Berlin - Als wäre vor einem Duell zwischen Tabellennachbarn nicht schon genug Dampf unterm Kessel, wird gerne noch einmal ein großer Tropfen Öl in das bereits lodernde Feuer geschüttet. Richtungsweisend seien solche Spiele, vorentscheidend im Kampf um Titel oder gegen den Abstieg. An sich muss das nicht falsch sein, es ist aber eben nicht per sé richtig. Gern wird damit, gerade bei Vereinen, die sich in einer mittelfristigen Entwicklung befinden, eine Situation geschaffen, die gar nicht dem eigentlichen Leistungsbild einer Mannschaft entspricht. Weil die in den Vorwochen, um es mal mit neudeutschen Begrifflichkeiten zu beschreiben, über- oder unterperformt hat.

Füchse vermitteln Eindruck eines Spitzenteams

So gesehen sind die Füchse Berlin selbst schuld daran, dass man aus ihnen vor wenigen Tagen einen Kandidaten für die Champions-League-Plätze in dieser Saison machte. Wer in zwei Monaten ohne Niederlage bleibt, neun Bundesliga-Spiele am Stück gewinnt, hat sich den Statuts einer Spitzenmannschaft erarbeitet und verdient. Und der geht eben auch als Tabellennachbar in die Duelle mit der SG Flensburg-Handewitt und den Rhein-Neckar Löwen. Die Erfolgsserie der Vorwochen hatte dabei den Eindruck vermittelt, dass sich die Füchse mit diesen Teams bereits auf Augenhöhe befinden.

Allein, die deutlichen Niederlagen in diesen richtungsweisenden Spielen haben diesen Eindruck nicht bestätigt. Dabei hatte auch Stefan Kretzschmar eine leise Hoffnung. Denn selbst wenn der Sportvorstand der Füchse weiß, dass Flensburg und Kiel über dem Rest der Liga schweben, „hatte ich uns nach den Ergebnissen der vergangenen Wochen auf Augenhöhe mit den Löwen gesehen und mir mehr ausgerechnet“, sagte er nach dem 23:29 gegen die Mannheimer. Die sehe er als eins der Teams, das hinter Flensburg und Kiel um Platz drei kämpfen. Aber: „Zu den Mannschaften fehlt uns eine Menge“, lautete Kretzschmars nüchterne Erkenntnis.

Wie schon gegen Tabellenführer Flensburg liefen die Füchse gegen die Löwen über weite Strecken nur hinterher, diesmal sogar ab der ersten Minute. Dass der Matchplan von Anfang an nicht eingehalten wurde, obwohl die Mannheimer nichts gemacht hatten, was überraschend gewesen wäre, „ist natürlich die ultimative Katastrophe“, so Kretzschmar. Die Gründe konnte nicht nur er als ausgewiesener Handballexperte, sondern auch jeder Laie erkennen: Freie Würfe wurden wiederholt vergeben, Fehlpässe im Angriff servierten den Löwen die Tempogegenstoß-Treffer auf dem Silbertablett, und die Anspiele an den Kreis konnten wieder einmal nicht unterbunden werden. „Wir sind aufgrund der letzten Spiele in einer unsicheren Phase, und dann wird in so einem Spiel die Unsicherheit immer größer“, sagte Kretzschmar.

Dritte Bundesliga-Niederlage am Stück

Die Leichtigkeit der niederlagenfreien Monate November und Dezember war aber schon vorher abhanden gekommen. Aufsteiger Essen konnte erst nach einer Leistungssteigerung im zweiten Durchgang geschlagen werden, in Erlangen mündeten die Probleme in einer Niederlage. Nach dem Spiel gegen die Löwen, der dritten Bundesliga-Niederlage am Stück, fordert Stefan Kretzschmar insofern „verbale Konsequenzen“, als „dass man mit der Mannschaft in den nächsten Tagen auf eine andere Art und Weise kommuniziert als bisher“.

Das ist nicht ungewöhnlich und klingt vermutlich auch härter, als es tatsächlich wird. Kretzschmar und Manager Bob Hanning haben eine formbare Mannschaft gebaut, die sich noch am Anfang ihrer Entwicklung befindet. Die Füchse verfügen über einen jungen und relativ großen Kader, „den ich für sehr gleichwertig halte“, so Kretzschmar, „gleichwertig heißt aber auch, dass niemand der ganz große Leader und Superstar ist. Gerade in der Phase, wo es schlecht läuft, haben wir ein Problem. Aber es wird wichtig sein, wie wir uns entwickeln.“

Auch wenn die Reise tabellarisch erst einmal nach unten geht, wird es spannend zu beobachten sein, wie die Spieler mit der Situation umgehen, wie sie die Niederlagen verarbeiten. Insofern können die Spiele gegen Flensburg und die Löwen vielleicht doch irgendwann in der Entwicklung der Spieler als richtungsweisend bezeichnet werden.