Berlin - Spott und Häme gehören für einen Stürmer nach einer vergebenen Großchance offenbar dazu. Mario Gomez musste das leidvoll spüren, als er es im letzten Vorrundenspiel der EM 2008 gegen Österreich tatsächlich schaffte, den Ball aus kürzester Distanz nicht ins Netz, sondern über das Tor zu bugsieren. Den Makel dieses einen Fehlschusses wurde Gomez bis zum Karriereende nicht los. Nach seiner vergebenen Einschussmöglichkeit gegen Nordmazedonien, die am 31. März dieses Jahres der Siegtreffer hätte sein können, erntete auch Timo Werner eine Unmenge an Spott. Im 2,1 Millionen kleinen Balkanstaat wurde er für seinen Fehlschuss zum Ehrenbürger ernannt. Mehrere Medien bildeten sogar einen dazugehörigen Pass mit Werners Namen und Bild ab.

Wirklich etwas gelingen wollte dem Stürmer, der im Sommer 2020 für 53 Millionen Euro von RB Leipzig zum FC Chelsea gewechselt war, danach nicht mehr. Bei seinem Arbeitgeber in England und auch in der Nationalmannschaft sah er sich ständiger Kritik ausgesetzt, was sich offenbar auch auf seine Einsatzzeiten auswirkte. Bei der EM im Sommer war er unter Joachim Löw meist außen vor, erzielte in seinen 107 Minuten in drei Spielen keinen Treffer, auch in Chelsea unter Thomas Tuchel fand er sich häufig auf der Bank wieder, musste sich kritische Aussagen seines Trainers anhören.

Aber Werner braucht das Vertrauen des Coaches. „Wenn der Trainer auf einen setzt, dann hilft das jedem Spieler. Ich brauche dieses Vertrauen von außen, das gibt er mir zu hundert Prozent“, sagte er nach dem 4:0-Sieg gegen Nordmazedonien am Montag. Zwei Tore steuerte er bei, in vier von fünf Länderspielen unter Hansi Flick hat er jetzt getroffen. Der neue Bundestrainer setzt auf den 25-Jährigen, lobt ihn für gute Leistungen, nimmt ihn in Schutz nach weniger guten Auftritten. Nach einer glücklosen ersten Halbzeit gegen Nordmazedonien gab es im Netz wieder Spott, Lob dagegen für seine beiden Tore. Die Häme lasse er nicht an sich heran. „Es muss ja abperlen“, sagt er.