Ludwigsfelde - Es gibt kürzere Wege, aber der hier ist gerade der schnellste. Die Autobahn liegt näher als die Bundesstraße, also erst mal die A113 Richtung Süden, wo sich auf den Ausfahrtsschildern vor dem Kreuz Schönefeld rot durchgestrichene Flugzeugsymbole häufen. Dahinter steht geschrieben: Berlin und Brandenburg – ohne Bindestrich. Als wollten beide Länder nicht zusammengehören.

Der Tower steckt hinter Baumwipfeln. Er überwacht das Nichts, ist die Spitze des Stillstands. Der Flughafen BER taugt nicht als Symbol einer regionalen Verschmelzung. Von Fusion spricht kaum noch jemand. Und die A10 ist eine Art Zwangs-Ehering. Jetzt rechts runter und weiter nach Westen bis Ludwigsfelde. Aber so schlecht kann die Beziehung dann doch nicht sein.

Wenn Reinald Walkemeyer ans Telefon geht, sagt er: „Brandenburg Park. Guten Tag.“ Seinen Namen muss er nicht nennen. Der ist nach 25 Jahren fast identisch mit dem Industriepark, der sein Lebenswerk ist, den er sein Baby nennt und an dessen südwestlichem Ende der kürzeste und schnellste Weg sich kreuzen. Walkemeyer ist Prokurist, er verkauft Bauland. Sein Lebenswerk steht vor der Vollendung.

Die große Sehnsucht

Zwischen Autobahn und Bundesstraße, zwischen Wald und Wohnhäusern, Baumarkt und Discounter liegt das Gelände, auf dem Herthas neue Fußballarena entstehen könnte. Auf einer dünn mit Sträuchern bewachsenen, an einigen Stellen von Wildschweinen aufgewühlten Wiese bei Ludwigsfelde. Ein Quadratmeter Bauland kostet durchschnittlich 80 Euro. Hertha plant mit 50 Hektar. Das wären 40 Millionen Euro.

Walkemeyer legt auf und deutet auf die Schutzhülle seines Smartphones. Darauf prangt das Klub-Logo der Washington Redskins: ein Indianerkopf, zwei Federn. Walkemeyer mag Football mehr als Fußball. Deswegen ist er nicht gekränkt, wenn man ihm mit dem Einwand kommt, dass sein scheinbar seelenloses Land kein passender Ort ist für die Spielstätte eines Traditionsvereins wie Hertha BSC.

Walkemeyer, 57, ein großer, stämmiger Mann mit angenehmer Erzählerstimme, hat die Angewohnheit, erst mal milde zu lächeln, bevor er ein Argument entkräftet oder gleich ganz entschärft. „Sehen Sie“, sagt er oft, als wäre sein Wissen eine Landkarte, die er vor einem ausbreitet. Und dann erzählt er von seinen Redskins aus Washington, D.C., die Ende der Neunziger raus aus der Stadt und aufs Land nach Maryland gezogen sind, wo es mehr Platz gab für ein modernes Stadion. Walkemeyer sagt: „Die Fans haben es irgendwann akzeptiert.“ Auch er.

Die Verhandlungen haben bereits begonnen

Hertha hat vor knapp zwei Wochen die Ergebnisse einer Standortanalyse präsentiert. Und Walkemeyers Brandenburg Park ist die einzige Alternative. Das andere Grundstück, das der Verein favorisiert, grenzt ans Olympiastadion. Hertha spielt hier zur Miete, zahlt ab dem kommenden Sommer 5,25 Millionen Euro pro Saison. Der gesamte Olympiapark gehört dem Land Berlin, und er steht unter Gartendenkmalschutz. Der Senat müsste also gegen die eigenen Interessen handeln, würde er Hertha eine Baugenehmigung erteilen. Bei einem Auszug in acht Jahren würde der Betreibergesellschaft mehr als die Hälfte der Mieteinnahmen fehlen.

Aber kann der Verein dafür verantwortlich sein, dass die Stadt noch keine Vorstellung hat, wie es ohne Bundesligafußball weitergehen könnte? Muss Hertha nicht eher dankbar sein dafür, dass die Politik in den vergangenen fünf Jahrzehnten als nachsichtiger und fairer Vermieter aufgetreten ist? Andererseits: Hätte man das Olympiastadion nicht ohnehin renoviert für die Weltmeisterschaft 2006? Und außerdem: Wie kann man Herthas Sehnsucht nach einem neuen Stadion nicht verstehen? Warum soll der Verein auch in Zukunft noch den Wettbewerbsnachteil haben, seine Sponsoren, die Ware Fußball vor manchmal nur halb vollen Rängen präsentieren zu müssen?

Die Verhandlungen zwischen Vereinsspitze und Senat haben bereits begonnen. Will man bei der Planung (etwa zwei Jahre) und beim Bau (mindestens drei) nicht in Zeitnot geraten, müssen diese Fragen bis spätestens 2020 geklärt sein: Wer kann besser auf wen verzichten? Berlin auf Hertha? Oder Hertha auf Berlin? Doch so lange kann eigentlich niemand warten.

Das Gegenteil von Berlin

Auch Andreas Igel nicht. Der Bürgermeister von Ludwigsfelde will am liebsten schon im nächsten Jahr Klarheit. In der Zwischenzeit macht er Standortwerbung für seine Stadt. Also hat er den Mut zu behaupten, dass Hertha ein Klub der Hauptstadtregion geworden sei. Er sagt: „Zwei Drittel der Bundesligazuschauer im Berliner Olympiastadion kommen aus Brandenburg.“ Nach Vereinsangaben sind es zwei Zehntel.

Das Rathaus liegt knapp fünf Kilometer südlich vom Brandenburg Park und sieht aus wie eine Glastorte, aus der zwei Quergebäude ein Stück herausgeschnitten haben. Igels Büro befindet sich im zweiten Tortenstockwerk. Am Konferenztisch könnte eine ganze Fußballmannschaft Platz nehmen.

Von oben schaut Igel auf einen schmucklosen Vorplatz. Es ist Wochenmarkt. Die Männerbockwurst – „130 g warm genießen mit Brötchen“ – kostet 1,30 Euro. Die Bockwurstmänner tragen weder religiös noch modisch motivierte Bärte. Frauen führen Hunde und Einkaufstaschen spazieren. Ludwigsfelde hat 25.500 Einwohner. Die Arbeitslosigkeit liegt bei fünf Prozent.

Natürlich Optimist

Doch Igel sieht mehr als nur eine Stadt, die ein paar Hundert Meter vor seinem Büro von der A10 mittig in Nord und Süd geschieden wird. Er hat den ganzen Landkreis im Blick. Er sieht Wachstum, Bauvorhaben, Infrastrukturprojekte. Überall werden Fachkräfte gesucht. Ludwigsfelde hat bereits einen Pendlerüberschuss. Der Bürgermeister sagt selbstbewusst: „Der Süden Berlins ist die sich am schnellsten entwickelnde Region in Mitteleuropa.“ Das müsse man in Berlin mal zur Kenntnis nehmen. Das wüssten die Berliner nicht. Das stimme aber so.

Igel, 47, trägt seine Bürgermeisteruniform aus Anzug, Lederschuhen und Hemd. Er ist Sozialdemokrat, erste Amtszeit, absolute Mehrheit, seit knapp zwei Jahren im Amt, ein drahtiger Mann mit kurzen Haaren und festem Händedruck.

Am Ende wird er sagen, dass er natürlich ein Optimist sei. „Wenn ich das nicht wäre, hätte ich den falschen Job gewählt.“

Am Anfang sagt er: „Ich habe nicht sofort Hurra gebrüllt. Ich habe mir sehr wohl überlegt, wie ich mich verhalten werde. Was macht so ein Stadionbau mit der Stadt? Was sind die Chancen? Was die Risiken?“

Igel hatte im Herbst hohen Fußballbesuch aus Berlin. Werner Gegenbauer und Ingo Schiller waren da. Der Präsident und der Finanzchef von Hertha BSC wollten das märkische Ackerland inspizieren, das zu Ludwigsfelde gehört und auf dem nur vielleicht ihre Arena stehen könnte.

„Hertha ist ein Berliner Verein“

Der Bürgermeister schweigt zu den Details des Treffens, deswegen ist nicht klar, ob er auch so mutig und selbstbewusst war, der Klub-Spitze zu sagen: „Wir sind eine geeignete Alternative.“ Aber es sei eben ein Abwägungsprozess. Den erst der Berliner Senat machen müsse. Den er aber auch machen werde. „Wer das eine will, muss das andere mögen.“

Und wie sind die bisherigen Bürgerreaktionen in Ludwigsfelde? Igel sagt: „Von ‚Brauchen wir das wirklich?‘ über ‚Wie hilft uns das?‘ bis ‚Finden wir ganz toll‘ – alles dabei.“

Bei Politikern wie Igel steht der Kompromiss über allem. Es geht immer um den besten Deal. Einige Fans aber begreifen Kompromissbereitschaft als Bruch mit der Tradition. Als Verrat ihrer Ideale, mit denen sie das Fußballgeschäft unterfüttern, als bräuchte es ein Sicherheitsnetz. Dabei brauchen sie es doch viel mehr zum Selbstschutz. Vor der Beliebigkeit. Vor dem Spott der anderen. Vor dem eigenen Fatalismus. Von Hertha LSC ist ja auch schon die Rede. Da fahre ich nicht hin, heißt es. Der Verein will deshalb lieber nicht in Brandenburg bauen.

Igels Leute haben sich sehr genau angeschaut, was in München passiert ist, als der FC Bayern seine neue Arena am Stadtrand bauen ließ. Was die Fans erst einmal nicht wollten. Was sie aber wieder vergessen haben. Igel sagt: „Es wird keine Beeinträchtigungen geben.“ Er geht davon aus, dass die Fußballmassen Ludwigsfelde und Umgebung schnell verlassen werden nach einem Spiel. „Für mich macht es keinen Unterschied, ob das Stadion in der Stadtmitte von Berlin steht oder an der Peripherie“, sagt Bürgermeister Igel. „Entscheidend ist, dass es gut erreichbar ist.“

„Hertha ist ein Berliner Verein“, sagt Landverkäufer Walkemeyer. „Die sind da, das passt, die gehören nicht nach Brandenburg. Wir sind realistisch genug zu wissen, dass wir nur eine Alternative sind.“

Insgesamt 228 Hektar

Wenn Walkemeyer „Wir“ sagt, meint er auch seine beiden Gesellschafter, die in New York, London und in Hamburg sitzen und die Brandenburg Park Immobilen GmbH vor sechzehn Jahren einem kanadischen Konsortium abgekauft haben. Vor der Wende gehörte das Land der Treuhand und kostete einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag, noch in D-Mark.

Wie er an den Job gekommen ist? „Die haben sich gedacht, der ist ein Ossi, der kommt mit den Ossis gut aus.“ Walkemeyer ist Berliner. Er wohnt in Pankow, fährt jeden Morgen Autobahn. „Hä, Brandenburg, was machst du in Brandenburg?“, fragen ihn die Leute. „Diese Herangehensweise gibt es immer noch.“

Insgesamt 228 Hektar sind es, die Walkemeyer mit einem Team aus Bauplanern und Ingenieuren und anderen Experten seit 1992 erschlossen hat. „Jeder Baum, jeder Strauch, jede Straße, jedes Schild – alles ist künstlich angelegt worden.“ Es sei eher ein Landschaftspark nach angelsächsischem Vorbild, kein typisch deutsches Gewerbegebiet.

Coca-Cola war damals zuerst da, auf sechzehn Hektar entstand eine Abfüllanlage. Später folgten: ADAC, Dallmayr, Dekra, Scania, Tobaccoland und andere, ein Verlag hat sich angesiedelt und ein Berufsbekleidungsservice, der mit „Sauberkeit macht sich bezahlt“ für sich wirbt. Dazu McDonald’s und drei Hotels. Bei Ibis Budget kostet das Einzelzimmer 38 Euro. Und überall liest man: „Achtung! Diese Haltestelle wird auf Grund von Bauarbeiten bis auf Weiteres nicht bedient!“

Umtopfen wie eine Pflanze

Doch es gab auch Jahre, da passierte gar nichts, da konnte Walkemeyer noch so viele Messen besuchen und Briefe schreiben, wie er wollte. Kein Quadratzentimeter war zu verkaufen. Und den Leuten, die bei ihm einen Reiterhof errichten wollten, eine Kartbahn, ein Multiplexkino oder Rechenzentrum – denen musste er absagen. Das passte nicht. „Sehen Sie, wir wollen hier auch keine Stahlindustrie, keine Wohnungen oder ein Kernkraftwerk – aber das will hier ja sonst keiner.“ Und ein Stadion?

Ein Stadionbaurecht gibt es gar nicht. Das muss immer erst geschaffen werden. Bodengutachten, Rodungsbescheide, Umweltverträglichkeitsprüfungen – alles im feinsten Beamtendeutsch formuliert. Planungsunterlagen können schon mal eine Stapelhöhe von einem Meter erreichen. Strom, Wasser, Gas, Telekommunikation – alles muss auf die Bedürfnisse der Käufer ausgerichtet werden.

Auch Walkemeyers Verein wird umziehen. Die Washington Redskins wollen diesmal im benachbarten Bundesstaat Maryland bauen. Geplant ist ein Wassergraben vor dem Stadion. Surfen im Sommer, Schlittschuhlaufen im Winter.

In der NFL, der Nordamerikanischen Footballliga, ist Tradition ein Verkaufswert. Identität lässt sich umtopfen wie eine Pflanze. Die New York Giants und die New York Jets etwa spielen in New Jersey. Die Liga ist trotzdem das erfolgreichste Sportprodukt der Welt. Die Kommerzialisierung ist kein Kritikpunkt, sondern ein von allen Beteiligten anerkannter Kern des Geschäfts. Und einer wie Walkemeyer ist zu sehr Geschäftsmann, um sich Illusionen zu leisten. Er geht davon aus, dass das amerikanische System das bessere ist und sich vielleicht eines Tages in Europa durchsetzen wird.

Grundsätzlich einladend

Der Wassergraben, der eines Tages vor Herthas neuer Fußballarena verlaufen könnte, ist schon ausgehoben. Aber noch trocken. Dahinter befindet sich laut Standortanalyse ausreichend Platz für Parkplätze und eine sogenannte Zuwegung Fanströme. „Die Flächen sind nun erst mal da“, sagt Walkemeyer und macht eine grundsätzlich einladende Geste. Aber: „Dass wir nicht auf Hertha gewartet haben, dürfte sicherlich klar sein. Wir reden auch immer mit anderen Firmen.“

Bürgermeister Igel versichert in seinem Büro: „Hertha ist ein Interessent, den wir anders priorisieren wollen.“ Walkemeyer sagt auf der Wiese: „Wenn morgen jemand kommt und sagt, ich kaufe die Hälfte von diesem Land und zwar sofort, dann müssen wir eine Entscheidung treffen: Warten wir, oder warten wir nicht?“

Wenn Hertha in acht Jahren ein neues Stadion bezieht, wird Reinald Walkemeyer in Rente gehen. Sollte der Neubau tatsächlich im Brandenburg Park stehen, wäre seine Arbeit getan. Er hat ja sonst nur noch wenige Quadratmeter Bauland zu verkaufen. 2025 wäre sein Baby 33 Jahre alt. Und bräuchte ihn zum ersten Mal nicht mehr.