Berlin - Rudi Assauer war ein harter Typ, ein Macho, Zigarre im Mundwinkel, Spruch auf der Lippe, aber er konnte auch Schwäche zeigen. Und sich helfen zu lassen, hielt er dann natürlich für ein Zeichen von Stärke. Das ist nicht selbstverständlich in einer Branche, in der ein offener oder gar öffentlicher Umgang mit Zweifeln oder gar Ängsten nicht vorgesehen ist.

Weil Fußball eine konservative Männerwelt ist, die sich aus sich selbst generiert und in ihrem Habitus bestärkt. Körperlicher Schmerz ist für Helden, seelischer für Pussys. Schmerzmittel? Ja, klar, gerne. Gesprächstherapie? Eher nein, danke – allenfalls in Krisenzeiten.

Der Zweifel sitzt in der linken Gehirnhälfte

Als Assauer noch Spieler bei Werder Bremen war, lernte er Professor Fritz Stemme kennen. Dieser arbeitete seit Anfang der Siebziger als sportpsychologischer Berater des Klubs, später auch für die deutsche Nationalelf und die Uefa. Stemme hat die auf Spitzensportler übertragbaren Trainingsmethoden sowjetischer Kosmonauten studiert, die bestens mit Stress umgehen konnten. Seiner Biografie gab er den wunderbaren Titel „Der Ball, den das Leben spielt“.

Von Stemme stammen diese Sätze: „Der Zweifel sitzt in der linken Gehirnhälfte. Je mehr ein Fußballer mit der rechten Gehirnhälfte denkt, desto besser: Dort laufen die handlungsanleitenden Filme ab, die Prozesse, die ein Spieler Tausende Male geübt hat.“ Elfmeter etwa. Michael Kutzops Pfostentreffer und den Belgrader Nachthimmelschuss von Uli Hoeneß konnte Stemme nicht verhindern.

Mental? Klingt nach Zahnpasta

Viele Jahre später erinnerte sich der Manager Rudi Assauer an den alten Professor aus Bremen. Der FC Schalke hatte im Februar 2003 gegen Hertha BSC verloren und in den kommenden sieben Wochen nur einmal gewonnen. Die Spieler waren frustriert, flogen vom Platz, sie haderten mit den Schiedsrichtern, dem Schicksal. Assauer handelte. Er holte Hilfe. Er sagte: „Das Wort mental gab es zu meiner Zeit als Spieler gar nicht. Nur eine Zahnpasta, die so ähnlich hieß.“

Hier ein Knöpfchen, dort ein Schräubchen

Doch die Zeiten hatten sich geändert. Und 2004, als der DFB den Psychologen Hans-Dieter Hermann anheuerte, der bis heute die Nationalelf betreut, war auch in der Öffentlichkeit angelangt, was bis dahin als Expertenwissen galt: Es kann Fußballprofis nur guttun, wenn ein Teampsychologe hier ein Knöpfchen drückt oder dort an einem Schräubchen dreht.

Stemmes Druck-und-dreh-Ansatz war folgender: „Die Bundesligisten unterhalten ein Heer von Serviceleuten. Aber keinen Psychologen. Ich gebe Assauer keine Ratschläge. Ich sage ihm: Sie können mir vorschlagen, was Sie machen wollen. Ich sage Ihnen dann, ob ich es gut finde. Man muss die Persönlichkeit stärken, ihr aber keine Steine aus dem Weg räumen.“ Mit Professor Stemmes Unterstützung blieb Schalke zunächst viermal ungeschlagen.

Bewusst verzichtet

Heute haben die Bundesligisten noch mehr Mitarbeiter, die sich um alles kümmern. Den Rasen, die Schuhe, den Bus, Twitter, Facebook, das Image. Aber nur wenige Klubs lassen sich dauerhaft von einem Psychologen beraten. Hertha verzichtet ganz darauf. Es ist eine bewusste Entscheidung. Auch am Sonnabend um halb vier wird wieder nur der Muskel-Bänder-und-Knochen-Doktor Ulrich Schleicher in Teamnähe sein, wenn Pal Dardais Team auf Dortmund trifft.

Getuschel in der Mannschaft befürchtet

Herthas Trainer selbst arbeitet mit zwei Psychologen zusammen, mit einem in Berlin und einem in Ungarn. Auch einige seiner Spieler nehmen Hilfe in Anspruch. Einen offiziellen Ansprechpartner für das ganze Team will Dardai deswegen nicht installieren, weil er etwas befürchtet, was er nicht beeinflussen kann: dass sie in der Mannschaft reden, tuscheln. „Guckt mal, das Weichei muss ja schon wieder zum Psychologen!“

Vielleicht weiß Dardai aber auch, dass er sich wie jeder andere Trainer im Zweifel für einen Spieler entscheiden würde, der psychisch gefestigt wirkt und gegen einen, der signalisiert, Probleme zu haben im Umgang mit einer Drucksituation. Und hat Dardai nach der Niederlage in Hamburg nicht selbst gesagt, dass seine Mannschaft anscheinend nicht klarkommt mit dem „positiven Druck“, einen Europapokalplatz halten zu wollen?