938 Tage saß Anne Haug ungefährdet auf ihrem Thron. Erst Absage, dann Verlegung – dem sensationellen Sturm auf den Ironman-Gipfel folgte die Leere der Pandemie. Vor der herbeigesehnten Titelverteidigung plagen die Triathlon-Weltmeisterin nun Zweifel, die Rolle der Gejagten macht ihr zu schaffen. „Es ist immer einfacher, mit einem weißen Blatt ins Rennen zu gehen und einfach mal zu machen, als wenn man seit drei Jahren einen Rucksack mit sich rumschleppt, die Zielscheibe auf dem Rücken hat und jeder möchte einem den Titel abluchsen“, sagte Haug.

Mit der Bürde der Favoritin mache man sich „Gedanken, dass alles andere als ein Sieg Versagen wäre“, führte sie aus: „Aber so darf man nicht rangehen.“ Erst recht nicht beim WM-Rennen am Sonnabend (14.20 Uhr/HR) – denn das scheint offener denn je zu sein. Neben der langen Pause sorgt auch die erstmalige Verlegung aus dem Ironman-Mekka Hawaii nach St. George im US-Bundesstaat Utah für große Unsicherheit unter den Athleten.

Haug gelingt 2021 Streckenrekord in Roth

„Es ist eine Wundertüte für alle“, sagte Haug. „Es fühlt sich fast an wie Olympia alle vier Jahre. Es ist ein bisschen zwiegespalten aus Vorfreude und Nervosität.“ Am 12. Oktober 2019 hatte sie bei ihrer erst zweiten Teilnahme auf Hawaii triumphiert, auch auf ihrer einzigen Langdistanz seit Pandemiebeginn im September 2021 in Roth konnte die laufstarke Athletin mit neuem Streckenrekord überzeugen.

Motivationsprobleme hatte Haug trotz fehlender Höhepunkte nie. Sie wolle „einfach jeden Tag besser werden. Ich brauche dafür keine Wettkämpfe und liebe einfach das, was ich tue“, sagte die frühere Kurzstrecklerin. Nun sei Zahltag, ob das wirklich gelungen ist. Die bergigen Rad- und Laufstrecken in St. George dürften der eher leichten Sportlerin liegen.

Zwei Triathlon-Weltmeisterschaften in einem Jahr

„Da musste man sich schon etwas anders und speziell vorbereiten“, erklärte Haug. Generell werde das Rennen „eine andere Welt“ als auf Hawaii, doch der Stellenwert bleibe. „Für mich ist eine WM eine WM. Das heißt für mich, dass die besten Athleten der Welt sich treffen und es ausfighten“, sagte die Bayreutherin. „Mir persönlich ist es relativ egal, wo das ist. Auch wenn Hawaii natürlich ein Mythos ist.“

Durch die verletzungsbedingte Absage von Jan Frodeno rückt Haug in den Fokus. „Ich versuche, den Druck nicht so an mich ranzulassen. Natürlich spüre ich Druck. Aber hauptsächlich ist das der, den ich mir selber mache“, betonte sie. Die Konkurrenten seien „keine Osterhasen“.

Sie alle eint der Wunsch nach etwas Historischem. Mit der regulären WM-Ausgabe am 6. Oktober bietet sich die Chance, als erste Frau zweimal in einem Jahr Weltmeisterin zu werden. „Klar träumt man davon und motiviert sich damit“, sagte Haug: „Aber das zweimal im Jahr zu schaffen, wird ein sehr, sehr schweres Ding.“