Wo der Ball brennt: Renate Eichenberger vor der farbenfrohen Wand der Alba-Trainingshalle.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin-MitteFünfzehn Kilometer mit dem Fahrrad hat Renate Eichenberger an diesem Vormittag schon wieder zurückgelegt. Mindestens fünfzehn weitere kommen für sie hinzu, wenn sie von Alba Berlins Trainingsstätte in der Schützenstraße nach Hause fährt. Oft absolviert die Sportpsychologin aber 50, 60 Kilometer pro Tag auf dem Rad. Eichenberger ist viel unterwegs. Sie arbeitet an der Business School Berlin, für die Fußballer von Union Berlin, für die Wasserballer der Wasserfreunde Spandau, für Einzelsportler im Tennis, Kunstturnen, Schwimmen, Springreiten und  auch für Schiedsrichter. Und eben für die Berliner Basketballer, die an diesem Dienstag Roter Stern Belgrad empfangen (Arena am Ostbahnhof, 20 Uhr). Die gebürtige Schweizerin lernt dabei allerhand Cafés kennen, wie jenes in der Nähe der Alba-Trainingshalle in Mitte. Es sind ihre bevorzugten Orte für Gespräche mit Sportlern.

Frau Eichenberger: Wie hoch ist Ihr täglicher Kaffeekonsum?

Meine Cafébesuche sind sehr intensiv (lacht).

Warum wählen Sie ein Café und nicht eine Praxis als Gesprächsort?

Ich arbeite sehr viel in Cafés, weil es für mich ein neutraler Ort ist. Vielleicht mache ich das auch, weil es Cafés meistens rund um die Sportstätten gibt. Dort bespricht man sich, und wenn ich merke, dass es Themen sind, die nicht in diesen Raum passen, findet man andere Lokalitäten. Aber ich brauche keine Praxis und schon gar keine Couch. Es ist sogar so, wenn ich in ein Café gehe und irgendetwas entdecke, dass einer Couch ähnlich ist, setze ich mich darauf und nie mein Gesprächspartner. Das mache ich mit Absicht, weil ich nicht will, dass dieses Bild der Couch, auf die sich der Sportler legt, entsteht.

Zur Person

Erfahrungsbericht: Die Sportpsychologin Renate Eichenberger ist 1973 in Genf (Schweiz) geboren und Mutter eines hochbegabten Sohnes, der bereits im Alter von 14 Jahren in Freiburg ein Studium aufgenommen hat. Ihr Buch „Fluch oder Segen? Das Leben mit einem hochbegabten Kind“ ist ein Erfahrungsbericht ihrer Rolle als Mutter.
Erfahrungsaustausch: In Berlin hat die Schweizerin ihren Master in Sportpsychologe abgelegt und arbeitet hier mit den Bundesligisten 1. FC Union, Alba Berlin, den Wasserfreunden Spandau, aber auch mit Einzelsportlern zusammen.

Gibt es weitere Vorurteile, mit denen ein Sportpsychologe zu kämpfen hat?

Ich höre noch ganz oft: Ich bin ja nicht krank. Es ist nach wie vor so, dass viele denken, sie müssten ein offensichtliches Leiden haben. Das ist absoluter Quatsch. Es gibt immer blinde Flecken, die wir haben. Alle Menschen, auch Sportler. Man muss sich darauf einlassen und an diesen arbeiten. Für sich selbst etwas optimieren, entwickeln.

Alba Berlin hat vor dem Sieg in Athen in der Euroleague sechs Spiele verloren. Was sagt die Sportpsychologin dazu?

Das ist das normale Leben, es gibt Siege und Niederlagen. Wichtig ist, dass man auswertet, woran es liegt, Schlüsse daraus zieht, sich auf andere Zeiten besinnt und sich dementsprechend orientiert und weiterarbeitet. Niederlagen gehören dazu – und sie stärken uns auch am Ende.

Muss man das Verlieren lernen?

Unbedingt. Niederlagen zu verarbeiten, ist schon eine Kunst. Aber woraus lernen wir? Wir lernen aus Dingen, die uns schwergefallen sind, mehr als aus Dingen, die uns leichter gefallen sind. Das ist wie in der Schule. Wenn einem alles einfach so zufliegt und es läuft, ich aber dann in eine höhere Stufe komme und merke, dass es jetzt schwieriger wird, muss ich das Lernen erst lernen. Und so muss ich auch erst lernen mit Niederlagen umzugehen.

Wie ist die Arbeitsweise hierzulande?

Das wird noch ganz unterschiedlich gehandhabt. Grundsätzlich schwirren in Deutschland noch zu viele Mythen rund um das Thema herum. Etwa, dass es nur etwas ist, wenn man krank ist. Dabei setzen wir ganz stark in dem Moment an, wo noch alles normal und gut ist. Ich wünsche mir mehr Akzeptanz und dass der Nutzen der Sportpsychologie gesehen wird. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Unterschied oft im Kopf geschieht. Aber natürlich ist das Zusammenspiel nicht ganz so einfach, da wir einer Schweigepflicht unterliegen. Die Ärzte eigentlich auch, aber die sind in den Vereinen davon entbunden und dürfen den Trainern und Physios Auskunft geben. Das geht in unserem Beruf nicht.

Sind andere Länder weiter?

2000 bei den Olympischen Spielen hatte Deutschland zwei Sportpsychologen dabei, die USA 52. Dort ist man in diesem Bereich viel offener, da gehört Psychologenbesuch wie ein Friseurtermin in die Woche rein, das ist da völlig in Ordnung. Man holt sich Hilfe, während bei uns noch immer dieses Bild da ist, dass ich mich auf die Couch legen, mich entblößen muss und alles Erlebte aus meiner Kindheit aufgedeckt wird. Da gibt noch zu viele Mythen.

Wie die Sache mit den Glasscherben?

Meine Arbeit ist für mich eine Wissenschaft, da grenze ich mich klar ab. Es ist kein Hokuspokus, sondern klar. Wenn es jemandem hilft, dass er über Scherben läuft und er das von sich aus tun möchte, soll er es tun. Aber nicht von mir angeleitet.

Steht die junge Generation bei Alba dem Thema offener gegenüber?

Ich arbeite mit 14-, 15-jährigen Spielern zusammen und die sind bei dem Thema sehr offen. Für die ist das völlig normal, die sprechen mich in den Hallen an, schicken mir WhatsApp-Nachrichten. Das hat sich für mich schon verändert, und das ist sehr erfreulich.

Sind Sie heute Abend um 20 Uhr bei Albas Spiel gegen Roter Stern Belgrad in der Arena?

Ja, bin ich.

Sind Sie Fan, schauen Sie auf Spieler, auf Körpersprache?

Natürlich freue ich mich, wenn die eigene Mannschaft gewinnt. Ich habe mich letzte Saison gefreut, als die Wasserballer Deutscher Meister geworden sind. Aber ich bin kein Fan, sondern arbeite in den Momenten. Und auf was ich achte, hängt stark davon ab, ob ich die ganze Mannschaft als Team oder nur individuelle Spieler betreue. Ich schaue aber nicht auf Körpersprache, das bringt mir nichts. Sondern ich schaue, wie sie sich verhalten, hinsichtlich dem, was wir vorher besprochen haben. Ich empfinde, wie das Spiel verläuft. Wo verändert sich etwas, wo kippt ein Spiel, um dann wiederum zu erkennen, warum ist es in diesem Moment gekippt und es dem Trainer zu spiegeln. Für mich sind solche Spiele nicht zur Entspannung da, sondern Arbeit.