mannschaftssportarten besteht sicherlich ein größeres Risiko als bei Einzelsportarten“, sagte Ulrike Protzer. „Es könnte Infektionen geben - damit müssen wir uns abfinden. Wir werden das Virus ja nicht komplett loswerden.“

Eine Fortsetzung der Bundesliga mit Geisterspielen hält die Virologin „für durchaus machbar. Auch die Fußballvereine haben einen extremen Finanzdruck. Das Infektionsrisiko ist sehr gering. Es würde keine Personen treffen, die jetzt gefährdet wären, schwerer krank zu werden“, sagte sie. Klar sein müsse aber auch: „Wenn eine Infektion auftreten würde, muss man bereit sein, die Konsequenzen zu ziehen“, forderte Protzer.

Ob Olympia im nächsten Jahr in Tokio stattfinden kann, sei noch nicht seriös zu beurteilen. „Wir wissen überhaupt nicht, wie sich diese Infektion entwickelt. Wir wissen noch gar nicht, ob es eine Saisonalität gibt. Wird es im Sommer weniger, im Herbst und im Winter wieder mehr werden?“, erklärte die Wissenschaftlerin. „Oder wird es jetzt einfach durchlaufen und dann auch zum großen Teil durchgelaufen sein bis nächstes Jahr? Das kann im Moment seriös keiner wirklich vorhersagen.“

Ein Großteil der Deutschen lehnt Geisterspiele ab. 46 Prozent sind dagegen. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur. 34 Prozent der Befragten sprachen sich hingegen für die Geisterspiele aus.

Noch größeren Widerspruch gibt es gegen die Bereitstellung von rund 20 000 Corona-Tests für die Beteiligten an den Geisterspielen. 58 Prozent lehnen dies ab, nur 22 Prozent befürworten die geplante Maßnahme. Die DFL hatte zuletzt mehrfach betont, dass die regelmäßigen Tests der Fußball-Profis keine Verknappung für Risikogruppen oder sonstige Gesellschaftsgruppen zur Folge hätten. Die vorhandenen Testkapazitäten würden nach Aussage mehrerer Labors ohnehin nicht ausgeschöpft. Würde sich an dieser Situation etwas ändern, würde der Fußball zurücktreten, wurde versichert.

Die Deutsche Fußball Liga hofft auf eine Fortsetzung der ausgesetzten Spielzeit noch im Mai und hat dafür ein Gesundheitskonzept vorgelegt. Am Donnerstag soll bei den Beratungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten auch über die Bundesliga-Thematik gesprochen werden.