Nach dem 1:0 im Stadtderby gegen Hertha BSC sprach Union-Coach Urs Fischer von einem „hochverdienten Sieg“, wollte aber in seiner Spielanalyse auch nicht das Wettkampf-Glück seiner Mannschaft außer Acht lassen. Immerhin resultierte der Erfolg gegen den Ortsrivalen ja aus einem nicht ganz unumstrittenen Strafstoß, den der eingewechselte Sebastian Polter mit Wucht verwandelte. Fischers Einschätzungen werden jedenfalls auch durch die Spieldaten, die die Redaktion der Berliner Zeitung in Kooperation mit dem Institut für Spielanalyse ausgewertet haben, gedeckt. Doch der Reihe nach.

Keine zwei Minuten waren in der Alten Försterei gespielt, da lag den Anhängern der Eisernen bereits der Torschrei auf den Lippen. Nach einer längeren Stafette landete der Ball bei Christopher Lenz, der diesen auch Richtung Tor brachte. Doch statt im Tornetz landete der Ball so unglücklich am Innenpfosten, dass das Spielgerät wieder heraussprang. Der Auftakt nach Maß blieb also aus, dennoch war es ein Signal der Hausherren. Denn die Köpenicker sollten weite Strecken der Partie kontrollieren, was sich auch in den erhobenen Leistungsdaten beider Mannschaften widerspiegelte.

Denn in den folgenden 28 Minuten beließen es die Eisernen nicht bei dem einen Angriffsversuch. Bis zur 30. Spielminute gab das Team von Urs Fischer noch fünf weitere Torschüsse ab. Hertha BSC hingegen nur einen einzigen. Insgesamt gaben die Gäste im Stadion An der Alten Försterei bis zur 60. Minute überhaupt nur noch einen weiteren Torschuss ab (siehe Grafik Derby-Bilanz).

So harmlos agierte man zuletzt gegen den SC Paderborn im ersten Durchgang. Torgefahr oder Angriffsfußball made by Ante Covic also in dieser Partie absolute Fehlanzeige. Das hohe Pressing der Köpenicker erstickte viel mehr den Spielaufbau der Blau-Weißen bereits in den ersten Ansätzen. Dabei kam es oftmals zum Duell der Most Involved Player beider Teams (siehe Grafik Derby-MIPs): Robert Andrich aufseiten der Unioner, Marko Grujic aufseiten der Herthaner. Die Mittelfeldspieler sind im bisherigen Saisonverlauf die Spieler mit den meisten Beteiligungen an Torschüssen in ihrem Kader.

Insbesondere in der ersten halben Stunde ging das Duell klar an Andrich. Der Sommerzugang vom 1. FC Heidenheim kam in dem Zeitraum auf vier Beteiligungen an Torschüssen und 21 Episoden. Derweil gab es bei Grujic nur eine Beteiligung an Torschüssen zu verzeichnen. Denn Andrich lief ihn im Pressing auch oftmals persönlich an und zwang die Leihgabe vom FC Liverpool immer wieder zum Rückpass in die Verteidigung. Ergebnis: Die meisten Beteiligungen an Episoden hatte zum Auftakt in die Partie der Defensivverbund der Herthaner, insbesondere Torhüter Rune Jarstein (23). Immer ein klares Indiz dafür, dass der Spielaufbau einer Mannschaft nicht funktioniert.

Auch zum Beginn der zweiten Hälfte setzte der 1. FC Union die stärkeren Impulse. Abermals Andrich, der vom Wiederanpfiff bis zur 60. Minute zwei weitere seiner insgesamt acht Beteiligungen an Torschüssen sammelte, stach dabei heraus. Fortan entwickelte jedoch auch Hertha BSC mehr Torgefahr. Insbesondere der zur Pause eingewechselte Eduard Löwen (zwei Torschuss-Beteiligungen) und Marius Wolf (drei Torschuss-Beteiligungen) taten sich von der 60. bis zur 75. Minute hervor. Das Ergebnis: In der Viertelstunde kam Hertha BSC zu drei und die Unioner zu gar keinem Torschuss.

Urs Fischer blieb diese Entwicklung nicht verborgen und brachte daher zur Entlastung der eigenen Abwehr mit Sebastian Polter einen neuen Stürmer in die Partie. Das Angriffsspiel der Unioner gewann wieder an Fahrt und führte zur Schlüsselszene der Partie, als Gentner im Strafraum den Abschluss suchte und gefoult wurde. Der eingewechselte Polter sammelte in der Schlussphase die meisten Torschuss-Beteiligungen (2) seines Teams und verwandelte – wie bereits erwähnt – den Elfmeter zum Derby-Sieg. Beeindruckend: Hatten im Head-to-Head-Vergleich vor der Partie die Herthaner knapp die Nase vorne, gingen im Derby die Vergleiche der positionsähnlichen Spieler klar an die Union-Kicker. Der Derby-Sieg war also kein Zufall, sondern die Konsequenz einer guten Mannschaftsleistung.