Wo sich Hertha und Union doch ganz nahe sind ...
Foto: Christian Schulz/Berliner Zeitung

BerlinDer große Lilienstrauß  muss von der Balustrade auf den Beistelltisch weichen. So versperrt er die Sicht auf die Leinwand nicht mehr. Freitagabend, etwa 50 Gäste sitzen im Cumulus, Ku’damm-Nähe, gleich beginnt die Partie Blau gegen Rot, das Berliner Stadtderby Hertha gegen Union. 

Kneipier Mario Hähne ist nervös. „Es sind ja  verrückte Zeiten“, sagt er. Überall auf der Welt und auch hier in seiner  Kneipe, die seit kurzem ein Restaurant ist. „Hier drinne is’ nich’ mehr mit rauchen, wa?“ brummt ein Gast. Es gibt Currywurst und Cumulus-Burger. Die Küche, die Hähne mal für 80 000 D-Mark umgebaut hat, war 15 Jahre lang nicht in Betrieb. Dann kam Corona. Jetzt rettet sie den Fans hier den Derby-Abend, denn Bars ohne Küche dürfen noch immer nicht öffnen.

Ein Mann mit Hertha-Emblem auf seinem Mundschutz ruft: „Hier regiert der BSC.“ Paulo, ein braun gebrannter Kerl mit Zopf, Tattoos, sechs Ohrringen links, die Finger voller Goldringe und einem T-Shirt, auf dem steht: „Union. Kämpfen und siegen“, grinst, als er den Schlachtruf hört: „Ich find’s beschissen, dass ich nicht im Stadion sein kann“, sagt er.  1989 sei er vor den Kommunisten abgehauen, ein halbes Jahr vor dem Mauerfall. Jetzt wohnt er in Schöneberg, hat eine Dauerkarte bei Union und ist hier, in der Hertha-Kneipe, die zum Restaurant geworden ist.

Auf Staffeleien hat Mario Hähne Plexiglas-Trennwände als Spuckschutz zwischen die Tische geschoben. Neben den Pfingstrosen im Glas steht auf jedem Tisch ein Fläschchen Handgel, antibakteriell. Vor dem Lokal, das eine offene Fensterfront hat, parkt Hähnes Ford Mustang über zwei Stellplätze quer. Der Kneipier, bei dem Graciano Rocchigiani aus und ein ging, als er noch lebte, hat ein Brett aufs Dach gelegt, auf dem ein riesiger Fernseher thront: Fußball für die, die draußen sitzen. Aber Hähne muss noch die Amazon-Software laden. Normalerweise läuft Fußball sonst ja auf Sky.

Während der Schweigeminute  vor Spielbeginn setzt sich Jan in die Ecke, er trägt ein Hertha-Shirt. „Weil ich aus West-Berlin bin“, verdeutlicht er. Axel, der  draußen Zigarillo raucht , sagt: „Ich wohne in Charlottenburg, konnte Hertha aber noch nie leiden.“ Dass die Liga wieder läuft, gefalle ihm nicht. „Geld, nur wegen Geld“, sagt er. „Mein Herz schlägt für TeBe. Aber das Tolle heute ist ja: Es ist das erste Bundesligaspiel im Olympiastadion zwischen Berlin Ost und Berlin West. Premiere, ohne Zuschauer. Schade.“

Auf dem Mustang-Dach  wird noch immer Amazon heruntergeladen. Dann kommen Beamte des Ordnungsamts, die finden, der Parkhafen sei falsch genutzt. Hähne muss den Fernseher abbauen, den Mustang längs parken. Er ist ein lösungsorientierter Mann: Auf den Kofferraum stellt er ein Laptop, auf dem Bildschirm sind die ersten 20 Minuten des Stadtderbys um. Alle raunen, als Dodi Lukebakio seine erste Großchance vergibt. Und Torsten, der in Union-Trikot und Schal gekommen ist, weil er um die Ecke wohnt, atmet auf.  Als Robert Andrich kurz vor der Pause einen Freistoß knapp am Hertha-Tor vorbeidrischt, rauft er sein weißes Haar.

Helmut, dessen Frau lieber schlafen ging, als ihn zum Derby zu begleiten, ist in der Pause sicher: „Hertha gewinnt 2:0.“ Und schon wieder vergibt Lukebakio eine Hertha-Chance. Dann köpft Vedad Ibisevic das 1:0, Jubel im Cumulus. Die Fans der Blauen rufen. „Ha, ho, he, Hertha BSC. Ha, ho, he, Hertha BSC. Bitte. Danke.“ Als Dodi Lukebakio der Doppelschlag gelingt, dreht sich Helmut um: „Sehen se. Sie müssen schreiben, dass das hier ’ne Hertha-Kneipe ist.“

Als Cunha trifft, ist der Regen am Ku’damm angekommen. Hähne hat die Jalousie heruntergelassen, das Laptop am Mustang abgebaut. Ein Autofahrer hupt zum 3:0. Auf Paulo, den Unioner mit dem Goldschmuck, fallen Regentropfen. „War ’n scheiß Fußball-Nachmittag“, sagt er. „Punkt.“ Nach dem 4:0 durch Dedryck Boyata hebt Jan im Hertha-Trikot den Daumen: „Top, mehr muss man nicht sagen.“