Wieder im Einsatz: Benjamin Patch.
Imago Images/Bernd König

BerlinBenjamin Patch   steht auf der großen Wippe, zieht die Therabänder lang, korrigiert seine Haltung im Wandspiegel. „Oh Mann“, schnauft er, „Sportler sind doch keine Roboter. Wir sind doch denkende Wesen.“ In den vergangenen Wochen ist der Diagonalangreifer der BR Volleys fast jeden Vormittag im Therapietraining   in der Friedrichstraße gewesen.  Beinpresse, Wackelbrett, Stabilisator, Fußschlingen,  Gewichte, Geräte, Wiederholungen – so sah das Training für den US-Amerikaner seit seinem Achillessehnenanriss aus. Den hatte sich der 25-Jährige Anfang Dezember im Pokalhalbfinale gegen Herrsching zugezogen. 

Erst vergangene Woche fing Patch wieder an, das zu tun, was er so gut und vor allem so hoch kann wie kein anderer Spieler in der Bundesliga: Er begann zu springen. Zunächst waren es kleine, zaghafte Testsprünge im Therapieraum, dann waren es 15, 20 Sprünge beim Mannschaftstraining in der Halle. Der Spieler, den der Volleyball-Weltverband  FIVB gerade erst  in einem Video  namens „Monster des vertikalen Sprungs – das beste aus der Volleyball-Welt 2019“ geadelt hat, und dessen Abschlaghöhe unglaubliche 3,82 Meter beträgt, hatte ein seltsames Gefühl: „Ich war es gar nicht mehr gewohnt zu springen.“

"Ben ist bereit"

Berlins Trainer Cedric Enard beobachtete seinen Angreifer genau. Waren da noch  Spuren von Angst, von Unsicherheit zu erkennen? „Er hat mit Frank, dem Physiotherapeuten, sehr gut gearbeitet. Mein Gefühl, wenn ich ihn springen sehe, sagt mir: Ben ist bereit. Er hat die Phase des Zweifels, ob sein Bein das aushält, überwunden“, sagt Enard. „Er muss jetzt wieder den Wettkampfrhythmus aufnehmen.“ Im Spiel ist alles anders, schneller, folgenreicher als im Training.  

Das bedeutet: An diesem Donnerstag, wenn die  Alpenvolleys  Herrsching   den Deutschen Meister aus Berlin  in der Bundesliga herausfordern (19 Uhr, Max-Schmeling-Halle, Sport 1), kehrt Patch aufs Feld zurück. „Yeah“, antwortet der 2,03-Meter-Mann begeistert, auf die Frage, ob er sich auf sein erstes Spiel nach der Verletzungspause freue. „Die vergangenen Wochen waren so langweilig. So ruhig, so langsam. Ich habe die Therapiezeit sehr ernst genommen. Ich bin am Wochenende nicht ausgegangen, ich war nicht tanzen,  meist nur daheim.  Ich liebe doch die Bewegung.“

Champions-League-Rückspiele stehen an

Dabei hatte ihm Teamarzt Oliver Miltner gesagt, dass er beim Anriss der Achillessehne Glück im Unglück gehabt habe. Bei einem Komplettriss wäre er ein ganzes Jahr ausgefallen und hätte die Olympischen Spiele in Tokio, für die sich Patch mit dem Team  USA qualifiziert hat, verpasst. Gegen die Alpenvolleys, den Tabellenzweiten der Liga, wird Patch nicht das komplette Spiel bestreiten: „Meine Aufgabe ist, mich wieder wohlzufühlen, wieder selbstbewusst auf dem Feld zu stehen, meinem Körper zu vertrauen.“

Die Berliner sind in der Liga bislang ungeschlagen, aber sie brauchen Patch im Angriff neben dem schnellen, variablen Kyle Ensing. Sie brauchen Patchs Sprünge und seine Abschlaghöhe vor allem, wenn ab kommenden Dienstag die Champions-League-Rückspiele gegen die russischen Topteams von Fakel Novi Urengoi und Kemerowo anstehen.  

Mit Grankin wie in einer Ehe

Sie brauchen ihn in der Form, in der er vor seiner Verletzung war, als er im Zusammenspiel mit Sergej Grankin überragend punktete.   Der russische Olympiasieger und der Amerikaner haben auf dem Feld eine besondere Verbindung. Außerhalb auch. „Mit uns ist es wie in einer Ehe. Wir streiten uns oft, aber liebevoll. Ich sage: ’Spiel den Ball höher.’ Er sagt: ’Schlag du ihn besser.’ Ich sage: ’Halt die Klappe’“. Patch lacht.    

Vor seiner Verletzung hatte sich eine Änderung seiner Angriffsschläge ausgezahlt. „Er hatte seine Schmetterbälle früher oft zu kurz ins Feld geschlagen. Wir haben daran gearbeitet, dass er weiter ins Feld schlägt, über den Block, dass er mehr Variationen und mehr Winkel in den Schlag bekommt“, sagt Enard. Auch seinen  Aufschlag hatte Patch  umgestellt. Er wirft den Ball nicht mehr so hoch an, „da bleibt ihm weniger Zeit, zu denken. Das tut er manchmal zu viel“, findet der Coach.

Patch sagt, sein Gehirn arbeite halt oft anders, nicht so auf Sport fixiert. Am Dienstag zum Beispiel, da brachte er einen Geburtstagskuchen für Grankin mit ins Training. Der Zuspieler, der 35 wurde, hatte auch einen dabei. Russischen Schokokuchen. „Super lecker“, sagt Patch. „Ich habe  eine Menge  davon gegessen.“