Eines der wenigen Laufseminare, das Herbert Steffny (gelbes T-Shirt) 2020 veranstaltet hat, fand im Schwarzwald statt.
Foto: Herbert Steffny

BerlinDer Name Herbert Steffny ist in der Laufszene seit mehr als 40 Jahren bekannt. „Das große Laufbuch“, das der Marathon-Europameisterschaftsdritte von 1986 und sechzehnmalige deutsche Meister geschrieben hat, gehört zu den Klassikern im Laufsport. Seit etlichen Jahren veranstaltet der Mann, der 1984 Dritter beim prestigeträchtigen New York Marathon wurde und im Startbereich meist mit Thermometer und Hygrometer auftauchte, Laufreisen und Laufseminare. Hat dieses Corona-Jahr dem 67-Jährigen ein Bein gestellt?

Berliner Zeitung: Herr Steffny, sind in Ihrem Programm trotz Corona-Pandemie tatsächlich 2020 noch Termine für Laufreisen angesetzt?

Herbert Steffny: Na ja, ich kann den nächsten schon wieder absetzen. Wir haben gerade die Reise zum Honolulu-Marathon abgesagt. Vorher haben wir New York und Fuerteventura gecancelt. Es ist die Krux des Laufsports, dass es Massenevents sind – im Gegensatz zur Tour de France. Das ist ein Eliterennen, bei dem unter Sonderbedingungen relativ wenige Sportler ihren Sport austragen. Aber in New York laufen über 50.000 Menschen. Das ist natürlich überhaupt nicht zu kontrollieren. Einige Marathons haben umgestellt auf reine Eliterennen. Wie voriges Wochenende der London Marathon. In Berlin gab es auch ein paar Events, wo nur wenige Eliteläufer liefen. So lassen sich Corona-Bedingungen einhalten. Aber der Massensport und das ganze Seminarwesen ist so gut wie tot im Moment.

Sie können mit Ihren Kunden nirgendwo hinreisen?

Was überhaupt nicht läuft, ist das Ausland. Es gibt immer Kunden, die buchen das, aber es kommen halt nicht genügend zusammen. Sie hindert einerseits die Ungewissheit, wie die Gesetzgebung zum gegebenen Zeitpunkt ist, denn man bucht viel früher und weiß nicht genau: Wie wird es zwei Wochen vorher sein? Bleibe ich unter Umständen hängen? Deshalb findet auch unsere Hawaii-Marathonreise, die ich seit 27 Jahren begleite, nicht statt.

Hatten Sie dieses Jahr überhaupt Veranstaltungen?

Wir haben umdisponiert. Wir hatten ein Seminar im Nordschwarzwald. Es ging um Joggen lernen, Gymnastik, Ernährungswissen, Leistungsdiagnostik. Das war ausgebucht. Deutschland läuft am ehesten – bei namhaften Veranstaltern, da die Kunden an sich skeptisch sind und lieber zu Hause bleiben. Es war festzustellen, dass die Leute relativ kurzfristig buchen.

Da braucht man als Veranstalter gute Nerven?

Wir hatten ein Seminar im Mai im Schwarzwald, auch das war ausgebucht. Von 22 Kunden sind nur zwei wegen Corona abgesprungen. Es konnte aber nicht stattfinden. Warum? Weil das Land Baden-Württemberg erst eine Woche später Hotels wieder freigegeben hat. In Rheinland-Pfalz hätte das Seminar stattfinden können. Da ärgert es einen, dass jedes Bundesland eine Extrawurst macht. In dem Kuddelmuddel macht es keinen Spaß mehr. Ich habe dieses Jahr eigentlich abgeschrieben.

Foto: Imago Images/Hartenfelser
Zur Person

Spätestens seit Herbert Steffny den früheren Bundesaußenminister Joschka Fischer als Trainer auf Marathonläufe vorbereitete, wurde sein Name über die Leichtathletik hinaus bekannt. Der 67-jährige frühere Langstreckenläufer, Buchautor, Trainer und Diplom-Biologe wurde in Trier geboren und lebt im Schwarzwald. Für das Fernsehen kommentiert und moderiert er verschiedene City-Marathons, auch den in Berlin. 1988 gehörte er zum Olympiakader für die Spiele in Seoul. Seine Teilnahme am Marathon musste er jedoch auf Anordnung der Teamärzte wegen einer Fiebergrippe absagen. Sein älterer Bruder Manfred nahm zweimal als Marathonläufer an Olympischen Spielen teil.

Weil es weder kleine noch große Straßenläufe für die Breitensportler gibt?

Die kleinen Läufe haben ein Problem, sie haben ja oft die Vereinskasse über Kuchenbuffets und Wettkämpfe aufpoliert. Die großen Läufe wie der Berlin Marathon werden von Agenturen veranstaltet, das ist ja sowieso ein professionelles Geschäft. Das ist ja nicht mehr wie früher, dass der Horst Milde vom Verein aus alles gemacht hat. Das wird ja mittlerweile von irgendwelchen Leuten mit Schlipsen beherrscht. Es ist ein Big Business geworden. Da geht es nicht nur mehr darum, dass man ein Kuchenbuffet und eine nette Stimmung hat, sondern auch knallhart um Euros.

Wie reagieren Ihre Laufkunden auf die gestrichenen Wettkämpfe, Seminare und Reisen?

Meine Kunden trainieren auf ein bestimmtes Ziel. Sie versuchen, eine Bestzeit zu knacken. Jetzt fehlen seit einem halben Jahr die Wettkämpfe. Wofür trainiert man noch? Für den Elitesportler ist es die Verschiebung von Olympischen Spielen, für den Freizeitläufer ist es ja ganz genauso. Er hat auch seine Ziele gehabt oder ein Event, das er vielleicht in der Gruppe bereisen wollte. Gerade im Laufreisetourismus sagt man häufig: Komm, wir fahren zusammen nach Paris oder nach Honolulu oder nach New York. Jetzt fehlt komplett das Ziel. Da hängen die Leute durch. Da können virtuelle Läufe ein kleiner Ersatz sein.

Der Laufsport und City-Marathons boomen eigentlich seit Jahren.

Der Berlin Marathon, der früher ein Vereinswettbewerb war, hat ein wenig an Atmosphäre verloren. Es ist ein professionelles, aber auch etwas kälter gewordenes Massengeschäft geworden, ich sehe das so ein bisschen ambivalent. Trotzdem ist es für viele Läufer in Deutschland ein klares Ziel, so wie New York. Der Laufsektor boomt. Es gibt immer mehr Citys, die Marathons anbieten. Es haben ja scheinbar zu Zeiten der Corona-Krise viele angefangen, sich um die Gesundheit zu kümmern. Oder sie haben zu Hause einen Lagerkoller bekommen und gesagt: Ich muss mal raus. Zum Glück wurde ja das Laufen in Deutschland im Freien nicht verboten. Ich bin im März aus Mallorca gerade noch so rausgekommen. An dem Wochenende, an dem unser Seminar endete, haben die Spanier verboten, dass man draußen joggen durfte. Ich hatte vorher eine Laufreise in Kenia. Corona war dort Ende Februar schon ein Thema. Die Kenianer begannen, misstrauisch gegenüber Weißen zu sein – wir würden doch die Krankheit bringen. Vielleicht wäre es besser, wir würden nach Hause fahren.

Sie hängen mit Ihrem Geschäftsmodell an den großen Läufen dran, gehören mit ins System.

Natürlich. Man könnte darüber spekulieren, ob ich das Berufsverbot nennen darf. Aber ich bin in einer anderen Situation wie ein Reisebüro, das Flüge und Hotels bucht. Wenn sie 500, 600 Leute für den New York Marathon dabeihaben, können Sie sich ausrechnen, wie groß das Risiko ist. Zum Glück bin ich finanziell so aufgestellt, dass ich trotz allen Unmuts, den ich habe, nicht zu denjenigen gehöre, die den Bach runtergehen. Ich kann das aussitzen, aber Spaß macht das nicht. Ich mache jetzt andere Dinge. Ich schreibe gerade ein Buch über Vogelfotografie.

Vogelfotografie?

Ich bin ja nicht nur Ex-Sportler und Seminarveranstalter, sondern ich schreibe auch Bücher, bin Journalist und Fotograf. Wenn in Berlin Eliud Kipchoge mit Weltrekord reinkommt, stehe ich zwischen den Fotografen mit so einer Teletüte und mache Fotos für Laufmagazine, für mein Archiv, meine Vorträge, meine Bücher. Ursprünglich bin ich ja Biologe. Und diese Teleobjektive richte ich auch auf Tiere. Das macht mir Riesenspaß. Seit sieben, acht Jahren bin ich als Ornithologe, also Vogelkundler, unterwegs. Und statt in Berlin hinter der Ziellinie zu stehen und Weltklassesportler zu fotografieren, hänge ich jetzt irgendwo im Gebüsch und fotografiere irgendwelche seltenen Vögel.

Auch in Kenia?

Ja, auch auf Hawaii, in Patagonien, in Costa Rica, in den Alpen. Ich habe ein sehr großes Fotoarchiv über Vögel. Ich schreibe gerade das Buch „Vögel vor der Kamera“. Ich kann switchen. Ich bin keiner, der, weil er demotiviert ist, anfängt zu saufen. Es ist aber schon frustrierend. Die Hoteliers, die Seminarveranstalter hängen in der Luft. Man weiß nie, ob ein zweiter Lockdown kommt. Ich mache einige Vorträge im Herbst. Es ist nie sicher, wie viele Leute in den Saal dürfen. Man ist permanent desorientiert. Und dann sieht man diesen Affenzirkus von Fußball, der wieder Privilegien bekommt. Zur Not ist das Stadion leer, Hauptsache, der Rubel rollt weiter. Das ärgert mich dann schon sehr, dass König Fußball wieder seine Ausnahmeregelungen kriegt. Es ist vergleichbar mit einigen wenigen Eliterennen ohne Zuschauer. Aber der Volkssport hängt leider ohne Veranstaltungen durch.