Die Betriebsfussballmannschaft des VEB Stahl- und Walzwerk Riesa, DDR 1950er Jahre.
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BerlinEuropa sehen und … nein, nicht sterben, eher den Großen der Branche ein Schnippchen schlagen. Seine Visitenkarte im Europapokal abzugeben, und sei sie ansonsten noch so farblos, also ohne Meistertitel oder Pokalsieg im Briefkopf, war im DDR-Fußball so etwas wie ein Ritterschlag. Vor allem dann, wenn man nicht zu den elf etablierten Klubs gehörte. Dann dröhnte dieser Schlachtruf, der ähnlich knallig daherkam wie das „Eisern Union!“ aus Köpenick, schon mal durch manche internationale Arena: Staaahl … Feuer!

Nichts, wirklich nichts erinnert in Brandenburg, Eisenhüttenstadt und Riesa an die ziemlich erfolgreiche Vergangenheit mit Auftritten sogar auf Europas Bühne. Mit etwas gutem Willen nur weht ein Hauch davon über dem damaligen Ernst-Grube-Stadion in Riesa, das 16 Spielzeiten in der Oberliga erlebte, wo neben den Haudegen Reinhard Hauptmann und Johann Ehl danach vor allem die von Dynamo Dresden ausgemusterten Stars die Ehre retteten, aber auch Nationalspieler hervorgingen wie der 1974er WM-Teilnehmer und 1976er Olympiasieger Lothar Kurbjuweit.

Der aktuelle Hauch kommt, wenn man so will, von Maximilian Arnold. Der ist mit einem Einsatz im DFB-Team ein Gerade-so-Nationalspieler, im sonstigen Fußballerdasein ist der Mittelfeldmann Führungsspieler beim VfL Wolfsburg, dort Freistoßspezialist und – gebürtiger Riesaer. Mit neun Jahren ging er zum SC Riesa, spielte beim Stahl-Nachfolger drei Jahre und wechselte dann zu Dynamo Dresden. Fast wie damals, wie bei Ulf Kirsten – der exakt diesen Weg ging, nur Jahrzehnte zuvor –, der seine 100 Länderspiele nahezu gerecht auf die DDR (49) und auf das wiedervereinte Deutschland (51) verteilte und den größten Teil seiner Karriere wie Arnold in der Bundesliga verbrachte.

Inzwischen ist vom Glanz früherer Zeiten also nichts mehr übrig. Zwar freuen sie sich über einen Weltmeistertitel für ihren Verein durch die Keglerin Andrea Knisse und den Olympiasieg durch Kevin Kuske, der 2002 in Salt Lake City den Viererbob von André Lange mit zu Gold schob; die Fußballer aber, die 1992 bei der Umbenennung von Stahl zu SC allein ihren alten Namen behielten, gingen elf Jahre später in Insolvenz. Sie taten, was viele in dieser Notlage tun: Sie gründen sich neu, nannten sich TSV (Traditionssportverein) und später, ab 2013, wie früher BSG, diesmal nur steht das Kürzel nicht für Betriebs-, sondern für Ballsportgemeinschaft, und sie spielen seitdem in der Sachsenliga. In der waren sie zuletzt abgeschlagen Letzter, auch weil sie zu wenige Schiedsrichter hatten und deshalb Punkte abgezogen bekamen. Dank der Corona-Krise aber bleiben sie dort. Jetzt sagt der neue Trainer Karsten Oswald, als Spieler immerhin bei Dynamo Dresden am Ball und sogar in der zweiten Mannschaft von Bayern München: „Ich möchte den Negativtrend der letzten Jahre stoppen und junge Spieler entwickeln.“

Dafür haben sie an der Elbe etwas erreicht, was sie sonst nie gepackt hätten: Seit 2006 halten sie den deutschen Rekord mit den meisten Pflichtspielen in Folge ohne Niederlage. In 78 Partien (76 Siege, 2 Unentschieden, 519:51 Tore) machten sie ihre Gegner nieder, ehe Grün-Weiß Coswig mit einem 0:2 die Erfolgsserie stoppte.

Auf derartige Rekordjagd sind sie in Brandenburg und Eisenhüttenstadt nicht aus, dafür haben sie Auftritte in Europa (die einen 1986 im Uefa-Cup gegen Coleraine aus Nordirland und IFK Göteborg, die anderen 1991 als unterlegener Pokalfinalist im Cup der Pokalsieger gegen Galatasaray Istanbul) vorzuweisen. Im Stadion am Quenz haben sie sogar zwei Nationalspieler hervorgebracht. Im Osten Eberhard Janotta und später Steffen Freund, 1996 mit dem DFB-Team Europameister, mit Borussia Dortmund ein Jahr später Champions-League-Sieger und seit 2009 in der Hall of Fame von Tottenham Hotspur. An der White Hart Lane im Norden Londons verbrachte der defensive Mittelfeldspieler bis 2003 vier aktive Jahre und kehrte zu den Spurs später als Co-Trainer und als internationaler technischer Koordinator zurück.

Trotzdem sind sie in Brandenburg besonders tief gefallen. Dabei hatten sie im vereinten Deutschland von allen den besten Start. Mit Trainer Eckhard Düwiger schafften sie den Sprung in die 2. Bundesliga, schmierten aber gleich wieder ab und gerieten sportlich immer mehr in den Keller: bis in die Landesliga Nord, die siebthöchste Spielklasse nur, in der die Gegner für das Multi-Kulti-Team mit Spielern auch aus Kamerun, Japan, den USA, Polen, Südafrika, Syrien, Frankreich und Brasilien zuletzt unter anderem Fortuna Glienicke, Grün-Weiß Ahrensfelde, Concordia Buckow/Waldsieversdorf und Hansa Wittstock hießen. Auf jeden Fall will der Tabellenfünfte wieder angreifen und mit elf neuen Spielern, die Trainer Maik Aumann bisher zu integrieren hat, in die Brandenburgliga aufsteigen.

Dort spielt Eisenhüttenstadt mit wenigen Unterbrechungen, dafür aber mit viel Glück, seit Jahren. „Manchmal hat es geholfen, dass eine Mannschaft zurückgezogen, eine andere in letzter Minute noch ein Tor geschossen hat oder es wegen des Spielabbruchs diesmal keine Absteiger gab, obwohl wir Letzter waren“, sagt Harry Rath, ganz im Osten des Landes so etwas wie „Mister Stahl“. Die meisten Jahre hat Rath bei Stahl verbracht, als Spieler, als Trainer, als Quasi-Manager, einfach als alles. Er hat erlebt, wie der EFC an der 2. Bundesliga schnupperte, wie die Insolvenz kam und damit der Niedergang als schleichender Prozess, aber auch, wie Norman Elsner im März 2004 aus dem Mittelkreis heraus ein Tor erzielte. Weil der Ball nach 3,52 Sekunden beim Gegner einschlug, ist es das schnellste Tor Deutschlands, es wurde zum ARD-Tor des Monats gewählt.

Mittlerweile ist die Mannschaft des damaligen Eisenhüttenkombinates Ost schon dem Namen nach nicht wiederzuerkennen. Das Stahl im Namen ist verschwunden, nach der Fusion mit dem ehemaligen Aufbau Eisenhüttenstadt, dem 1. FC Fürstenberg (das ist der 1912 gegründete eigentliche Ur-Verein in der Region) und dem Jugendförderverein entstand 2016 mit dem FC Eisenhüttenstadt ein Mix aus allem, was die Stadt zu bieten hatte. „Wir haben gedacht“, meint Rath, „dass wir von der Intensivstation runterkommen, wenn wir uns mit zwei anderen Vereinen zusammenschließen. Auch hat man uns gesagt, dass wir als Großverein weiter mit im Boot sind. Doch wir kämpfen weiterhin nur ums Überleben.“

Damit ist es manchmal echt nicht weit her, weil in der Mannschaft 14 Jungs stehen, die ihr Geld im Vier-Schicht-System verdienen und das Training dadurch oft nur wenig Wert hat. Dabei ist Rath, der einst für den FC Vorwärts Frankfurt zehn Spiele in der DDR-Oberliga bestritt, anderes gewöhnt: „Es ist nicht verboten, auch mal allein am Vormittag was zu machen.“ Seinen Galgenhumor hat der 64-Jährige, der ab und an noch immer als Coach aushilft, trotzdem nicht verloren: „Ich arrangiere mich mit der Situation, dass jemand sogar mal ein Spiel verpasst, weil der Wellensittich eine Feder verloren hat und der Besuch beim Tierarzt wichtiger ist.“

So ist an Europa nicht mehr zu denken, das war einmal, das kommt nie wieder. Deshalb geht es auch in der neuen Saison wieder nur in die Nachbarschaft nach Bernau und Eberswalde, Oranienburg und Klosterfelde, Altlüdersdorf und Frankfurt. Dabei ist gerade Rath einer, der als Letzter aufgeben würde. „Ob sportlich die Sonne scheint oder dir der Wind ins Gesicht bläst“, sagt er, „ein paar Bekloppte machen immer weiter.“ Er gehört auf jeden Fall dazu.

Inzwischen dümpeln die Teams aus Brandenburg, Eisenhüttenstadt und Riesa ziemlich unten im Amateurbereich.