Die Stadion-Baustelle im Freiburger Westen im August.
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FreiburgIm Freiburger Stadtteil Mooswald, wo die Straßen Hasenweg, Schneckengraben oder Am Vogelbach heißen, reihen sich Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten aneinander, auf viele Dächer sind Photovoltaikanlagen montiert. Im nahe gelegenen Millenniumswald gedeihen Spitzahorn, Speierling und die Kaukasische Flügelnuss. Die Anhöhe Monte Scherbelino nutzen nicht nur Jogger und Hundebesitzer zum Auslauf mit ihren Tieren. Von hier aus genießt man auch eine herrliche Aussicht über den Mittleren Schwarzwald mit seinen Bergen Roßkopf und Kandel.

Der Aussichtspunkt ermöglicht zudem einen unverstellten Blick auf den Freiburger Flugplatz. Hier heben kleine Motor- und Segelflugzeuge ab, die Umrisse der Technischen Fakultät der Universität sind zu erkennen, auf der anderen Seite des Areals steht eine Mehrzweckhalle, in der Messen und Konzerte stattfinden. Und direkt am Fuße des Berges ragen Kräne auf einer gewaltigen Baustelle in die Höhe.

Kosten bei rund 130 Millionen Euro

Seit März entsteht hier das neue Fußballstadion des SC Freiburg. Ab der kommenden Saison möchte der Verein, am Sonnabend beim Hauptstadtklub Hertha BSC zu Gast, in der Arena kicken. Rund 130 Millionen Euro kostet das Projekt. Seit zehn Jahren beschäftigt dieses Fußballstadion nun schon die Stadt, mit teils heftigen Kontroversen. Man kann vor diesem Hintergrund erahnen, was für ein weiter Weg vor Hertha BSC noch liegt, bis der Verein eines Tages irgendwo in Berlin oder im Umland ein reines Fußballstadion als sportliches Zuhause hat.

In Freiburg wird schon eifrig gebaut. Baubürgermeister Martin Haag (parteilos) sagt nach jetzt neun Monaten: „Eineinhalb Jahre sind sehr sportlich, aber bislang läuft alles nach Plan.“ Dass dennoch alle Beteiligten mit einer gewissen Anspannung zu kämpfen haben, liegt zum einen daran, dass bei derlei großen Infrastrukturprojekten immer etwas schiefgehen kann, weil auch jedes noch so kleine Teil abgenommen werden muss.

Vor allem wartet ganz Freiburg gespannt auf eine Nachricht aus Mannheim. Der dort ansässige Verwaltungsgerichtshof des Landes Baden-Württemberg muss bestätigen, dass das Stadion auch wirklich zu allen Anstoßzeiten nutzbar ist. Das galt bis vor kurzem noch keinesfalls als gesichert.

Im Oktober versetzte das Gericht Stadtverwaltung, Verein und Fans in Schockstarre, zumindest kurzfristig. Aufgrund der Sportanlagenlärmschutzverordnung wurde dem Sport-Club untersagt, während der Ruhezeiten zwischen 20 und 22 Uhr, nachts ab 22 Uhr sowie sonntags zwischen 13 und 15 Uhr Spiele auszutragen.

Klubs brauchen ein Stadion - zu allen Anstoßzeiten

Zahlreiche Partien hätten unter diesen Umständen also nicht stattfinden können. Die Klubs sind allerdings dazu verpflichtet, für alle Anstoßzeiten und Termine ein Stadion bereitzuhalten − oder eine Ausweichspielstätte zu benennen. Andernfalls gibt es keine Lizenz der Deutschen Fußball Liga (DFL).

Freiburgs Stürmer Nils Petersen, der mit seinen Kollegen derzeit noch auf der anderen Seite der Stadt spielt, sagt: „Im ersten Moment hat das hier jeden irritiert. Ich baue derzeit selber ein Haus und merke, was damit verbunden ist, welche Wartezeiten dabei vorkommen können und welche Genehmigungen notwendig sind. Es war für mich schwer vorstellbar, dass die Verantwortlichen bei einem solchen wichtigen Projekt etwas Entscheidendes verpasst haben. “

„Ich baue selber ein Haus und merke, was damit verbunden ist, welche Wartezeiten dabei vorkommen können, welche Genehmigungen notwendig sind.“ 

Nils Petersen, Stürmer des SC Freiburg

Noch am selben Tag wurden eilig die umfassenden Dokumente gesichtet, die als Grundlage für den Stadionbau dienen. Und dabei fiel einem Mitarbeiter des Freiburger Rechtsamts auf, dass die Richter nicht die aktuelle Sportstättenlärmschutzverordnung angewendet hatten. 2017 hat der Deutsche Bundestag beschlossen, die Richtwerte für die abendlichen Ruhezeiten sowie die Ruhezeiten an Sonn- und Feiertagen von 13 bis 15 Uhr von 50 auf 55 Dezibel zu erhöhen.

Wolf-Dieter Winkler, der als Stadtrat der stadionkritischen Wählerliste Freiburg Lebenswert zugleich im Aufsichtsrat der Stadion-Gesellschaft sitzt, sagt: „Man mag sich wundern, dass ausgerechnet beim Lärm die Grenzwerte verwässert wurden, während sie in anderen Bereichen verschärft werden.“ Dennoch ist für ihn klar, dass der Verein zu allen relevanten Anstoßzeiten in seinem Stadion spielen kann.

Sechs Klagen wegen Lärmschutz

Auch wenn den Richtern ein ungewöhnlicher Fehler unterlaufen ist, den Streitparteien dieser auch eingestanden wurde, bleibt eine gewisse Unsicherheit zum Jahreswechsel bestehen. Denn die Richter, die im Eilverfahren den Beschluss getroffen hatten, können diesen nicht einfach rückgängig machen. Das Urteil gilt als unanfechtbar. Es bedarf eines Rechtsmittels namens Anhörungsrüge. Auf diesem Weg kann ein Betroffener auf Defizite in der Urteilsfindung aufmerksam machen.

Nachdem das Regierungspräsidium Freiburg, das den Stadionbau genehmigt hat, seine Argumente vorgetragen hat, sind derzeit die sechs Kläger an der Reihe, die aus Gründen des Lärmschutzes geklagt hatten. Am 15. Januar endet ihre Frist für eine Stellungnahme. Erst dann wird es endgültige Klarheit geben. Baubürgermeister Haag sagt: „Wir werden keinen Druck auf das Gericht ausüben. Wir müssen nun einfach abwarten, bis es eine Entscheidung gibt.“

Die Kläger selbst wollen sich nicht zu dieser Lärmschutzposse äußern. Ursula Jautz, 1. Vorsitzende der stadionkritischen Bürgerinitiative Pro Wolfswinkel und zugleich Vorsitzende des Bürgervereins Mooswald, antwortete auf Anfrage der Berliner Zeitung nur: „Während der Dauer des schwebenden Verfahrens gebe ich keinerlei Stellungnahme zur Stadionthematik ab.“

Ohnehin hat es den Anschein, dass sich viele Anwohner, die bei 35.000 Zuschauern neben dem Lärm vor allem den zunehmenden Verkehr fürchten, inzwischen damit abgefunden haben. Bereits vor knapp fünf Jahren stimmten 58,2 Prozent der Freiburger bei einem Bürgerentscheid für diesen Standort. Protestplakate, auf denen „Nein zum SC-Stadion im Wolfswinkel“ oder „Hände weg vom Mooswald“ steht, sind an immer weniger Häuserfassaden oder Zäunen zu finden. Die Verkäuferin in einer nahe gelegenen Bäckerei sagt: „Ich arbeite hier schon lange, aber ich kann überhaupt nicht feststellen, dass es hier großen Protest gibt.“

Neues Stadion hat Platz für 10.000 Fans mehr

Anders als in Berlin, wo es   ein umfassend nutzbares Olympiastadion gibt, weiß man in Freiburg seit langem, dass die bisherige Spielstätte zwischen dem Fluss Dreisam und der Schwarzwaldstraße nur begrenzt nutzbar ist. Während die Anwohner der neuen Arena immerhin rund 300 Meter entfernt wohnen, wackeln aktuell sprichwörtlich die Wände, wenn die Heimelf ein Tor erzielt. Die Distanz zur Südtribüne beträgt gerade mal zwanzig Meter. Die Zuschauerkapazität ist auf 25.000 gedeckelt, der neue Standort fasst 10.000 Besucher mehr.

Zudem spielen die Freiburger   mit einer Sondergenehmigung. Die Spielfläche beträgt 101 mal 68 Meter, eigentlich muss das Feld   vier Meter länger sein. Und der Höhenunterschied zwischen den beiden Toren   einen Meter. Freiburgs Sportvorstand Jochen Saier sagt: „Ausnahmegenehmigungen sind kein Dauerzustand. Bei der nächsten Baumaßnahme hätten wir das lösen müssen. Wir sind zudem seit Jahren ausverkauft und komplett ausvermarktet.“ Ein neues Stadion ist demnach die einzige Option, um die Wettbewerbsfähigkeit des Klubs langfristig zu erhalten.

Als der Verein 2009 damit begonnen hatte, laut über eine Alternative nachzudenken, wurde auch über einen Standort jenseits der Stadtgrenze diskutiert, ähnlich wie die Variante Ludwigsfelde bei Hertha BSC. Ein unrealistischer Vorschlag für Freiburger Verhältnisse. Eine Arena, die nur mit dem Auto zu erreichen ist, passt nicht zum Klub, den viele Fans mit dem Fahrrad und dem ÖPNV ansteuern.   Zudem gehört der Sport-Club nach Ansicht des Baubürgermeisters zu den Symbolen der Stadt: „Das ist für viele typisch Freiburg, so wie das Münster oder die Bächle.“

2011 Gutachten mit 25 potentiellen Standorten

Freiburg ist aber auch bekannt als erste deutsche Großstadt, die einen Bürgermeister der Grünen stellte und sich als besonders ökologisch versteht. Kein Wunder also, dass die Regierenden zunächst mal wenig Begeisterung für ein solches Großbauprojekt aufbrachten. Zumal auch in Freiburg potenzielles Bauland rar ist. Dennoch wurde 2011 schließlich ein Gutachten mit 25 potenziellen Standorten in Auftrag geben.

Zwei Jahre später kristallisierte sich der sogenannte Wolfswinkel, der lange kritisch gesehen wurde, als Wunschlösung der Städteplaner heraus. Es folgten Bürgerversammlungen, Dialogforen und Sitzungen des Freiburger Gemeinderats, die Augenzeugen als teils äußerst ruppig beschreiben.

Christoph Maschowski war bei vielen hitzigen Diskussionen anwesend. Als Mitglied der Akademischen Fliegergruppe kämpfte auch er zusammen mit seinen Mitstreitern anfangs heftig gegen diesen Standort. Denn die Hobbypiloten der Region, die mit ihren Motor- und Segelflugzeugen hier abheben, „haben die Hälfte ihres Flughafens verloren“.

Die Flugsportler gehen ihrem Hobby in der Regel weitgehend geräuschlos nach. In den vergangenen Jahren gelang es ihnen aber trotzdem, Gehör zu finden. Nach der Ankündigung, gegen den Bau am Flughafen klagen zu wollen,   ließ die Stadt eine neue Grasbahn bauen, die   noch nicht offiziell genehmigt ist, aber trotzdem genutzt werden darf. „Wenn jetzt alles so läuft wie versprochen, können wir gut damit leben“, sagt er.

Und damit stehen die Freizeitsportler sinnbildlich für viele Freiburger. Seit dem Bürgerentscheid vom 1. Februar 2015 ist die Akzeptanz gewachsen, viele Kritiker haben das Votum akzeptiert.   Einige Anwohner wollen dennoch nicht kleinbeigeben. „Wir finden das überhaupt nicht amüsant“, sagt Maschowski, „wir wollen uns mit den Klägern nicht identifizieren.“ Die Idylle rund um den Mooswald ist wohl nachhaltig gestört, auch wenn der SC zukünftig nur zweimal im Monat, meist nachmittags, hier spielen wird.